#thedi: Gegenmacht „bilden“ – Teil 6

antonio Gramsci
CC: Philip Taucher

Aufbau von Gegen-Macht? Schlag nach bei Antonio Gramsci!

„Das heißt, dass jeder Revolution eine intensive kritische Arbeit voranging, eine kulturelle Imprägnierung, ein Eindringen von Ideen in Menschengruppen, die zuvor unzugänglich waren und nur daran dachten, Tag für Tag, Stunde um Stunde, ihre individuelle ökonomische und politische Problematik auf eigene Faust zu lösen, ohne die Bande der Solidarität mit den anderen Menschen zu knüpfen, die sich in derselben Situation befanden.“

Gramsci, zit. n. Mayo, 44

„Hegemonie“ oder wie gewinnt man Macht?

Der italienische Marxist Antonio Gramsci stellte sich schon in den 1920er/1930er-Jahren die Frage, wie man politische Macht unter den Bedingungen einer bürgerlichen Gesellschaftsordnung erringen kann. Um diese Frage in Worte zu fassen, kam der Begriff „Hegemonie“ ins Spiel. Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Vorherrschaft, Vormachtstellung oder Oberbefehl.

Gramsci schreibt, dass die bürgerliche Herrschaft sich gar nicht so sehr auf die Staatsgewalt stützt. Man könnte auch sagen, es ist nicht allein der Staat, der die Vorherrschaft der Unternehmer:innen, Händler:innen und Gewerbetreibenden verteidigt. Gramsci holt andere Bereiche vor den Vorhang, die ihm viel wichtiger erscheinen: Für ihn sind die wahren Erhalter des Systems jene Institutionen und Organisationen, die mittels geistig-kultureller Erziehung das ideologische und kulturelle Selbstverständnis unserer Gesellschaft prägen: Medien, Schule, Verbände etc. Diese sorgen quasi für eine freiwillige Zustimmung zu den Machtverhältnissen (vgl. Behrens, 1979, 63).

Ein Beispiel, wie das geht?: Schulen beteiligen sich an Börse-Spielen, der Wirtschaftsführerschein ist ein Unterrichtsinhalt, gleichzeitig wird es für Gewerkschaften fast unmöglich gemacht, in Schulen mit Jugendlichen über Fragen ihrer zukünftigen Interessen in der Arbeitswelt ins Gespräch zu kommen.

Selber schuld?

Das Bürgertum herrscht, aber es tut das möglichst im Konsens mit den Beherrschten. Auf den Zwang wird möglichst verzichtet, der ruft nämlich meist unnötigen Widerstand hervor. Wenn Menschen vom Staat gezwungen werden etwas zu tun, was nicht in ihr Weltbild passt, dann beginnen sich einige zu wehren. Strafen oder gar harte Polizeieinsätze produzieren oft mehr Widerstand als sie helfen, das Gewünschte umzusetzen. Damit sich also – vereinfacht gesagt – die wenigen Habenden gegen die vielen Habenichtse dauerhaft durchsetzen können, wird viel ideologischer Nebel produziert, der sich in unseren Alltagsverständnissen breit macht. Wer weiß das besser als wir Gewerkschafter-innen. Oft sind wir mit breiter Zustimmung zu politischen Positionen konfrontiert, die objektiv den Interessen der Mehrheit der Beschäftigten widersprechen. „Geht´s der Wirtschaft gut, geht´s uns allen gut!“, „Der Staat ist ein schlechter Unternehmer“, „Man sollte immer nur so viel Geld ausgeben, wie man einnimmt!“, „Es braucht mehr Eigenverantwortung und Selbstvorsorge im Bereich der sozialen Sicherheit“, „Vermögen dürfen nicht besteuert werden-das Kapital ist ein scheues Reh“, „Irgendeine Arbeit kann jeder finden, der will – Arbeitslose sind selbst schuld an ihrer Arbeitslosigkeit“. Das alles sickert in unsere Gehirne ein. Vorherrschende Politik, die von diesen breiten Alltagsverständnissen getragen ist, braucht mit keinen nennenswerten Widerständen rechnen, weil sie sich ja letztlich im breiten Konsens mit der Mehrheitsbevölkerung befindet. Wir sind auch in unseren Seminaren sehr oft mit solchen Grundverständnissen konfrontiert.

Der Alltagsverstand widerspricht oft den eigenen Klasseninteressen (CC: Philip Taucher)

Wenn der Konsens bröckelt, hilft der Staat nach…

Und wenn es doch nicht ganz funktioniert, dann können immer noch die Daumenschrauben der staatlichen Zwangsgewalt zur Anwendung kommen. Dann werden etwa die Regeln für die Zumutbarkeit für die Annahme von Stellen verschärft, Strafen für Zuwiderhandeln erhöht usw. Manche sprechen daher von „Hegemonie gepanzert mit Zwang“ (Vgl. Merkens, 2006, 7). Über längere Zeit ist es aber nicht möglich, Herrschaft allein mit Zwang aufrecht zu erhalten. „Loyalität, Akzeptanz, Konsens und Zustimmung sind die Zwillingsbrüder der Repression …“ (Vgl. Bernhard, 2005, 119ff).

