#grumo_29: Was geht es mich an, was die Gruppe in der Pause treibt?

„…wunderschön! Nur mit den Grenzen ist es nervig, weil man vorher nicht weiß, wie lange es dauern wird“ erzählt Maria von ihrer Reise am Balkan, auf der sie gemeinsam mit ihrer Familie von St. Pölten bis nach Podgorica in Montenegro gekommen war.
Wir sind mitten im ersten Treffen seit langem unserer fünf Expert*innen für die Arbeit mit Gruppen. Obwohl schon eine Stunde vergangen ist, sind Paul, Beate, Yasemine, Rudi und Maria immer noch beim Ankommen. Kein Wunder, nach der langen und vor allem sehr ereignisreichen Sommerpause. Es braucht ganz schön viel Austausch, um wieder in Kontakt zu kommen und im gemeinsamen „Hier und Jetzt“ landen zu können. Es besteht sowohl das Bedürfnis, zu erfahren als auch der Wunsch zu erzählen, was in der Zwischenzeit passiert ist, was sich verändert hat und was gleich geblieben ist.

Es dauert nicht lange, bis Paul vorschlägt, den informellen Teil jetzt mal zu beenden und wie bei jedem Treffen zum Austausch über ein spezifisches Thema zu kommen. Genau das ist nämlich der Grund für ihre regelmäßigen Zusammenkünfte: Austausch und Diskussion verschiedenster Aspekte über die Arbeit in und mit Gruppen. Damit haben sie alle fünf Erfahrung – als Referent*innen, Lehrgangsbelgeiter*innen, Berater*innen, Trainer*innen und was sie sonst noch alles so machen.

„Ein bisschen brauche ich aber glaub ich noch“ wendet Beate zögerlich ein. Die anderen sind ein wenig irritiert, ist es doch sonst gerade Beate, die darauf pocht, die Plauderei ans Ende des Treffens zu verlegen und die schnell genervt sein kann, wenn sie nicht zum eigentlichen Thema kommen. Paul macht ein unglückliches Gesicht dazu, da meldet sich Rudi, der alte Hase in der Runde, zu Wort. „Passt für mich, wenn wir uns eine konkrete Zeit ausmachen. Heute ist mir ein klarer Übergang zu unserem Expert*innenaustausch besonders wichtig. Ich merke, dass ich ein bissl Struktur brauche, weil ich hab ja nicht nur euch schon länger nicht mehr getroffen, sondern überhaupt einen laaaaaangen Urlaub hinter mir habe und klare Ansagen helfen mir beim wieder Reinkommen in den Arbeitsalltag.“ So vereinbaren die Kolleg*innen, zur vollen Stunde mit dem Thema zu starten, dass sie schon bei Ihrem letzten Treffen vereinbart hatten:

Wie tun als Trainer*in mit der Blackbox „informeller Teil“?

Gemeint sind damit bspw. zeitliche Abschnitte, in denen der Gruppenprozess weitergeht und Gruppenleiter*innen aber nichts oder weniger mitbekommen. Das ist bei Pausen oft der Fall und natürlich bei mehrtägigen Veranstaltungen mit gemeinsamer Übernachtung, wo die Gruppe oft außerhalb des Seminarraumes viel gemeinsam erlebt. Eine andere Quelle für Überraschungen, mit denen ein Umgang gefunden werden muss, ist schlicht das Leben der Teilnehmer*innen außerhalb der „Seminarblase“. Jemand bekommt einen Anruf mit dramatischer Info, ein Teilnehmer erkrankt, auch Interaktionen mit anderen Gästen vor Ort können im Seminarraum wirksam werden. Wie also tun, wenn grade keine allwissende Kristallkugel zur Hand ist?

Pause = wichtig und produktiv

Maria startet die Diskussion gleich mit einem ihrer Lieblingsthemen. „Mein Verhältnis zu Pausenzeiten hat sich völlig verändert im Laufe der Jahre. Am Anfang meiner Tätigkeit als Lehrgangsleiterin für Betriebsrät*innen habe ich wenige und eher kurze Pausen gemacht. Ich wollte nicht als faul gelten. Mittlerweile weiß ich, dass Pausen nicht nur für die Teilnehmer*innen und für mich wichtig zum Regenerieren sind, sondern dass sie auch total produktiv sind.“

Die anderen wissen genau, was Maria meint. In der Pause kommen die Teilnehmer*innen anders ins Gespräch miteinander, es werden Eindrücke ausgetauscht, fachgesimpelt, Perspektiven erweitert und manchmal wird auch noch schnell was Wichtiges aus der Arbeit erledigt, um sich dann wieder gut auf die Seminarinhalte einlassen zu können. „Und ich selber nutzt die Pause auch dazu, zu schauen, ob mein geplanter Ablauf noch passt, oder ob ich besser etwas umstellen soll. Schließlich ist jede Gruppen unterschiedlich und ich möchte mich darauf einstellen, auch wenn ich ein und dasselbe Seminar schon zigmal angeleitet habe.“

