#dimi_20: Teamteaching

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Trainieren im Doppelpack

Zwei Trainer*innen für ein Seminar zu buchen, gehört in vielen gewerkschaftlichen Bildungseinrichtungen zum Qualitätsstandard. Trainer*innen selbst haben dazu unterschiedliche Erfahrungen und Vorlieben. Nicht jede*r sieht das Teamteaching, wie das Trainieren zu zweit oft genannt wird, als die beste Option. Wie in jedem Team ist eine gute Zusammenarbeit nicht etwas, das automatisch passiert, sondern Mehraufwand bedeutet.  

Möchtest du erfahren, warum Teamteaching nicht nur mehr Spaß machen kann, sondern auch die Qualität von Lernprozessen erhöhen und zu deiner Weiterentwicklung als Trainer*in beitragen kann? Dann lohnt es sich weiterzulesen.

Woher kommt das Teamteaching-Konzept?

Das Konzept des Teamteachings entstand im Bereich der inklusiven Pädagogik. Die Inklusion von Kindern mit Behinderungen in den Regelunterricht brachte den Bedarf nach zusätzlichen Betreuungspersonen mit sich, wenn auch die Rollen und Aufgaben, die eine zusätzliche Lehrperson im Klassenzimmer übernimmt, mitunter sehr unterschiedlich definiert werden.

Im schulischen Bereich kennen wir das Teamteaching auch aus den Neue Mittelschulen (NMS), wo dieses Modell seit einigen Jahren erfolgreich angewendet und erforscht wird. In diesem Blogbeitrag möchte ich versuchen, diese Erkenntnisse in die Realität der Erwachsenenbildung zu übersetzen und Anregungen geben, wie das Trainieren im Team von einem oft praktizierten Nebeneinander oder Nacheinander zu einem MITEINANDER wird.

Welche Potentiale ergeben sich beim Teamteaching?

Teamteaching kann einen wesentlichen Beitrag leisten, wenn es darum geht, Lernprozesse stärker an den Bedürfnissen der Lernenden auszurichten. Es ergeben sich neue Möglichkeiten für Arbeitsformate (Differenzierung) und Sozialformen (z.B. interessensgeleitetes Arbeiten in Halbgruppen). Hier gibt es eine genauere Beschreibung der methodischen Möglichkeiten, die durch Teamteaching entstehen.

Das erste Argument für zwei Trainer*innen ist häufig die Gruppengröße. In der Erwachsenenbildung hat sich eine Standardgruppengröße von 12 Personen etabliert. Ab einer Gruppengröße von 12 Personen ist das Arbeiten mit zwei Trainer*innen meist leichter zu argumentieren, denn zwei Trainer*innen zu engagieren, fällt trotz dem Verständnis für den Qualitätsgewinn nicht selten den finanziellen Mitteln zum Opfer.

Fragt man die Lernenden am Ende eines Seminars um ihre Feedback, so wird das Teamteaching aus meiner Erfahrung zu 100 % als bereichernd erlebt. Die Lernenden heben hervor, dass sie von der Unterschiedlichkeit der Trainer*innen profitieren. Diese Unterschiedlichkeit bezieht sich dabei auf die Trainer*innenpersönlichkeit, aber auch die Vielfalt der Zugänge und Methoden, die durch das Trainieren im Doppelpack möglich wird.

Kriterien, die beim Zusammenstellen von Trainer*innenteams ausschlaggebend sind, beziehen sich häufig auf eine größere Vielfalt an Perspektiven, die die Trainer*innen durch ihre unterschiedlichen Erfahrungen und Expertisefelder einbringen können.

Folgende Kriterien kommen dabei häufig zur Anwendung:

  • Geschlecht (in einer hetero-normativen Weise häufig als Mann-Frau-Kombination)
  • Berufserfahrung (z.B. Gewerkschaftserfahrung und inhaltliche Expertise)
  • Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe (z.B. Person mit Fluchtgeschichte, Diskriminierungserfahrungen etc. )