Hegemonie in der Zivilgesellschaft. 

Und weil man ein so funktionierendes System nicht so einfach umdrehen kann, kommt Gramsci zu folgendem Schluss: Bevor eine gesellschaftliche Gruppierung oder eine Klasse Macht im Staat gewinnen kann, muss sie Gegenmacht im „Reich der Ideen“, welche die Menschen bewegen, aufbauen. Gramsci sagt, dass in der „Zivilgesellschaft“ eine Auseinandersetzung zwischen all jenen Interessengruppen tobt, die nach Macht streben und die Menschen davon überzeugen wollen, dass es genau sie sind, die über eine Weltanschauung verfügen, die ein besseres Angebot bietet als das gerade existierende. (Vgl. Mayo, 2006, 87) Gerade in Österreich konnte und kann man das bis in unsere Zeit hervorragend beobachten. Jedes „Lager“ hatte seine Organisationen der Zivilgesellschaft in allen Bereichen des Lebens im Einsatz: Auto – ARBÖ versus ÖAMTC, Sport – ASKÖ versus UNION versus ÖTB, Natur – Naturfreunde versus Alpenverein, … dieses Ringen letztlich um Deutungshoheit setzt sich fort bis zu Jugend- und Seniorenverbänden und Wohnbaugesellschaften. Auch ganz speziell als Gewerkschafter/-innen und Betriebsräte/-innen kennen wir diesen permanenten Stellungskampf, wie Gramsci das nennt, aus den Diskussionen im Pausenraum, am Stammtisch, im Verein, im Büro und mitunter im Freundes- und Familienkreis.

Hegemonie prägt den Alltagsverstand der Menschen

Gramsci sagt, dass eine geistig-ideologische Vorherrschaft (Hegemonie) unseren „Alltagsverstand“ prägt. Aber er sagt auch, dass es tief in uns drinnen auch einen „gesunden Menschenverstand“ gibt, der spontan und aus der Situation heraus, scheinbar allgemein Anerkanntes in Frage stellt und diesem misstraut (Vgl. Bernhard, 2005, 145f).; wenn wir in uns einen tiefen inneren Widerspruch spüren, ein „das geht aber jetzt gar nicht“ dann regt sich evtl. gerade der „gesunde“ Kern unseres „Alltagsverstandes“. Dieser ermöglicht uns einen nüchternen, klaren Blick auf die Gesellschaft wie sie ist, jenseits von Glaubenssätzen und ideologischer Propaganda.

STOPP GATS Kampagne (C: ATTAC)

Beispiele, wo uns das in den letzten Jahrzehnten ein paarmal wunderbar gelungen ist, sind etwa die STOPP GATS-Bewegung gegen das einschlägige Liberalisierungsabkommen ab 2002. Oder ein anderes schönes Beispiel ist die „Allianz für den freien Sonntag“. Beiden Bewegungen ist gemeinsam, dass sie breite zivilgesellschaftliche Bündnisse hinter sich bringen konnten und dass es gelungen ist eine kritische Mehrheit zu überzeugen, dass weder die angestrebte Liberalisierung im Welthandel, noch das Sonntagsshopping zum Wohl unserer Gesellschaft beitragen würde.

(C: Allianz für den freien Sonntag)

Beim Aufbau von Gegenmacht geht es zentral um Bildung und Aufklärung. Ziel ist das Verstehen der Gebrauchsanleitung, wie die Mechanik des Machterhalts funktioniert. Hier liegt das aufklärerische Herz kritischer gewerkschaftlicher Bildung. Egal ob in Seminaren mit wirtschaftlichen, rechtlichen oder persönlichkeitsbildenden Inhalten: Wenn pädagogische Prozesse zu Selbstermächtigung und Handlungsfähigkeit führen sollen, dann müssen sie ermöglichen „die eigene Weltauffassung bewusst und kritisch auszuarbeiten und … sich nicht einfach passiv und hinterrücks der eigenen Persönlichkeit von außen den Stempel aufdrücken zu lassen.“ (Gramsci zit. n. Merkens, 2006, 15)

Betriebsrät-innen als „organischen Intellektuelle“?

Gramsci geht davon aus, dass es keine Organisation in der Gesellschaft ohne „Intellektuelle“ gibt (Vgl. Behrens, 1979, 67), die für die Stabilität und die Erhaltung des bestehenden Systems arbeiten.

