#geb: Wie alles begann … (Teil 2)

Eine Zeitreise durch 150 Jahre Bildungsgeschichte

Diesmal starten wir unsere Reise am Beginn der Zweiten Republik. Da hat sich einiges abgespielt: Die Sozialpartnerschaft bringt Konsenspolitik und rechtliche Mitbestimmung in den Betrieben. Ein umfassendes Netz an gut geschulten Funktionär:innen wird rasch nötig. Österreichweit entstehen nun Leuchttürme der gewerkschaftlichen Ausbildung. Doch die Sozialpartnerschaft zeigt Brüche …


Hier könnt ihr die ersten Stationen des Beitrags überfliegen.

Station 8
1950er-Jahre: Im Zeichen der Sozialpartnerschaft

Der gestiegene Einfluss der Gewerkschaften in Politik und Gesellschaft machte es notwendig, die gewerkschaftliche Erwachsenenbildung kontinuierlich und systematisch aufzubauen. Seit Mitte der 50er-Jahre galt das Mindset: Konsensdemokratie und sozialpartnerschaftlicher Interessenausgleich. Dem ÖGB, seinen Gewerkschaften und den Arbeiterkammern kamen dabei eine zentrale Bedeutung zu. In dieser Zeit sind institutionelle Leuchttürme der Bildung entstanden: der mehrmonatige Lehrgang Sozialakademie (Sozak) als oberste Stufe der Betriebsrät:innenausbildung, vor allem aber auch die Wiederaufnahme der Gewerkschaftsschule im Jahr 1947. Von Wien aus startend folgte im kommenden Jahrzehnt der kontinuierliche österreichweite Ausbau.

Station 9
1950er bis 1970er-Jahre: Systematischer Ausbau der Gewerkschaftsbildung

Nun galt es, das erweiterte Gewerkschaftsmandat auf allen Ebenen praktisch umzusetzen. Dafür brauchte es rasch ein breites Netz aus konsenspolitisch geschulten Funktionär:innen.1947 wurde das Betriebsrätegesetzes wieder eingerichtet. Damit erhielten Betriebsräte neue Rechte auf wirtschaftliche Mitsprache und Kontrolle in den Unternehmen. Das erforderte eine zunehmende Auseinandersetzung mit gesellschaftsrechtlichen wie volks- und betriebswirtschaftlichen Fragen. Es entwickelte sich ein immer dichteres System gewerkschaftlicher Erwachsenenbildung – mit Bildungsverantwortlichen im ÖGB und den Gewerkschaften auf Bundes- und Landesebene ebenso wie in den Arbeiterkammern. Zahlreiche gewerkschaftliche Schulungszentren in ganz Österreich wurden nun eröffnet.

Station 10
1970 ff: Mehr Demokratie wagen!

Mit Antritt der Regierung Kreisky änderte sich die politische Landschaft Österreichs.  Auch die Gewerkschaftsbildung wurde vom allgemeinen Aufbruch dieser Jahre zu ‚mehr Demokratie’ erfasst: Die überbetriebliche Sozialpartnerschaft wurde weiter institutionalisiert, die rechtliche Mitbestimmung in den Betrieben und Unternehmen erweitert bis zu Aufsichtsräten in Kapitalgesellschaften. Die zentrale Grundlage für den neuen Bildungsauftrag war die 1971 nachgebesserte Bildungsfreistellung. Das Arbeitsverfassungsgesetz führte 1974 das Betriebsräte- und Kollektivvertragsgesetz zusammen, zugleich konsolidierte und erweiterte es auch die Informations- und Überwachungsrechte sowie die Interventions- und Mitbestimmungsrechte des Betriebsrates in wesentlichen Punkten.

Station 11
1970er bis 1990er-Jahre: Mitbestimmung erfordert innovative Bildungsarbeit

Neue Rechte, neue Herausforderungen: Die erweiterten Kompetenzen und der erweiterte Aktionsradius betrieblicher Interessenvertretung machten es notwendig, die Weiterbildung von Betriebsrät:innen systematisch auszuweiten. Auf der Angebotsseite folgte ein neuer Schub an Entwicklung und Professionalisierung. Neue Spezialausbildungen waren unumgänglich. Von zentraler Bedeutung war auch hier der gesetzliche Auftrag der Arbeiterkammern zur Unterstützung der Gewerkschaftsbildung – etwa bei dem 1977 zur Qualifizierung von Aufsichtsräten neu etablierten „Instituts für Arbeitsverfassung und Mitbestimmung“ (IFAM) oder bei der 1988 von ÖGB und AK gegründeten Referent:innen-Akademie (REFAK) für die Aus- und Weiterbildung von Trainer:innen und Vortragenden der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit. So aber auch bei der bundesweiten Etablierung mehrmonatiger Betriebsräteakademien (BRAK), die unter der Schirmherrschaft der Arbeiterkammern in immer mehr Bundesländern entstanden.

