#dimi_24: „Hilf mir es selbst zu tun.“

Was Erwachsenenbildner:innen von Maria Montessori lernen können

An was denkst du, wenn du den Namen „Montessori“ hörst? Viele denken vermutlich sofort an Montessori Schulen oder Kindergärten von denen es in Österreich gar nicht so wenige gibt.

Doch was hat die Montessori Pädagogik mit Erwachsenen zu tun? In diesem Blogbeitrag möchte ich der Frage nachgehen, was wir Erwachsenenbildner:innen von Maria Montessori lernen können und welche Inspirationen in ihren Prinzipien schlummern.

Nachtrag: Nach der Veröffentlichung dieses Blogbeitrags wurde ich auf eine Seite von Maria Montessori aufmerksam, die mir – und sicher vielen anderen auch – bisher verborgen war. In ihrer «Antropologia Pedagogica» (1910), die erst 2019 in deutscher Sprache im Verlag Herder erschien, wird deutlich, dass Maria Montessori ein Menschenbild vertritt, das auf der Rassenanthropologie aufbaut. Von diesem distanzierte sie sich auch nach 1945 nicht. Mit diesem Wissen im Hintergrund und der Frage, warum diese Seite solange im Verborgenen blieb, ändert sich nicht nur die Leseart dieses Artikels, sondern das gesamte Bild auf diese Frau und deren Lebenswerk.

Erst mal kurz zur Geschichte. Wer war Maria Montessori?

Maria Montessori war eine italienische Ärztin und Pädagogin. Geboren 1870 war sie eine Visionärin ihrer Zeit. Während ihres Lebens setzte sie sich leidenschaftlich für Bildungsreformen und Kinderrechte ein. Sie war auch in internationalen Gremien aktiv, die sich mit Fragen der Kindererziehung und -entwicklung befassten.

Maria Montessori erkannte, dass die Art und Weise wie Kinder lernen die Grundlage für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung und in der Folge einer gesunden Gesellschaft bilden. Aus diesem umfassenden Lernverständnis heraus, wird sie oft auch als Friedenspädagogin bezeichnet und wurde mehrfach für den Friedensnobelpreis nominiert. Willst du mehr zu ihrem Leben erfahren, findest du hier einen umfassenden Überblick über ihr Schaffen und Wirken.

Welches Verständnis von Lernen vertrat Maria Montessori?

CC Unsplash

Montessori erkannte, dass Kinder von Natur aus neugierig und lernbegierig sind und beobachtete genau, was zu ihrer Entwicklung beiträgt. Dabei entstand eine Pädagogik, die es den Kindern ermöglicht, selbstbestimmt zu lernen und Selbstvertrauen zu entwickeln ohne vom Lob der Erwachsenen abhängig zu sein. Die tiefgehende Auseinandersetzung mit der Frage, wie Lernen passiert, führte zu vielen Erkenntnissen, die das pädagogische Denken nachhaltig geprägt haben. Zentrale Lernmodelle wie z.B. das selbstgesteuerte Lernen (#dimi_22) greifen auf die Ideen von Montessori zurück.

Wie wir das von Montessori geprägte „entdeckende Lernen“ in der (gewerkschaftlichen) Erwachsenenbildung nutzen können, möchte ich anhand ihrer zentralen Prinzipien erklären. Diese Prinzipien bieten auch eine gute Orientierung, wenn es zum Beispiel um die Entwicklung von e-learning Kursen geht. Diese sind inzwischen ein fixer Bestandteil der Bildungslandschaft und dabei spielt selbstgesteuertes Lernen eine große Rolle.

