#thedi_07 – Der unwissende Lehrmeister

Bild: SV

„Denn es steht geschrieben: Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.“
(1. Korinther 1:19)

„Die Erklärung ist nicht nötig, um einer Verständnisunfähigkeit abzuhelfen. Diese Unfähigkeit ist im Gegenteil die strukturierende Fiktion der erklärenden Auffassung der Welt. Der Erklärende braucht den Unfähigen, nicht umgekehrt. Er ist es, der den Unfähigen als solchen schafft. Jemand etwas zu erklären, heißt ihm zuerst zu beweisen, dass er es nicht von sich aus verstehen kann.“
(Jean Joseph Jacotot, nach Jacques Ranciere, Der unwissende Lehrmeister, 16)

Eine Geschichte von Solidarität und Gleichheit

Manchmal ist auch einfach Zeit, eine kleine Geschichte zu erzählen. Es ist eine Geschichte, die anschließt an #thedi_05 zu „Solidarischem Lernen“ und an #thedi_06 zu „Lernen und Demokratie“. Eine Geschichte über Zusammenarbeit und solidarisches Lernen und darüber, was passiert, wenn wir annehmen, alle wären – bezogen auf Ihre Rechte und ihr Vermögen – als Gleiche anzusehen, unabhängig von Vorbildung und sozialer Stellung.

Der „unwissende Lehrmeister“ um den sich die kleine Geschichte dreht,  ist Joseph Jacotot, ein Pädagoge, der an der französischen Revolution beteiligt war, dann aber nach Rückkehr der Bourbonen ins niederländische Exil fliehen musste. Er erhielt dank der Liberalität der Niederlande eine Professur an der Universität Löwen. Er beherrschte allerdings die niederländische Sprache nicht, sollte seine StudentInnen aber Französisch lehren. So ließ er ihnen eine zweisprachige Ausgabe des gerade erschienenen Telemach – also ein Buch über eine mythologische Figur der griechischen Geschichte – aushändigen und ermutigte sie, den französischen Text gemeinsam mit Hilfe des zweisprachigen Buches zu lesen und ihm auf Französisch darüber zu berichten. Niederländisch konnten sie im Gegensatz zu Jacotot, Französisch nicht. Dieses wohl aus der Not geborene Experiment übertraf alle Erwartungen. Die SchülerInnen konnten zusammenarbeitend nach kurzer Zeit französisch über das Buch berichten.

Vom gemeinsamen Lernen

Lernen heißt: gemeinsam Probleme lösen

Normalerweise stellt Unterricht zumindest ein Dogma nicht in Frage: Das Wissen des Lehrers oder auch der Lehrerin und das Unwissen der Lernenden. Und Lehren ist ebenso gekennzeichnet durch die Angst davor, nicht genug und nicht soviel mehr als die SchülerInnen zu wissen. Jacotot jedoch „lehrte“, obwohl er unwissend war und er proklamierte die intellektuelle Emanzipation: Bildung wird nicht verliehen, sie wird gemeinsam und solidarisch erarbeitet und angeeignet. Alle Menschen haben die gleiche Intelligenz. Diese Idee von Gleichheit hebt die bestehende Ordnung auf und eröffnet so andere „Landschaften des Möglichen“: Räume zum Experimentieren mit dem Wissen, den Wahrnehmungen und den Fähigkeiten, die unsere Gemeinschaft ausmachen. Aufgrund dieser grundsätzlichen Gleichheit aller Intelligenzen und Menschen, kann es sich bei dem herkömmlichen Unterrichtssystem, das klar zwischen Lehrenden und zu belehrenden Lernenden unterscheidet, nur um eine Praxis der Verdummung und Unterwerfung handeln.

Jacotots politischer Ansatz, er nennt ihn den „universellen Unterricht“, existiert, seit es die Welt gibt neben den erklärenden Methoden des Lehrens. Keiner will diese Methode anerkennen, niemand will sich der intellektuellen Revolution, die sie bedeutet, stellen. Sie würde die Ordnung der Dinge umkrempeln! Die klassische Art von Unterricht mit Belehrung und  Disziplin roch für Jacotot nach Zaumzeug, „perfektionierte Manege“ sagte er dazu. Galt es doch seit Sokrates als vornehmste Pflicht des Lehrmeisters, durch Fragen und Erklären insgeheim und subtil die Intelligenz des Schülers zu lenken, anzuleiten. Jacotots Experiment zeigt, dass Lernen auch ohne die permanente Reproduktion der Unterordnung und Unterlegenheit funktioniert. Zumal diese Form des Lernens nie nur Wissen, sondern vor allem Gehorsam lehrt. Der universelle Unterricht dagegen improvisiert, zeichnet, malt und dichtet in einer Gemeinschaft der Gleichen. Er wendet sich auch grundsätzlich davon ab, alles müsse vom Lehrenden in Häppchen zerkaut vom Kleinsten zum Größeren aufsteigend möglichst abstrakt unterrichtet werden. Es sind die Lernenden selbst, die hier die Schritte des Lernens und den Startpunkt bestimmen. Die Relevanz für gewerkschaftliche Bildungsarbeit liegt auf der Hand!

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Autor: Stefan Vater

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