#mm: Storytelling weiter gedacht…

Storytelling wirkt! Kein Wunder, sind wir doch schon als Kinder mit Geschichten beruhigt eingeschlafen. Wenn wir uns heute an früher Erlebtes erinnern, spinnen wir automatisch unsere eigenen Geschichten. Storytelling bewegt nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz, die Emotionen. Doch taugt Storytelling als Bildungsmethode mit kritischem Anspruch? Unsere These: Botschaften in spannende und mitreißende Geschichten zu verpacken, macht noch keine Bildungsmethode, die Kritikfähigkeit unterstützt. Geschichten bieten aber Ansatzpunkte für kritische Lernprozesse.

Warum ist Storytelling ein mächtiges Werkzeug?

Stärken von Storytelling (CC: REFAK)

Zwei Szenarien:

Szenario 1: Experte Fritz erklärt mit mühsam erhobenen Zahlen, Daten und Fakten die Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse und die Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft.

Szenario 2: Referentin Ayşe beschreibt denselben Inhalt mit der Geschichte von Barbara Z., die trotz täglicher Überstunden ihre sechsköpfige Familie mehr schlecht als recht durchbringt. Die beengte Wohnung, die Kinder, die sich auf die Füße treten und streiten, weil sie keinen Platz haben: all das kommt in der Geschichte über Barbara Z. vor.

Wir kennen den Effekt. Derselbe Inhalt geht bei Experte Fritz nur mühsam in die Köpfe, bleibt, obwohl klar und gut verständlich referiert, abstrakt und „fern“, ohne große Wirkung. Als Referentin Ayşe den Inhalt in eine Geschichte verpackt, ist das anders. Anteilnahme, Spannung, vielleicht Wut kommen auf, die Zuhörer*innen fühlen mit Barbaras Situation mit.

Nicht nur Emotionen machen Storytelling stark. Storytelling ist Teil der Entwicklung jedes Einzelnen wie der Menschheit als Ganzes. Wir alle haben in der Kindheit Geschichten erzählt bekommen. Wir erinnern uns in Geschichten, ob wir wollen oder nicht.

In der Menschheitsgeschichte spielten Geschichten bei der Wissensweitergabe eine wichtige Rolle. Storytelling ist eine uralte „Lehrmethode“ aus einer Zeit lange vor der Entstehung von Schulen oder der Schrift. Vermutlich haben schon Steinzeitkinder die spannenden Jagdgeschichten der Erwachsenen am Lagerfeuer gehört, bevor sie zum ersten Mal selbst bei der Jagd dabei waren. So wurde ein „episodisches Gedächtnis“ entwickelt und trainiert, das Geschichten, Abläufe, Ereignisse effektiv speichern kann, auf alle Fälle besser als ein „abstraktes“ Gedächtnis.

Sogar Gedächtniskünstler nutzen die Stärke von Storys, indem sie Fakten und Begriffe, die sie im Gedächtnis behalten wollen, in einen Ablauf, in eine Geschichte verpacken. So werden Inhalte leichter abrufbar.

Neu ist Storytelling nicht, trotz des „Hypes“, der in den letzten Jahren um diese Methode gemacht wird. Es gibt gerade im Netz unzählige Veröffentlichungen und Angebote. Woran liegt das? Die Wirksamkeit des Storytellings ist sicher ein Grund, gleichzeitig ist die Methode leicht zu erlernen. Wir haben alle schon Geschichten gehört, gelesen und selbst erzählt. Dazu kommt die Werbung, die ihre Hochglanzgeschichten und Heldensagas erzählt. Ja, dann machen wir das in der Bildungsarbeit jetzt auch so und alles wird gut?