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  1. Freiheit und Selbstbestimmung: Maria Montessori erkannte früh, dass Freiheit und Selbstbestimmung ein zentraler Faktor für nachhaltiges Lernen sind. Die Lernenden sollen die Freiheit haben, ihre eigene Lernrichtung zu wählen. Montessori-Pädagog:innen fungieren als Begleiter:innen und unterstützen die Lernenden dabei, ihre Interessen zu entdecken und zu vertiefen. Pädog:innen sind angehalten den Lernprozess vor allem zu beobachten und intervenieren nur, wenn es notwendig ist. Montessori nennt das auch Führen durch Stille: Dieser Ansatz fördert das eigenständige Lernen und die Entwicklung von Selbstvertrauen und Selbstlernkompetenz. Das Rollenverständnis, mit dem Trainer:innen einen Lernprozess gestalten, ist auch in der Erwachsenenbildung zentral. Mehr dazu im #dimi_02 und #dimi_17.
  2. Vorbereitete Umgebung und Selbstkorrektur: Ein zentrales Element der Montessori Pädagogik sind die Montessori Materialien, die die Entwicklung der Sinne, die kognitive Fähigkeiten und die Selbstständigkeit der Kinder fördern. Dabei gibt es genaue Kriterien, die Lernmaterialien erfüllen sollen. Das Lernen selbst findet dann in der „vorbereiteten Umgebung“ in Auseinandersetzung mit den spezifischen Lernmaterialien statt. Die Materialien sind so konzipiert, dass Fehler selbst erkannt und korrigiert werden können. Jedes Material adressiert eine spezifische Lernherausforderung und wird in einfacher Ausführung zur Verfügung gestellt, um die „Polarisation der Aufmerksamkeit“ zu unterstützen. Dies trägt zu einer besseren Strukturierung des Wissen bei. Diese Kriterien für die Entwicklung von Lernmaterialien (siehe #dimi_21) sind auch in der der Erwachsenenbildung hilfreich. Entwickeln wir beispielsweise einen e-learning Kurs, ist es wichtig, sehr klar zu überlegen, welche Lernerfahrungen das einzelne Lernmaterial stimulieren soll. Da e-learning-Kurse meist als selbstgesteuertes Lernen konzipiert sind, fällt und steigt die Qualität der Lernmaterialien mit ihrer wohldosierten „Verdaubarkeit“ und der Möglichkeit zur Fehlerkorrektur. Werden beispielsweise zu viele Themen in eine Aufgabe gepackt, kann leicht Verwirrung entstehen, die als Hürde wirkt und zum Aufgeben führen kann.
  3. Sensible Phasen: Montessori erkannte, dass es bestimmte sensible Perioden gibt, in denen Kinder besonders empfänglich für bestimmte Arten von Lernerfahrungen sind. Der „absorbierende Geist“ nimmt die Informationen und Eindrücke aus der Umgebung auf und verarbeitet sie besonders gut, wenn das Eigeninteresse vorhanden ist. Schaffen wir im Seminar Möglichkeiten auf konkrete „Problemstellungen“ einzugehen, öffnen wir das Tor zu den sensiblen Phasen. Die eigene erlebte „Unwissenheit“ wirft Fragen auf und fördert den Antrieb sich mit einem Wissensgebiet auseinanderzusetzen. Durch Nachfragen können die sensiblen Phasen erkannt werden. In der Folge können Angebote zur Auseinandersetzung mit dem Thema das erkundende Lernen anregen, das in meiner Erfahrung oft in Selbstinitiative fortgesetzt wird.
  4. Individualität: Die Montessori-Pädagogik berücksichtigt die einzigartigen Bedürfnisse, Fähigkeiten und Interessen jedes Menschen. Der Lernprozess ist auf die individuelle Stärken und Schwächen ausgerichtet. Auch dieser Punkt geht eindeutig über die Bedeutung für die Elementarpädagogik hinaus. Gerade in der Erwachsenenbildung treffen wir auf diverse oder heterogene Lerngruppen. Der #dimi_09 hält dazu einige Gedanken und Materialien bereit. Das Eingehen auf die individuellen Lernbedürfnisse ist dabei Herausforderung und Chance zugleich. Das Konzept der Binnendifferenzierung regt an, Lernen nicht als linearen Prozess zu sehen, sondern unterschiedliche Lernwege möglich zu machen.
  5. Soziale Entwicklung: Montessori betont auch die sozialen Aspekte des Lernens. Sie sieht die Entwicklung sozialer Kompetenzen als eine wichtige Aufgaben jedes Lernprozesses. Es geht ihr darum, Kinder zu selbstbewussten, unabhängigen und verantwortungsbewussten Menschen zu erziehen. Das Erlernen von Konfliktlösungsstrategien oder das Entwickeln von Empathie ist Teil des Lernens, das über den unmittelbaren Lernprozess hinausgeht. Viele Aspekte des kollaborativen Lernens die im #dimi_17 und #dimi_23 beschrieben werden, können unter diesem Prinzip eingeordnet werden und immer als Querschnittsthema mitgedacht werden.
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Maria Montessori gibt uns nützliche Anhaltspunkte für das Schaffen einer lerner:innenzentrierten Umgebung sowie das selbstgesteuerte Lernen auf Basis intrinsischer Motivation. Sie sagt:

„Der Lehrer muss passiv werden, damit das Kind aktiv werden kann. “

Maria Montessori

Ich finde die Gedanken, die sie sich vor einem Jahrhundert zu Lernen gemacht hat auf eine beeindruckende Weise aktuell. Und du?

Lust zum Weiterlesen:

  • Klein-Landeck, Michael und Tanja Pütz, 2017. Montessori-Pädagogik. Einführung in Theorie und Praxis. 3. Auflage. Freiburg: Herder Verlag. ISBN 978-3-451-32430-7
  • Lillard, Paula Polk. „Montessori Today: A Comprehensive Approach to Education from Birth to Adulthood.“ 1996
  • Montessori, Maria, 2010. Die Entdeckung des Kindes. In: Harald Ludwig, Hrsg. Gesammelte Werke Band 1. 3. Auflage. Freiburg: Herder Verlag. ISBN 978-3-451-32510-6

Autorin: Margret Steixner

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