#thedi_09: Und nach dem Urlaub: Übe, lerne, leiste was, dann hast, kriegst du, wirst du was!

Foto: SV

Es war ein Spruch, der mein Stammbuch – also ein Buch mit Sinnsprüchen – zierte: Übe, lerne, leiste was, dann hast du, kriegst du, wirst du was! Das Versprechen ist, durch Lernen etwas zu werden, einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Und es war ein zentrales Versprechen wohlfahrtsstaatlicher Staaten der 1970er: die Idee einer besseren Zukunft, für alle und für die Kinder. Ein Versprechen, das an Leistung für sich aber auch für alle, für die Gesellschaft gebunden war. Man glaubte daran und lebte mit der Vorstellung einer Zukunft, einer Zukunft in der es den Kindern besser gehen wird. Die Zukunft war hell und vielversprechend!

Das war natürlich einerseits immer schon falsch, zumal auch im wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismus der 1970er der Aufstieg zwar ein breites Phänomen war, aber trotzdem immer noch ein individuelles. Aufsteigen konnten nie alle.

Quelle: www.penguin.co.uk

Aufstieg oder Karriere bedeutet auch, die eigene Herkunft vergessen, verlernen oder verlieren, bedeutete für Kinder der ArbeiterInnenklasse Entfremdung. Entfremdung vom Alltag ihres Lebens und ihrer Familien. Bildung ist und war den Werten und dem Leben der Mittel- und Oberschicht verpflichtet. Richard Hoggart beschreibt in seinem Buch „The Uses of Literacy“ die Schwierigkeiten eines Bildungsauftsteigers aus der ArbeiterInnenschicht: Keine Bücher im Haus, kein Schreibtisch, nicht die entsprechende Lockerheit und Lässigkeit, also Eleganz und Virtuosität im Umgang mit dem Wissen, kein geheiztes Arbeitszimmer, nur die Küche als Arbeitsraum – real ein Frauenraum – keine bildungshungrigen FreundInnen, keine Seilschaften, die falsche Kultur und die falschen Werte. Alles das macht Bildung und Lernen fremd und schwer.

Die Illusion des Kapitalismus, Aufstieg wäre nur an Leistung und Lernen gebunden, war immer schon falsch. Die Voraussetzungen sind nicht für alle gleich und somit wird die Schule zu einem traurigen Spiel bei dem je nach „guter“ sozialer Herkunft und Unterstützung die Chancen steigen, mit einem gewaltigen Vorsprung ins Rennen zu gehen. Das Schulsystem belohnt und verstärkt diesen Vorsprung in einem leistungszentrierten System laufend. Leistung ist an eine spezielle Kultur der Mittel- und Oberschicht gebunden. Die Leistungseliten rekrutieren sich vor allem aus den Reihen der Reichen, ob kulturell oder materiell. Gleichzeitig herrscht eine schichtspezifisch unterschiedliche Wertschätzung von Bildung, viele Leute müssen überzeugt werden, dass Bildung Sinn macht.

„Von ganz unten bis ganz oben funktioniert das Schulsystem, als bestände seine Funktion nicht darin auszubilden, sondern zu eliminieren. Besser: in dem Maß, wie es eliminiert, gelingt es ihm, die Verlierer davon zu überzeugen, dass sie selbst für ihre Eliminierung verantwortlich sind.“
(Bourdieu 2001, Klappentext).

Lernen und Bildung muss nicht ausschließlich so funktionieren: In der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit geht es um die kollegiale Besprechung und Lösung von Problemen des betriebsrätlichen Arbeitsalltages – Rechte von ArbeitnehmerInnen, Arbeitszeitregelungen, der Gestaltung des Arbeitsumfeldes – und von unterschiedlichsten Problemen der anwesenden TeilnehmerInnen sowie der Gesellschaft. DieErfahrungen der TeilnehmerInnen bilden den Ausgangspunkt für dieses Lernen. Ihre Probleme sind nicht durch fix-fertig bereitstehendes Wissen zu lösen, sondern nur durch Zusammenarbeit, durch gemeinsames Nachdenken, durch den Austausch von Erfahrungen, auch durch den Austausch über Misserfolge und Scheitern. Erfahrungen, die wir abgleichen, austauschen und solidarisch gegenüberstellen und diskutieren. Und das Ziel dieser Bildung ist nicht Karriere oder Aufstieg, es ist die gemeinsame Verbesserung des Lebens und des Alltags!

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Autor: Stefan Vater

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