#visdo: Marie Neurath (geb. Reidemeister) und der Schatten ihres Mannes

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Was mir bei meinen Recherchen rund um ISOTYPE immer wieder aufgefallen ist, ist die sehr unterschiedliche Wertschätzung gegenüber Otto Neurath und Marie Neurath (geb. Reidemeister).

Otto Neurath wird als visionärer Denker, als Begründer einer neuen Bildsprache, als Universalgelehrter und (mein Favorit) als Universalgenie (wichtig: ohne Anführungszeichen) beschrieben. Sein Werk gilt als fortschrittlich und revolutionär. Marie Neurath (geb. Reidemeister) hingegen wird in vielen Darstellungen nicht einmal namentlich genannt. Oft ist von „Otto Neurath und seinem Team“ oder von „Otto Neurath und Gerd Arntz“ die Rede – Marie ist „mitgemeint“ und bleibt so erstaunlich oft unsichtbar.

Das gab mir immer wieder zu denken und ließ mich nicht los. Hier daher meine Gedanken dazu…

Was war Marie Neuraths tatsächlicher Beitrag?

Marie Neurath war keine „Assistentin“. Sie war die zentrale Figur im Entstehungsprozess von ISOTYPE-Grafiken. Ihre Berufsbezeichnung lautete „Transformatorin“ – ein Begriff, den es zuvor in dieser Form nicht gab.

Marie, die „Transformatorin“

Otto lieferte häufig die inhaltlichen Konzepte und statistischen Grundlagen. Doch die eigentliche Übersetzung in eine visuelle Sprache, die Entscheidung, welche Information wie reduziert, strukturiert und verständlich dargestellt wird, lag bei Marie. Sie analysierte komplexe Daten, entwickelte daraus visuelle Konzepte und gab klare Anweisungen an die Grafiker:innen (unter anderem an Gerd Arntz, der die ikonischen Piktogramme zeichnete).

Die intellektuelle Leistung bestand also nicht nur im Sammeln von Daten oder im Zeichnen von Symbolen, sondern in der konzeptionellen Vermittlung zwischen Wissenschaft und Publikum. Genau das war die Aufgabe der „Transformatorin“.

Marie Reidemeister (später Neurath), ca. 1930; Otto and Marie Neurath Isotype Collection, University of Reading (1)

Man könnte zugespitzt fragen: wenn die Geschlechterverteilung anders gewesen wäre, wäre das bloße Bereitstellen der Daten (Otto) und die Ausführung von Maries Anweisungen (Gerd) als Hilfsarbeiten interpretiert und der gesamte Ruhm dem „Transformator“ zugeschrieben worden? Würde man (bei vertauschten Rollen) heute von „Otto Neurath, dem genialen Transformator“ sprechen?

Marie erfand den Namen ISOTYPE

Der Begriff ISOTYPE (International System of Typographic Picture Education) wurde von Marie geprägt. Damit erhielt die Methode eine internationale, systematische Identität.

Über-lebensgroße Darstellung von Otto Neurath im Wien Museum – Wilfried Gerstel, Verfechter des Glücks, 2025 © Bildrecht, Wien 2025 (1)

Marie leitete das ISOTYPE-Institut noch 25 Jahre nach Ottos Tod

Nach Ottos Tod 1945 führte Marie das ISOTYPE-Institut in Großbritannien weiter – und zwar rund 25 Jahre lang. Sie organisierte Projekte, entwickelte neue Bildstatistiken und widmete sich zunehmend Kinderbüchern, in denen sie komplexe Themen (Wissenschaft, Technik, Gesellschaft) visuell zugänglich machte. Sie veröffentlichte zahlreiche Bücher, viele davon international erfolgreich – doch ihr Name erscheint in historischen Rückblicken oft nur am Rand.

Berufsbezeichnungen und ihre Wirkung

Foto © Lana Lauren, Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum Feb 2025

Ein Detail, das mich besonders irritiert hat: Auf historischen Schautafeln des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums in Wien wird Otto Neurath als Ökonom, Soziologe und Universalgenie bezeichnet (alle Bezeichnungen ohne Anführungszeichen). Universalgenie ist scheinbar eine offizielle Berufsbezeichnung.

Marie Neurath hingegen wird als „Transformatorin“ geführt (in Anführungszeichen). Dabei war die Transformation das Herzstück der Methode. Diese typografische Geste wirkt klein, ist aber symbolisch aufgeladen und lässt mich mit vielen Fragen zurück.