Das Trainieren im Team als Qualitätssicherung

Foto: Emil Steixner

Hier ein kurzer Einblick in meine eigene Erfahrung mit „Teamteaching“. Aus der Sicht der Trainerin erlebe ich das Trainieren im Team als eine Form der Qualitätssicherung. Leite ich ein Seminar gemeinsam mit einer/m Kolleg*in, erweitert sich meine Perspektive auf den Lernprozess. Dies beginnt bei der Vorbereitung, bei der sich durch das gemeinsame Brainstorming mehr Fragen und Perspektiven ergeben, bis zum Entwickeln des Trainingsdesign und bei der Durchführung und Nachbereitung. Doch nicht nur in der inhaltlichen und methodischen Planung erlebe ich das Trainieren mit Anderen als Bereicherung. Während des Trainings ermöglicht das abwechselnde Übernehmen der inhaltlichen Verantwortung, immer wieder die Gelegenheit mich stärker auf die Beobachtung des Gesamtprozesses zu konzentrieren. Dadurch ergeben sich neue Blickwinkel auf den Lernprozesses, die häufig relevante Steuerungsfragen aufwerfen und die dann in Absprache im Team zu einer Anpassung an die Lernenden, deren Vorerfahrungen und Bedürfnisse sowie dem aktuellen Gruppenprozess möglich machen. Somit erlebe ich mich im Teamteaching reflexiver und teilweise auch mutiger als beim Trainieren im Alleingang. Ich kann die Bedürfnisse einzelner Lernender besser erkennen und bei Bedarf auch „situationselastischer“ darauf eingehen, z.B. indem wir eine Aufgabe für eine Gruppenarbeit neu definieren, um unterschiedliche Vorerfahrungen optimal nutzbar zu machen. Auch das Wahrnehmen und Eingehen auf Spannungen in der Gruppe ist im Trainer*innenteam einfacher, weil ich eigene Wahrnehmungen mit denen meines/r Kolleg*in abgleichen kann und so eine Entscheidung für mögliche Interventionen einfacher wird.

Einfacher wird‘s nicht, aber besser

Manche Trainer*innen empfinden das Trainieren im Team aufgrund des erhöhten Abstimmungsbedarf als anstrengend. Ganz in der Tradition des Klassenzimmers, das sich durch die geschlossenen Tür auszeichnet, ist es für manche Trainer*innen nicht einfach, sich von Kolleg*innen über die Schultern schauen zu lassen. Eigene Unsicherheiten und ein Gefühl von Konkurrenz können die Zusammenarbeit erschweren. Die Herausforderungen werden möglicherweise schon in der Planung und Abstimmung sichtbar. Meist werden sie dann so richtig virulent, wenn man gemeinsam vor einer Gruppe steht. Die Lernenden haben mitunter ein ausgeprägtes Sensorium für Nuancen der Unstimmigkeit und können diese bewusst oder unbewusst eskalieren, was Trainer*innenteams in herausfordernde Situationen bringen kann. Die offen oder verdeckt gehaltenen Unstimmigkeiten haben viel mit der gelobten Unterschiedlichkeit zu tun. Die Unterschiede zeigen sich auf verschiedenen Ebenen:

  • Unterschiedliche Ansprüche (Genauigkeit des Trainingsdesigns, Gestaltung der Flipcharts, Zeitaufwand)
  • Bedürfnisse (detaillierte Planung, versus rollendes Design, zeitiger Feierabend versus eingehende Reflexion)
  • Verständnis der Trainer*innenrolle (Wissensvermittler*in, Lernbegleiter*in)

Dies sind einige Beispiele, wo Spannungen spürbar werden können und bei denen eine Klärung hilfreich ist.

Was braucht’s damit Teamteaching gelingt?

Das Trainieren im Team ist also nicht per se eine Erfolgsgeschichte. Kooperation im Team baut auf guter Kommunikation, aber auch der Fähigkeit, herausfordernde Situationen gemeinsam zu meistern. „Teamteaching beginnt vor allem mit einer offenen und wertschätzenden Haltung und der Bereitschaft zur Kooperation, nicht nur hinsichtlich planerischer Tätigkeiten, sondern vielmehr auch hinsichtlich sozial-emotionaler Dimensionen.“

Maria Wobak und Wolfgang Schnelzer verweisen in ihren Handreichungen zum Teamteaching auf folgende Faktoren, die mir auch für das gemeinsame Leiten von Seminaren und Lehrgängen sehr hilfreich erscheinen (siehe S.6).

  1. Konsens über Regeln und Normen
  2. Zusammenhalt in unterschiedlichen Situationen und Belastungsproben (Kohäsion)
  3. Geschlossenheit und Verbundenheit unterschiedlicher Wahrnehmungen und Bewertungen und daraus abgeleiteten Handlungen (Kontingenz)
  4. Entwicklung einer gemeinsamen Sprache und Denkwelt zur Verständigung und Kommunikation im intermediären Raum (Konsistenz)
  5. Fortbestand bei personellem Wechsel und veränderten Konstellationen (Konfiguration)
  6. Bindung an überindividuelle Motive, Vereinbarungen und Interessen (Identität)
  7. Gemeinsames Wachsen an (gemeinsamen) Aufgaben mit individuellen Unterschieden (Ko-Evolution).

Besonders zentral erscheint mir dabei der Aspekte des Zusammenhalts, der sich auch im Konsens über Normen und Regeln zeigt. Dieser Zusammenhalt entsteht durch das Einlassen auf den Prozess, der über pragmatisches Planen und Durchführen eines Seminars hinausgeht. Er beinhaltet den Austausch über gemeinsame Werte und Haltungen im Training, das Reflektieren von Dynamiken in der Gruppe und gegenüber der Trainer*innen. Dann wird Teamteaching zu einer kollegialen Kooperation mit Mehrwert. Ich jedenfalls möchte nicht mehr darauf verzichten.

Lust zum Weiterlesen:

Autorin: Margret Steixner

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