Station 12
1990er/2000er Jahre: Europa erreicht auch die Gewerkschaftsbildung

Die Umbrüche in Osteuropa und die Dynamik der europäischen Integration brachten Ende der 1980er-Jahre neue Dynamik in die internationale Bildungsarbeit. Spätestens mit dem EU-Beitritt Österreichs und der Umsetzung der EU-Richtlinie zur Einrichtung Europäischer Betriebsräte erlangten europäische Themen neue praktische Relevanz auch für immer mehr Betriebsrät:innen – an vorderster Stelle jene in multinationalen Konzernen. Europäische Themen und Europapraktika erlangten folglich vermehrt Eingang auf allen Ebenen der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit – von der SOZAK und den Betriebsräteakademien bis hin zu den Grund- und Spezialausbildungen der Gewerkschaften.  

Station 13
2018 ff: Politischer Gegenwind zwingt zum Reality-Check

Im Zuge sozialpartnerschaftlicher Strukturen folgte die Bildungsarbeit von ÖGB, Gewerkschaften und AK vor allem der Organisationslogik, Interessenkonflikte und Verteilungsfragen besser am Verhandlungstisch anstatt auf der Straße zu lösen. Im Zentrum stand lange die Ausbildung engagierter Belegschaftsvertretungen zu kompetenten Anwält:innen der Beschäftigten. Es dominierte die fachliche und rechtliche Schulung. Das sollte sich ändern: Gesellschaftliche und politische Veränderungen sowie der Einzug neoliberaler Wirtschaftsgedanken führten zu neuen Arbeitsrealitäten und zur Abnahme sozialpartnerschaftlicher Gestaltungsmöglichkeiten. Mit Auswirkungen auch für die Gewerkschaftsbildung. Auch hier stand ein Reality-Check an, inwiefern traditionelle Bildungsinhalte ausreichen, den neuen Anforderungen der Interessenvertretung umfassend zu entsprechen.

Station 14
„Bildung zur Gegenmacht“ erweitert den klassischen Bildungskatalog

Vor diesem Hintergrund war es für den ÖGB und die Gewerkschaften notwendig, sich für Zeiten zu rüsten, in denen in Regierungs- und Wirtschaftskreisen Stimmen lauter wurden, „den österreichischen Weg“ mit seinem gewachsenen und breit getragenen konsensualen Grundverständnis zu verlassen. Um Durchsetzungskraft in Wirtschaft und Gesellschaft, v.a. aber auch in den Betrieben, zu erhalten, galt es, neben traditionellen Handlungsmustern neue strategische Wege einzuschlagen. Der Weg, der künftig beschritten werden soll: Wo möglich und angebracht, verhandlungsfähig und abschlussorientiert zu sein. Wo notwendig und gefordert, aber auch kraftvoll und effektiv gegenmachts- und kampagnenfähig zu sein. In der Gewerkschaftsbildung startete folglich ein umfassender Strategieprozess, mit dem Ziel, die Bildungsprogramme entsprechend zu aktualisieren. In den vielfältigen Bildungsprogrammen von ÖGB, AK und Gewerkschaften finden sich spürbar neue und adaptierte Angebote mit der Zielrichtung: ‚Mach dich stark als Betriebsrat‘.

Eines ist klar: Auch diese Geschichte ist sicher hier nicht zu Ende.

Zum Weiterlesen


Was uns nächstes Mal erwartet …

Gewerkschaftspolitische Bildung hat in Österreich eine lange Tradition. Aber wer sind sie, die zahlreichen Player in der gewerkschaftlichen Bildungslandschaft? Wie spielen sie zusammen? Wer bietet welche Bildungsangebote an und für wen? Sabine Letz hat für uns den Überblick.

Autor: Wolfgang Greif
Illustrationen: Julia Stern
Redaktion: Irene Steindl

Lust auf mehr? Zu allen Folgen der Serie #geb – Gewerkschaftliche Erwachsenenbildung kommst du HIER!

Print Friendly, PDF & Email

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen unter gleichen Bedingungen 3.0 Österreich Lizenz.
Volltext der Lizenz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.