Die Sache mit dem Namen

Marie wurde als Marie Reidemeister geboren und heiratete später Otto Neurath. In Quellen taucht sie unter verschiedenen Bezeichnungen auf:

  • Marie Reidemeister
  • Marie Neurath
  • Marie Neurath (geb. Reidemeister)
  • Marie Reidemeister (später Neurath)

Ich frage mich, ob die verschiedenen Nennungen auch dazu führen, dass das zuordnen aller historischen Berichte zu einer Person mit zwei verschiedenen Namen erschwert wird. Wer nach „Reidemeister“ sucht, findet andere Treffer als unter „Neurath“. Auch das kann zur Unsichtbarkeit beitragen.

Historische Muster

Foto © Lana Lauren

Man könnte nun vermuten: Vielleicht war ihr Beitrag doch geringer? Vielleicht hat sie ja auch nicht so viel gemacht und war hauptsächlich Ottos Partnerin, hat sich um den Haushalt gekümmert und halt ein bisschen mitgeholfen bei der Arbeit rund um ISOTYPE?

Ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte (und in das Buch „Beklaute Frauen“ von Leonie Schöler) mahnt zur Vorsicht. Immer wieder wurden Leistungen von Frauen marginalisiert oder Männern zugeschrieben – von der Physik bis zur Medizin. Beiträge verschwanden in Fußnoten oder wurden als „Mitarbeit“ deklariert, obwohl sie zentral waren. Recherchiert zum Beispiel mal nach folgenden Namen:

  • Rosalind Franklin (erzeugte das für die Entdeckung der DNA-Doppelhelix entscheidende „Photo 51“ – der Nobelpreis dafür ging an drei Männer)
  • Lise Meitner (lieferte die physikalische Erklärung der Kernspaltung – ein Mann erhielt den Nobelpreis)
  • Jean Purdy (Mitentwicklerin der In-vitro-Fertilisation – ein Mann erhielt den Nobelpreis, sie wurde nicht erwähnt)
  • Jocelyn Bell Burnell (entdeckte die ersten Pulsare – der Nobelpreis ging an zwei Männer)
  • Ada Lovelace (schrieb das erste veröffentlichte Computerprogramm – wurde als „Assistentin“ dargestellt)
  • Esther Lederberg (entwickelte wichtige Methoden wie das Replica Plating – ihr Mann bekam den Nobelpreis)

Gerade wenn eine Frau in historischen Quellen überhaupt sichtbar ist, liegt die Vermutung nahe, dass ihr Beitrag substanziell war.

Ist das alles Schnee von gestern?

Ich höre förmlich schon einen tiefen Bariton aus der letzten Reihe rufen: „Das war halt früher so. Heute passiert das nicht mehr.“ Leider entspricht das nicht meinen Beobachtungen.

Ich erinnere mich an ein Branchentreffen, bei dem ein männlicher Organisator (nennen wir ihn Markus) sämtliche Kommunikation mit „Markus + Team“ unterzeichnete. Er war das einzige sichtbare Gesicht nach außen. Das Team (ausschließlich Frauen) arbeitete ehrenamtlich im Hintergrund. Sichtbarkeit? Fehlanzeige.

Oder an dutzende Konferenzen und Expert:innenrunden, die ich in den letzten Jahren beruflich besucht habe, bei denen nach wie vor ausschließlich männliche Personen im Rampenlicht stehen (für eine Arbeit, die oftmals im Team erbracht wurde). Weil „wir wollten eh, aber es war so schwer eine Frau für das Thema zu finden“.

Was bedeutet das für uns heute?

Ich frage mich, wie viele geschichtlich wichtige Arbeit, die heute Männern zugeschrieben wird, tatsächlich von Frauen geleistet wurde. Ob es überhaupt möglich ist, viele Jahre später die undokumentierten (oder bewusst falsch zugeordneten) Arbeiten den Personen zuzuordnen, die tatsächlich dafür verantwortlich sind. Und wie wir heute sicherstellen können, dass uns nicht weiterhin die gleichen Fehler passieren. Dass wir bewusst fragen:

  • Welche (bzw. wessen) Aufgaben werden in unserer Gesellschaft wertgeschätzt und finanziell entlohnt oder mit Status und Anerkennung gewürdigt?
  • Wie können wir (dort, wo wir die Möglichkeit dazu haben) den Beitrag aller Beteiligten entsprechend dem tatsächlichen Einsatz würdigen? 
  • Wer macht Aufgaben, die weder vergütet noch wertgeschätzt werden (mitschreiben, aufräumen, vorbereiten,…)?
  • Wer ist das Gesicht nach außen? 
  • Wer bekommt für ein Teamprojekt die Anerkennung und den Ruhm?

Marie Neurath hat Inhalte sichtbar gemacht.
Vielleicht ist es an der Zeit, auch sie sichtbarer zu machen.

Autorin: Lana Lauren


Quellen

  • (1)     Fotomaterial zur Verfügung gestellt vom Wien Museum

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