Querdenker – Nein danke!

Warum wir uns von einem positiven Begriff in der Bildungslandschaft verabschieden müssen

Querdenken war vor dem Frühjahr 2020 auch in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit ein positiver Begriff. Er stand für unkonventionelles, kreatives Denken. Mittlerweile steht dieses Wort für ein Denken, das unseren gewerkschaftlichen Grundwerten entgegensteht. Ein Nachruf von Ulli Lipp.

Ich will kein Querdenker mehr sein!

Querdenken steht heute für eine Sammelbewegung von Gegner*innen der Anti-Corona-Maßnahmen. Michael Ballweg, ein IT-Unternehmer, meldete im April 2020 in Stuttgart erste Demonstrationen gegen alle Maßnahmen gegen COVID19 an. Unter dem Label “Querdenken” sammelten sich unter anderem Rechtsradikale, Verschwörungstheoretiker*innen, Reichsbürger*innen, QAnon-Anhänger*innen, Rassist*innen und Antisemit*innen. Es gab auf den Querdenk-Demos Angriffe auf Journalist*innen.

Auf diesen Demonstrationen und verschiedenen Plattformen im Internet wurden und werden falsche und irreführende Informationen verbreitet und die Menschen dazu aufgefordert, sich allen Schutzmaßnahmen zu widersetzen. Kein Impfen (“Da werden Chips implantiert”), Kein Testen (“Macht krank!”), keine Masken (“Helfen nicht. Kinder erkranken wegen der Masken schwer!”). Unter dem Deckmantel eines angeblich kreativen Denkens außerhalb des Mainstreams (Querdenken), mit der Forderung nach Freiheit und Befreiung, wird zum Widerstand aufgerufen. Die Pandemie wird von vielen Querdenker*innen ganz geleugnet. COVID19 ist wie eine Grippe. Von Stuttgart aus verbreitete sich die Querdenk-Bewegung über den ganzen deutschsprachigen Raum. Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung beklagt in einem Video-Kommentar über Querdenken: „Im Corona-Jahr ist das Wort gestohlen und vergiftet worden!“

Ich war einmal ein stolzer Querdenker!

Der Begriff Querdenken (Lateral Thinking) wurde von Edward de Bono 1967 eigentlich als Kreativ-Technik und als Gegensatz zum linearen, logischen Denken eingeführt. Ich erinnere mich an eine Beschreibung des lateralen Denkens von de Bono: Du gehst in einem Gang. Hinten ist eine Tür. Da sollst du hin. In dem Gang gibt es links und rechts keine Tür, keine Öffnung, nichts. Lineares, vertikales Denken bedeutet: Gehe schnell durch den Gang und durch die Tür. Laterales Denken, Querdenken lässt dich die Wände genau anschauen, vielleicht sogar abklopfen, ob da nicht doch eine versteckte Tür ist oder ein Hohlraum, den es zu öffnen gilt.

Ich erkannte: Das ist mein Denken. Unter diesem Label kann ich mich einordnen.

Ich entwickelte ein Seminar: „Querdenken im eigenen Team.“ Wie, mit welchen Methoden bringe ich mein Team dazu, ausgetretene oder auch nur bequeme Pfade zu verlassen und nach neuen Wegen zu suchen? Wie schaffe ich den Schritt von der bloßen Idee zur Realisierung? Das wurde ein Lieblingsseminar. Ich erkannte, wie viel Ideenreichtum in Kolleginnen und Kollegen steckt, wenn sie auch „um die Ecke“ denken dürfen und einfaches Werkzeug dafür an die Hand bekommen.

Bausteine des Seminars “Querdenken im eigenen Team”

Gerade auch in gewerkschaftlichen Bildungsprozessen ist dieses nicht-lineare Denken, „Thinking outside the box“ (eine weitere De Bono-Wortschöpfung) hilfreich. Denken wir an die politische Auseinandersetzung, an Mobilisierungskampagnen und Bildungskonzeptionen! Da ist genau dieses Verlassen der gewohnten Wege und die Suche nach neuen Möglichkeiten angesagt. Das geht aber auch ohne die Überschrift “Querdenken”.

Wie werde ich das Querdenker-Label los?

Anfangs dachte ich mir: Ich lass mir doch den Begriff nicht einfach klauen. Dann aber wurde ich schon darauf angesprochen: „Was haben Sie mit den Querdenkern zu tun?“ Erstaunlich war, wie oft ich den Begriff verwendet habe bis hin zu Personenbeschreibungen, wo ich als Hobbys notiert hatte: „Netzwerken, Querdenken und bei jedem Wetter in der Vils schwimmen.“ Das meiste, was mich begrifflich mit den Querdenker*innen in Verbindung bringen könnte, habe ich im Internet getilgt. Ich tröste mich mit der Einsicht, dass der schöne Begriff zwar „gestohlen und vergiftet“ ist, aber mein Denken muss ich nicht verändern.

Warum der „vergiftete“ Querdenkbegriff gefährlich ist

Gewerkschaftliche Bildungsarbeit versucht, Präsenzveranstaltungen in Zeiten der Pandemie so sicher wie möglich zu gestalten. Masken, Abstände, 3-G-Regeln und vieles mehr gehören dazu. Wer das boykottiert und aushöhlt, gefährdet die Gesundheit von Kolleginnen und Kollegen und erschwert das Stattfinden der unbedingt nötigen Präsenzveranstaltungen in unserer Bildungsarbeit. Nicht alles geht auch online.

Gewerkschaftliche Bildungsarbeit braucht Kreativität. Kritik gesellschaftlicher Verhältnisse, Gegenmacht bilden und Widerstand sind auch Ziele gewerkschaftlicher Arbeit. Gerade deshalb brauchen wir die deutliche Distanz zu den Querdenker*innen.

Autor: Ulli Lipp

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Ein Gedanke zu „Querdenker – Nein danke!

  1. Henry

    Lieber Ulli, Danke für Deinen Hinweis. Naja, auch die “Alternativen Fakten” sind Dinge, die wieder beim Wort genannt werden sollten, was sie wirklich sind: “Lügen”

    Antworten

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