Wenn im Gegenzug die „Arbeiter:innenklasse“ Gegenhegemonie/Gegenmacht aufbauen möchte, dann braucht sie laut Gramsci sogenannte „organische Intellektuelle“, die aus ihren eigenen Reihen kommen. „Ohne die politische Schulung und Organisierung durch ihre Intellektuellen sind die Klassen in der Politik wie der Fremde ohne Sprachkenntnisse“ (Gramsci nach Behrens, 1997, 71). Er sieht hier auch die Rolle der „Arbeiterräte“ als organische Intellektuelle (Merkens, 2006, 19). Hier findet sich eine schöne Parallele zu Otto Bauers Blick auf die Betriebsräte und Vertrauensleute in der 1. Republik, aber das würde jetzt zu weit führen …

Hier schließt sich also der Kreis zu unserer Arbeit in der Funktionäre/-innen-Ausbildung.  Was wir in der gewerkschaftlichen Bildung machen, ist nichts anderes als die Ausbildung „organischer Intellektueller“, frei nach Gramsci. Es fällt nicht schwer an die Absolventen/-innen unserer Akademien zu denken, die mit einer grundlegenden Ausbildung, in die Lage versetzt werden sollen, in den Betrieben eine Gegen-Hegemonie bzw. Gegen-Macht aufzubauen. Die Betriebe sind voll von jenen Foren und Feldern, in denen der kulturelle Kampf um Hegemonie und Deutungshoheit stattfindet. Das erweitert zwangsweise das Handlungs-Mandat des Betriebsrates und entlarvt jeden Versuch einer Verengung der BR-Rolle auf eine einseitig rechtliche Position als strategische Kurzsichtigkeit. Betriebsräte sind zentral im „Stellungskampf“ um Gegenmacht. Ihre Rechtskompetenz stärkt sie lediglich in dieser Aufgabe.

Ansatzpunkte für die konkrete Bildungsarbeit

Auf Hegemoniegewinnung ausgerichtete Fragestellungen für Seminare, Trainings und Klausuren: vergleiche dazu (speziell ab Seite 32ff)

  • Wer ist mein strategisches Netzwerk im Kampf um „Hegemonie“ in den betrieblichen Diskussionen?
  • Wer sind die „organischen Intellektuellen“ im Betrieb, die ich für den Aufbau von Gegenmacht im Betrieb gewinnen könnte? Jene, die Loyalität und Vertrauen bei den Beschäftigten gewinnen können?
  • Welche Alltagsverständnisse prägen die „Hegemonie“ im Herrschaftssystem Betrieb? Wo sind die Irritationen und Abweichungen, wo die Menschen spontan spüren, dass etwas in diesen Alltagsverständnissen nicht passt? Welche Alternativen zur Verbesserung können wir bieten?
  • Wie können wir uns im betriebsrätlichen Netzwerk aufstellen, sodass unsere kritischen Fragen und unser Widerspruch in allen innerbetrieblichen Communitys ankommen und diskutiert werden?
  • Welche Verhaltensweisen, welche Möglichkeiten von Präsenz, welche Fähigkeiten stärken die Anerkennung unserer „organischen Intellektuellen“ im Betrieb?
  • Wie bauen wir lebendige Emanzipations-Geschichte in unsere Curricula ein, sodass unsere „organischen Intellektuellen“ erkennen, an welchem Punkt ihre Mitgestaltung der Weltgeschichte ansetzt? Wie weit sind wir schon gekommen, bei der Befreiung von ungerechten Macht- und Herrschaftsstrukturen. Welche Kämpfe um Demokratie, um Rechte für Arbeitende und für Frauen haben andere vor uns schon ausgefochten? Auf wessen Schultern stehen wir? Was ist heute unsere Verantwortung und Herausforderung?

Zum Weiterlesen:

  • Bernhard, Armin: Antonio Gramscis Politische Pädagogik. Grundrisse eines praxisphilosophischen Erziehungs- und Bildungsmodells (Argument-Sonderband Neue Reihe AS 301) Hamburg, 2005.
  • Candeias, Mario: Gramscianische Konstellationen. Hegemonie und die Durchsetzung neuer Produktions- und Lebensweisen.
  • Elfferding, Wieland / Volker, Eckhard, Società civile, Hegemonie und Intellektuelle bei Gramsci, in: Behrens, Manfred u.a. (Hg.): Theorien über Ideologie (Argument-Sonderband AS 40), Berlin 1979, 61-82.
  • Mayo, Peter: Politische Bildung bei Antonio Gramsci und Paolo Freire. Perspektiven einer verändernden Praxis (Argument Sonderband Neue Folge AS 280), Hamburg, 2006
  • Merkens, Andreas: Hegemonie und Gegen-Hegemonie als pädagogisches Verhältnis. Antonio Gramscis politische Pädagogik (RLS Hamburger Skripte 15), Hamburg, 2006.

Genannte (und auch andere) Bücher können HIER im Webshop des ÖGB-Verlags versandkostenfrei bestellt werden.

Zum Weiterschauen

Was ist Hegemonie?

Gramsci, Gefängnishefte, Die Herausbildung der Intellektuellen

Politische Bildung bzw. Pädagogik und Gramsci

Autor: Gerhard Gstöttner-Hofer

Lust auf mehr Theorie? Zu allen Beiträgen der Serie kommst du HIER!

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