Wo lernten Arbeiter:innen, als Gewerkschaften noch verboten waren? Ein Spaziergang mit Rote Spuren durch Wiens gewerkschaftliche Bildungsgeschichte — vom Hinterzimmer zum Resonanzraum.
Mariahilferstraße 81
An einem frühlingshaften Donnerstagvormittag treffe ich Werner und Brigitte Drizhal vom Verein Rote Spuren, der historische Stadtspaziergänge zur Arbeiter:innengeschichte anbietet, in einer Tschibo-Filiale, in der Mariahilferstraße 81. Wir suchen uns eine ruhige Ecke für unsere Unterhaltung. Der Ort ist nicht zufällig gewählt: Im direkt angrenzenden heutigen Stadtsaal (damals „Hotel zum Blauen Bock“) versammelten sich im Dezember 1867 rund 3000 Arbeiter, um den Arbeiterbildungsverein Gumpendorf zu gründen. „Der Saal platzte damals aus allen Nähten. Das zeigt, wie groß das Bedürfnis nach Bildung und Organisation war“, erklärt Werner. Seit der Märzrevolution 1848 gab es immer wieder Versuche, sich in Arbeiterorganisationen offiziell zu organisieren. Sie scheiterten an staatlicher Repression. Zu einer Zeit, als Gewerkschaften noch verboten waren, übernahmen Bildungsvereine vor allem in den Industriezentren des Landes gewerkschaftliche Funktionen. „Aus Bildungsräumen wurden Organisationsräume“, bringt es Werner auf den Punkt.
Brigitte ergänzt, dass diese ersten Lernorte keine schicken Seminarräume darstellten. „Die ersten Bildungsräume waren in Hinterzimmern von Gasthäusern oder in den Betrieben. Erst später sind Lesezimmer und Arbeiter:innen Bibliotheken entstanden.“
Die Straße als Bildungsraum
Wir verlassen die Filiale und wandern gemeinsam die Mariahilferstraße abwärts zur Wiener Ringstraße.
„Die Straße war immer ein politischer Lernort. Hier lernt man Solidarität, Umgang mit Repression, Machtverhältnissen – eine Bewegung wird sichtbar – in Bewegung“, erklärt Werner. Am 13. Dezember 1869 marschierten 20.000 Arbeiter:innen, viele aus Arbeiterbildungsvereinen vor dem Reichstagsgebäude an der gerade entstehenden Wiener Ringstraße für das Koalitionsrecht. „Bildung war der Grundstein politischer Veränderung: Ohne Bildung keine Kampfkraft“ betont Brigitte. Anfang 1870 beschloss dann der Reichstag das Koalitionsrecht und vereinfachte damit den Zusammenschluss in Gewerkschaften…
…für Männer. Frauen blieben von Gewerkschaften und Vereinen weiterhin ausgeschlossen. Doch das hinderte sie nicht daran, sich zu organisieren – sie schufen sich ihre eigenen Räume. 1870 gründeten Frauen um die Blumenmacherin Albertine Moseberg einen eigenen Arbeiterinnenbildungsverein, mit bis zu 4.000 Teilnehmerinnen. „Frauenvereine waren früh da, aber ständig bedroht“, betont Brigitte. Es waren keine Ableger der männlich dominierten Bewegung, sondern eigenständige emanzipatorische Orte: „Lesen, Debattieren, politische Bildung und das Wahlrecht standen im Zentrum“, ergänzt Brigitte.
Eigene Orte für Bildung und Bewegung
„Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein hat man sich irgendwo eingemietet — Gasthaus, Vereinssaal, Hinterzimmer. Erst später kamen die eigenen Häuser“, erläutert Werner.
Ab den 1880er Jahren entstanden erste eigene Orte: Volksbüchereien, Lesezimmer, Arbeiterzeitungshäuser. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtete die erstarkende Arbeiter:innenbewegung Arbeiterheime und Volksheime mit eigenen Sälen und Bibliotheken, wie das Arbeiterheim Favoriten, das Volksheim Ottakring (die spätere Volkshochschule). Orte, an denen die Bewegung nicht mehr zu Gast war, sondern zuhause. 1926 öffneten die Arbeiter:innenhochschule im Theresienschlössel und die Gewerkschaftsschule — erstmals Räume, die gezielt für neue Funktionen wie den Betriebsrat ausbildeten. „Das war der Schritt vom provisorischen Ort zum Resonanzraum der Bewegung“, fasst Werner zusammen.
Was diese Häuser von reinen Schulungsräumen unterschied, bringt Brigitte auf den Punkt: „Sie waren nie nur Seminarräume. Das waren Orte der Begegnung, Kultur, Organisation — Räume, in denen Gewerkschaft ‚unter sich‘ sein und Identität bilden konnte.“ Das Anton-Hueber-Haus, 1931 im Westen Wiens eröffnet, war etwa zugleich Bildungshaus, Ferienort und Jugendhaus. Räume, die die Gewerkschaft als Lebensform spürbar machten.
Diese Qualität machte sie auch zur Zielscheibe. Als 1934 die Diktatur die Gewerkschaften illegalisierte, gingen die meisten dieser Orte verloren. Nach Kriegsende begann der Neuaufbau: Der ÖGB gründete ein eigenes Bildungsreferat, das Anton-Hueber-Haus wurde wiedereröffnet, ein wachsendes Netz an Bildungs- und Ferienhäusern entstand. 1977 schlossen sich diese Häuser zum Verband österreichischer Schulungs- und Bildungshäuser zusammen — dem VÖSB. „Mit dieser Koordination wurden Standards gesetzt — das hat den Bildungsorten eine neue Sichtbarkeit gegeben“, erklärt Werner. Aus diesem Verbund ging schließlich der heutige VÖGB hervor: Die aktuelle gewerkschaftliche Bildungsorganisation ist damit buchstäblich aus einem Zusammenschluss von Bildungshäusern entstanden.
Viele der gewerkschaftlichen Bildungshäuser wurden in den letzten Jahrzehnten verkauft oder geschlossen, was Werner nachdenklich stimmt: „Wenn diese eigenen Bildungsräume fehlen, ist das ein Verlust — man merkt es erst, wenn sie weg sind.“
Während wir reden, sind wir im Wiener Volksgarten angelangt. Brigitte bleibt vor dem Denkmal für den Ersten Wiener Demokratischen Frauenverein stehen. Das ist der Ausgangspunkt für den nächsten #raumo-Beitrag. Wir erkunden gewerkschaftliche Bildung am historischen Schauplatz des Geschehens: „Am Ort selbst entsteht ein anderes Lernen. Man sieht, spürt und versteht den historischen Kontext körperlich“, betont Werner. Die Straße, der Platz, das Denkmal als Lernraum – der Spaziergang als Methode.
Weiterführende Links:
Lernort Arbeiter:innenbildungsvereine | Rote Spuren
Rote Spuren | Interessiert an der Geschichte der Arbeiterinnen und Arbeiter
#demo: „Wir brauchen keine Untertanen, sondern Demokraten“
#geb: Eine kurze Geschichte der Mitbestimmung
#geb: Wie alles begann … (Teil 2)
#geb: Vom Bücherkoffer zum Distance Learning
Autor: Philip Taucher
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