#raumo: Denk mal! Lernen am historischen Schauplatz

#raumo spaziergang
#raumo Spaziergang (c: Philip Taucher)

Diesmal ist #raumo zu Fuß unterwegs auf historischer Spurensuche. Bei einem Stadtspaziergang wird der öffentliche Raum zum Lernraum und Geschichte lässt sich im Gehen neu entdecken.

Nach über 170 Jahren

Wir sind am Rand des Wiener Volksgartens. Brigitte Drizhal bleibt stehen und zeigt auf ein kleines, ziegelrotes Steindenkmal. „Der öffentliche Raum gehört auch uns. Es ist wichtig, ihn sich immer wieder anzueignen.“ Das Denkmal wurde 2025 von der Burghauptmannschaft (wieder)errichtet. Es erinnert an die Gründung des ersten demokratischen Frauenvereins am 28. August 1848, genau hier.

Im ersten dezidiert politischen Frauenverein Österreichs versammelten sich Frauen, um Gleichberechtigung sowie Bildungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten zu erkämpfen, bis zur Niederschlagung der Revolution im Oktober 1848. Wir blicken vom Volksgarten hinüber zur Wiener Hofburg. Werner Drizhal erklärt: „Ein Ort erzählt mehr. Er hat Atmosphäre, Materialität, Größe – all das wirkt auf Lernprozesse. Die Menschen bekommen ein Gefühl dafür, wie eng oder weit so ein Platz war, wie nahe die Macht war.“

Werner und Brigitte bieten im Rahmen des Vereins Rote Spuren historische Stadtspaziergänge an, die Geschichte aus der Perspektive derer, die selten in den Geschichtsbüchern vorkommen, anschaulich erlebbar machen.

Gedenken zwischen Deserteuren und Feldherren

„Am Ort selbst entsteht ein anderes Lernen. Man sieht, spürt und versteht den historischen Kontext körperlich“, erläutert Werner und steigt auf das begehbare Denkmal für die Verfolgten der nationalsozialistischen Militärjustiz am Wiener Ballhausplatz.

Brigitte und Werner vorm Deserteursdenkmal (c: Philip Taucher)

Am sogenannten Deserteursdenkmal stehend blickt er hinüber zu den Reiterstandbildern der Habsburger Feldherren am Heldenplatz und fragt:
„Wer hat diese Denkmäler errichtet? Was zeigen sie? Welche Geschichte verschweigen sie? Was lernen wir daraus?“

Öffentliche Denkmäler erzählen, was erinnert werden soll – und somit auch, was nicht. Deshalb eignen sie sich besonders, um darüber nachzudenken, welche Lehren aus der Vergangenheit für heute gezogen werden, z. B. wem als Held:innen Platz gegeben wird und wer namenlos bleibt oder gar verschwindet.

Arbeiter:innenbewegung im Gehen

So fest die Denkmäler auf ihren Sockeln stehen, so sehr leben Stadtspaziergänge vom gemeinsamen Gehen. Brigitte führt uns weiter zu Fuß zur Wiener Ringstraße und erklärt: „Die Arbeiter:innenbewegung ist eine Bewegung im wörtlichen Sinn. Gehen, sehen, vergleichen, das schafft politisches Bewusstsein.“

Während wir gehen, wird klar:  Der Stadtspaziergang ist nicht nur Form, sondern Methode und ermöglicht eine bestimmte Perspektive und körperliche Erfahrung „von unten“: Jene, die arbeiten mussten, um leben zu können, waren meist auch jene, die zu Fuß gehen mussten, um voranzukommen.

„Gemeinsam gehen heißt gemeinsam denken!“, betont Werner und ergänzt:
„Viele große Entscheidungen der Arbeiter:innenbewegung sind auf der Straße vorbereitet oder erkämpft worden.“

Lernen im Gehen: peripatetische Methode

Die Idee, im Gehen zu lernen, ist alt. Schon Aristoteles nutzte sie: gemeinsames Denken in Bewegung. Daraus entwickelte sich die peripatetische Methode. Sie setzt darauf, dass Lernende einen Lerngegenstand in einer passenden Umgebung gemeinsam ergehen und sich dabei austauschen.

Wo Schauplätze räumlich und körperlich erlebt werden sollen, „geht es nicht ums Heruntererzählen, sondern ums gemeinsame Entdecken“, erläutert Werner. Die Teilnehmer:innen erhalten Impulse, um die Orte bewusst wahrzunehmen und zu erforschen.
„Auch zufällige Begegnungen im öffentlichen Raum prägen das Lernen. Leute mischen sich ein, kommentieren, widerssprechen“, berichtet Brigitte begeistert.

Während der Seminarraum einen konzentrierten, aber auch von der Umwelt isolierten Lernraum bietet, setzt der Themenspaziergang am Schauplatz darauf, eine vielfältige Umwelt lebendig und spontan zu erleben – und dabei zu lernen.

Was tun, wenn es regnet?

Lernen unter freiem Himmel bringt eigene Bedingungen mit sich. Wetter, Geräusche, körperliche Bedürfnisse – nichts lässt sich draußen ausblenden. „Man kann hier nicht alles planen“, meint Werner. Es braucht gute Vorbereitung – aber vor allem Optionen und die Bereitschaft, den Plan wieder loszulassen. Ein kurzer Regenschauer wird dann nicht zur Störung, sondern Teil der Erfahrung. Und bevor es kippt: umdrehen, unterstellen, verlagern. Solche Momente können Anlass für interessante Gespräche sein und eine Gruppe stärken.

Der wichtigste Lerngegenstand bleibt der Ort selbst: Denkmäler und Informationstafeln können vor Ort genutzt werden. Technik, wie Kopfhörer, Mikrofone, Apps oder VR-Brillen, kann unterstützen, ersetzt aber nicht das gemeinsame Wahrnehmen, Fragen und Reflektieren.

Stadtspaziergänge machen sichtbar: Lernen passiert nicht einfach in einem Raum. Lernen entsteht durch ihn.

Über die Grenze

#raumo (c: Philip Taucher)

In der nächsten #raumo- Raumfahrt überqueren wir die Grenze. #raumo begleitet die Wiener Betriebsrät:innen Akademie auf ihrer Bildungsreise nach Brüssel.

Weiterführende Links:

Autor: Philip Taucher

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