Gruppe gestern ist nicht gleich Gruppe heute

Etwas später berichtet Yasemine von einer herausfordernden Situation bei einem zweitägigen Seminar in einem Hotel. Ein Teilnehmer hatte beim Abendessen einen Anruf erhalten, der ihn sehr mitgenommen hat. Seine Tischnachbar*innen haben es mitbekommen und ihre Unterstützung angeboten. Am nächsten Tag hatte es Yasemine mit einer Gruppe zu tun, wo ein Teil mitgenommen oder ratlos wirkte, ein anderer war voll motiviert vom lustigen Abend. Der betreffende Teilnehmer war distanziert und schien nicht richtig da zu sein. „Zuerst war ich nur mal verwundert und wusste nicht, was tun. Nach einer gefühlt endlos langen halben Stunde habe ich meine Irritation um Thema gemacht. Ich war mir gar nicht sicher, ob das eine gute Idee ist, aber ich wusste nicht was ich sonst tun sollte, weil arbeitsfähig war die Gruppe so nicht“ führt Yasemine weiter aus.

Nach und nach erfuhren Yasemine und die nicht eingeweihten Gruppenmitglieder, was den Stimmungswechsel ausgelöst hatte. Yasemine war es dabei gut gelungen, das Gespräch so zu moderieren, dass der Teilnehmer, der den schwierigen Anruf erhalten hatte, selbst entscheiden konnte, wieviel er erzählen möchte. „Danach haben wir eine Pause gemacht und ich habe mit dem Teilnehmer unter vier Augen besprochen, was er braucht, auch ob er weiter am Seminar teilnehmen oder lieber nachhause fahren möchte. Er hat sich dann noch eine Stunde Auszeit genommen, um einige Dinge zu organisieren, damit er gut bis zum Ende bleiben kann. Ich hab das dem Rest der Gruppe nach der Pause kommuniziert und es ist dann relativ schnell gegangen, dass wir mit den geplanten Inhalten weiter tun konnten“ berichtet Yasemine.

Die anderen vier hatten schon ähnliche Situationen erlebt, auch Vorkommnisse, die direkt vor Ort geschehen waren und die Gruppe ganz schön ins Wanken gebracht hatten. Von kontroversen Diskussionen über Eifersuchtsszenen, bis zu sexualisierten Grenzüberschreitungen war alles dabei gewesen. Eine Faustregel unserer Expert*innen lautet daher von vornherein Raum zu geben für Ereignisse aus dem informellen Teil. Zum Beispiel in Form einer Morgenrunde mit Impulsfragen á la „Was ist von gestern noch über?“ oder „Was brauche ich, um gut arbeitsfähig zu sein?“ Auch weniger strukturiert kann aus der anleitenden Funktion heraus einfach interessiert nach der Abendgestaltung gefragt werden. So bekommt man nicht nur selbst Infos, sondern alle Gruppenmitglieder bekommen ein gemeinsames Bild.

Sich nicht instrumentalisieren lassen und lieber Zeit nehmen zu überlegen

„Ich bin da einmal richtig eingefahren…“ sagt Beate leicht errötend und ein bisschen mehr zu sich selbst als zu den anderen. Rudi hat es dennoch gehört und fragt interessiert nach. Mit einem Seufzer beginnt Beate davon zu erzählen, wie in einer Pause eines Seminars zwei Teilnehmer*innen mit einem eher ungewöhnlichen Anliegen zu ihr gekommen waren. Die beiden hatte sich in ebendieser Lehrgangsgruppe kennengelernt und waren sich schnell näher gekommen. Seit wenigen Tagen wussten sie, dass sie gemeinsam ein Kind erwarteten und hatten beschlossen, das Seminar dafür zu nutzen, ihren Lehrgangskolleg*innen nicht nur diese Nachricht zukommen zu lassen, sondern überhaupt ihre bislang geheim gehaltene Beziehung publik zu machen.

Beate berichtet weiter: „Ich war selbst ganz entzückt, weil die beiden so unglaublich sympathisch waren und ich mich mit ihnen freute. Viel zu schnell hab ich zugestimmt, ihrer Bitte nachzukommen und vor Ende der nächsten Einheit anzukündigen, dass die beiden etwas mitzuteilen hätten. Ich hatte überhaupt nicht in Frage gestellt, wieso das gerade heute und in diesem Rahmen passieren sollte. So wie die beiden vor hatten, die Gruppe zu überrumpeln – ganz ohne böse Absicht – so habe auch ich mich überrumpeln lassen.“

Die Situation war dann sehr unangenehm gewesen, für alle Beteiligten, und erst da war Beate aufgefallen, dass sie nicht gut auf das Anliegen reagiert hatte. So etwas hatten die anderen vier tatsächlich noch nie erlebt, konnten die Überforderung in der Situation aber trotzdem gut nachvollziehen.

„Ich merke, ich bin jetzt auch schon gut satt geworden zum Thema und würde gerne noch ein bissl informeller mit euch plaudern…“ sagt Paul in einem etwas eigenartigen Tonfall. Und noch bevor jemand darauf reagieren kann, hängt Paul noch ein „ich möchte euch nämlich noch was sagen…“ an.

Die Expert*innenrunde zum Thema Arbeit mit Gruppen trifft sich wieder im November und diskutiert zum Thema „Wenn alle in der Gruppe Expert*innen sind…“. Guten Start in den Herbst wünschen Beate, Maria, Rudi, Paus und Yasemine!

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Autorinnen: Gerda Kolb und Irene Zavarsky

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