Geschichten und Geschichte

  • Der Ursprung des Bildungsbegriffs liegt im Mittelalter. Menschen sollten als Abbild Gottes geformt werden, also als Teil einer großen Geschichte funktionieren.
  • Die damalige Megaerzählung, die als Begründung für alles und jedes herangezogen wurde, war die Bibel – ein Mythos.
  • Die bürgerliche Aufklärung entgegnete einen kritischen Bildungsbegriff, der auf sinnliche Erfahrung, Messung, Fakten, (natur)wissenschaftliche Methoden setzte und ihre Wahrheiten nicht mehr von der Bibel ableitete.
  •  Das heißt nicht, dass weniger Geschichten erzählt wurden, ganz im Gegenteil. Im kulturellen Kampf um die gesellschaftliche Herrschaft sollte elitäre Bildung den Machtanspruch des Bürgertums begründen. Die großen mystischen Erzählungen der Antike zu kennen, wurde zum Statussymbol humanistischer bürgerlicher Bildung und Abgrenzungsmerkmal zu scheinbar Ungebildeten (Adelige, Bauern, ArbeiterInnen).
  • Für die im 19. Jahrhundert lange noch illegale ArbeiterInnenbewegung  waren die alltäglichen Geschichten und Lieder des Widerstands Ausgangspunkt für eine gemeinsame Selbstermächtigung gegen das Joch bürgerlicher Herrschaft. Bücher waren selten vorhanden, und wenn doch, konnten sie nur wenige lesen. Die eigenen alltäglichen Erfahrungen und Geschichten dienten damit als Ausgangspunkt, um sich die Welt und damit auch das Lesen, Schreiben und Rechnen, kritisch anzueignen.
  • Die feministische Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts kritisierte ebenfalls die bürgerliche Trennung der Gesellschaft in eine herrschende, rationale, universelle, geistige, männliche Welt der Kultur und eine beherrschte,  emotionale, alltägliche, körperliche, weibliche Welt der Natur.
  • Nachdem das weibliche Wissen selten Wertschätzung erfuhr, machten sich FeministInnen ihre alltäglichen Geschichten zunutze, um einen kritischen Standpunkt zu formulieren. Männliche Herrschaft sollte “von unten,” ausgehend von den eigenen alltäglichen Geschichten, nicht den großen Erzählungen der Männer, beforscht und kritisiert werden. Die eigenen Geschichten bildeten das Einfallstor, um Herrschaftsverhältnisse gemeinsam zu analysieren und zu bekämpfen.

Die Krux mit der Wahrheit und der Wirklichkeit

Wahrheit und Wirklichkeit spielen im Storytelling eine untergeordnete Rolle. Geschichten werden „didaktisch zugespitzt“, Pointen und Einzelheiten mitunter frei erfunden, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Mit Geschichten lassen sich Lernprozesse mit lebenspraktischen Erfahrungen verbinden, nur empirische Belege sind das nicht.

Dass in Geschichten der Wirkung wegen schon einmal geflunkert wurde, ist nicht erst im „postfaktischen Zeitalter“ mit seinen Fake-News aufgekommen. Das gab es schon immer beim Geschichtenerzählen. Wie die vom (im Bayerischen) berühmten Räuber und bewunderten Volksheld Mathias Kneißl. von dem wird erzählt, er habe auf dem Weg zum Schafott – an einem Montag – zu seinem Henker gesagt: „Die Woch fangt scho wieder gut an!“ Eine schöne Geschichte für die einfachen Leute, mit denen Kneißl seine Beute geteilt haben soll. Geköpft wurde Kneißl am 21. Februar 1902 und das war ein Freitag. Wie viele der Geschichten neigt auch die Kneißl-Story zur Mythenbildung, da ist die Frage nach der Wahrheit oder gar eine kritische Perspektive fehl am Platz.

Das ist bei einer alten Räuberposse erheiternd. Wenn man an die Storys denkt, die von Rechten im Internet über Flüchtlinge oder Menschen mit anderer Hautfarbe oder sexueller Orientierung verbreitet werden, wird es bitterernst.

Storytelling – keine kritische Bildungsmethode!

Storytelling ist keine kritische Bildungsmethode (CC: REFAK)

Storytelling kann also missbraucht werden – das hat die Methode mit anderen gemeinsam. Methoden sind in erster Linie „Werkzeug“, das für verschiedene Ziele eingesetzt werden kann.

Daneben gibt es methodenspezifische Eigenschaften, die eine Lehr- oder Lernmethode für spezielle Bildungsziele wie die Fähigkeit zum kritischen Denken und Hinterfragen mehr oder weniger geeignet machen.

Kritisches Denken geht von Widersprüchen aus. Eine gute Geschichte blendet Widersprüche tendenziell aus. Geschichten müssen in sich stimmig sein, damit sie wirken können. Was nicht stimmig ist, wird stimmig gemacht und da gehen Widersprüche verloren.

Storytelling wirkt emotional, erzeugt Betroffenheit und Anteilnahme. Wir versetzen uns in die Geschichte, in die „Heldin“ oder in ihre Gegner. Wir sind mittendrin. Kritisches Denken und Bildung dagegen braucht Distanz. Damit ein Lerngegenstand „angeeignet“ werden kann, muss er erst Objekt sein, von außen betrachtet werden. Was läuft da ab und vor allem warum? Wo sind die Zusammenhänge, die Widersprüche? Wie schaut das aus, wenn ich eine andere Perspektive einnehme?

Geschichten – anders eingesetzt

Nun könnte man behaupten, dass Geschichtenerzählen überhaupt nicht mit einem kritischen Bildungsverständnis vereinbar ist und wir einfach Fakten, Fakten, Fakten liefern müssen. Falsch gedacht. Unsere Geschichten sind als Ausgangspunkt für kritische Bildungsprozesse unabdingbar, nicht weil sie besonders „authentisch“ sind. Nein, unsere Geschichten und Erinnerungen sind geprägt von gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen, alltäglichen Ideologien und Weltsichten. Deshalb bilden sie ein hervorragendes Fenster, um das Individuelle/Persönliche und das Gesellschaftliche, und damit unser Handeln in der Welt, kritisch in den Blick zu nehmen. Schließlich gibt es viele Erfahrungen und Ideen, wie sich Storytelling auch mit dem Bildungsziel „kritisches Bewusstsein“ verbinden lässt.

Storytelling weiterdenken z.B. mit Erinnerungsarbeit (CC: REFAK)

Beispiel 1: Storys als Einstieg in Lernprozesse

Wir aktivieren Teilnehmer*innen und bringen sie dazu, ihre Geschichten über konkrete selbst erlebte Situationen zum Thema zu erzählen.

ThemaAusgangspunkt der Geschichte…
Train-the-TrainerDa hat es bei mir „klick“ gemacht…
SolidaritätDa habe ich Solidarität konkret erlebt…
ArbeitsrechtDa bin an die Grenzen des Rechts gestoßen…
RassismusDa habe ich mich selbst dabei ertappt…
Beispiele für Geschichten zum Einstieg

Damit ist ein Bezug (kein Abbild) zur Realität und zur Lebenswirklichkeit der Teilnehmer*innen hergestellt. Gleichzeitig werden Emotionen geweckt. Dann aber muss die Ebene des kritischen Denkens dazukommen:

Bei Solidarität durch Fragen wie: Was bedeutet Solidarität für uns heute? Wie hat sich das verändert und warum? Wie wird es öffentlich diskutiert (z.B. während des Corona Lockdowns)? Wie können wir Solidarität in unserer Arbeit realisieren? Das könnte durchaus die Frage am Ende des Lernprozesses einschließen: Welche Geschichte über Solidarität möchte ich in Zukunft gerne erzählen?

Auch das Thema Rassismus darf nicht bei Geschichten bleiben. Das schließt neben einer Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen für latenten Rassismus auch die selbstkritische Reflexion ein: Wie viel Rassismus steckt in mir und woher kommt der?

Beispiel 2: Stories als Ausgangspunkt für kollektive Erinnerungsarbeit

Aus der feministischen Frauenbewegung stammt das Format Erinnerungsarbeit, in der Geschichten eine zentrale Rolle spielen. Von Teilnehmer*innen aufgeschriebene Geschichten werden zum Gegenstand eines umfangreichen Arbeits- und Lernprozesses.

  • Schritt 1: Die Gruppe einigt sich auf ein Thema: z.B. “Das hat mich beim Training gestört…”
  • Schritt 2: Jede und jeder schreibt eine A4 Seite lang über eine bestimmte Situation, die sie/er mit dem Thema verbindet (z.B. eine Situation in einem Seminar voller RechthaberInnen… soll ja vorkommen).
  • Schritt 3: Man schreibt die Geschichte in die 3. Person um. Das schafft Distanz. Ab dem Moment wird der Text bearbeitet, um mehr über gesellschaftliche Verhältnisse zu erfahren. Es wird nicht eine bestimmte Person analysiert.
  • Schritt 4: Alle lesen ihre Geschichte in der Gruppe vor und gemeinsam wird entschieden, mit welcher Geschichte man als erstes in der Gruppe arbeiten will.
  • Schritt 5: Mit folgenden Fragen wird die Geschichte bearbeitet:
Frage 1: Was will uns die/der Autor/in sagen. Was ist “Die Moral von der Geschicht?”
Frage 2: Wie könnte man diese Botschaft in ein Sprichwort fassen? 
Frage 3: Welche bekannten Märchen, Geschichten, Filme, Mythen… fallen uns dazu ein? 
Frage 4: Wie werden die Personen dargestellt/beschrieben (Passiv, aktiv, sichtbar, unsichtbar, direkt, indirekt, handelnd/erleidend….) 
Frage 5: Was fehlt, damit die Geschichte in der Realität funktionieren würde? (Lücken) 
Frage 6: Wo sind Widersprüche/ wo Spannungsfelder, die sich ergeben? 
Frage 7: Wo spielen hier individuelles Handeln und gesellschaftliche Verhältnisse zusammen?
Frage 8: Nach der Analyse: Was ist die Botschaft, die der Text vermittelt? 
Frage 9: Welche Theorien und wissenschaftliche Erkenntnisse gibt es dazu?
Frage 10: Wie müsste man die Geschichte umschreiben, damit die AkteurInnen handlungsfähiger werden?
10 Fragen zur Analyse einer Erinnerungsgeschichte

Hinweise zum Weiterdenken

Wir wissen, dass Storytelling auch Botschaften vermitteln kann, die wir auf keinen Fall verbreiten möchten. Dennoch setzen wir die “Storypower” (Ein Buchtitel von Vera F. Birkenbihl) gerne ein, weil mit wenigen anderen Methoden Inhalte so nachhaltig vermittelt werden können. Denken wir in verschiedene Richtungen kreativ weiter…

Autoren: Ulli Lipp; Philip Taucher

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