#grumo_26: Spontan auf Veränderungen reagieren müssen

Gerade noch rechtzeitig erwischt Paul sein Telefon und hebt ab, Yasemine ist dran. „Hallo Paul, super, dass ich dich erwische! Ich hab nur kurz Zeit, aber eine dringende Anfrage an dich. Gehts bei dir?“ Yasemine ist hörbar außer Atem und in Eile und so schiebt Paul alle Höflichkeiten auf die Seite und bittet Yasemine loszuschießen. „Ich begleite ab morgen eine Gruppe im Rahmen eines Lehrganges und bin da auch überhaupt das erste mal dabei. Leider ist meine zweite Hälfte erkrankt und fällt aus. Hättest du zufällig den Rest der Woche Zeit und Lust, das mit mir gemeinsam zu machen?“

Paul folgt seinem Impuls nachzufragen, um was es denn genau ginge, nicht. „Sorry Yasemine! Ich würde gerne wieder mal mir dir zusammenzuarbeiten, aber ich bin voll diese Woche.“ „Hab ich mir eh fast gedacht“ entgegnet Yasemine. So auf die Schnelle eine zweite Person zu finden, mit der man schon gute Erfahrungen im gemeinsamen Staff gemacht hat und der oder die außerdem zufällig die nächsten Tage nichts vor hat, ist herausfordernd. „Danke trotzdem Paul! Eine Person steht noch auf meiner Liste. Wir sehen uns!“ meint Yasemine und hört gerade noch aufmunternde Worte von Paul, bevor sie den Anruf beendet.

Unsere fünf Protagonist:innen Maria, Rudi, Beate und eben Paul und Yasemine haben uns schon bisher immer wieder an Überlegungen zu unterschiedlichen Aspekten der Arbeit mit und in Gruppen teilhaben lassen. Ihre regelmäßigen Treffen bieten Raum für Austausch, Intervision und kollegiale Beratung und waren den fünf Expert:innen, vor allem in Phasen sozialer Distanz und Unsicherheit, Unterstützung für die Bewältigung ihrer jeweiligen (Arbeits-)Situationen. Beim heutigen Treffen, das wieder mal online stattfinden muss, ist das spontane Reagieren auf Veränderungen Thema.

„Yasemine! Super, dass du es auch geschafft hast! Paul und Beate haben grad schon kurz erzählt. Jetzt sind wir natürlich neugierig – wie sieht’s bei dir aus?“ begrüßt Rudi Yasemine, die als letzte dem Video-Meeting beigetreten ist. „Na ja, was soll ich sagen? Wenig überraschend hab‘ ich niemanden gefunden. Ich alleine mit der Gruppe arbeiten, wird schon hinhauen…“ gibt sich Yasmine zuversichtlich. „Verschiebung ist nicht möglich, oder?“ fragt Rudi nach. Yasemines Kopfschütteln wird von Maria so kommentiert: „Das Seminar ist doch Teil von einer Reihe, oder? Ich kann da nur von mir sprechen, also aus der Lehrgangsleiterinnen-Sicht, meine ich jetzt. Es passiert immer wieder, dass Leute ausfallen. Nicht nur, aber unter anderem deswegen, planen wir immer mit zwei Trainer:innen oder Referent:innen. Verschiebungen sind normalerweise keine Option, weil das alles völlig durcheinander bringt. Vor allem kurzfristig ist das selten möglich.“ Dafür haben natürlich alle Verständnis und das weitere Gespräch dreht sich darum, was hilfreich erscheint, um ungeplante Veränderungen bei der Arbeit mit Gruppen gut bewältigen zu können.

Kollektive Problembewältigung

Tief durchatmen hilft, auch wenn das unter Zeitdruck besonders schwierig erscheint. In einer Situation, wo man bereits in der Gruppe steht, kann es sinnvoll sein, transparent mit der Veränderung umzugehen und nicht zu versuchen, Schwierigkeiten zu überspielen. Ein „Klassiker“ erzählt von Beate: „Bevor ich die Teilnehmenden in Kleingruppen teilen und mit einem Arbeitsauftrag versorgen wollte, hatte ich einen kurzen Input geplant. Dafür wollte ich Laptop und Beamer nutzen. Ich hatte das im Vorfeld schon ausprobiert und dann funktionierte es trotzdem nicht. Zuerst war mir das voll peinlich. Ich wollte nicht inkompetent oder unprofessionell wirken. Zum Glück ist es mir gelungen, das Gefühl von Versagen auf die Seite zu schieben. Ich hab versucht, ganz transparent zu sein und dann die Teilnehmer:innen um Unterstützung gebeten. Es ist eine richtige Kooperationsübung daraus geworden und geklappt hat es auch irgendwann. Später haben wir die Situation gemeinsam reflektiert und es wurden Erfahrungen mit ähnlichen Situationen im Berufsalltag ausgetauscht. Dafür musste ich eine andere geplante Übung streichen. Die habe ich in Form eines Handouts nachgereicht.

Klarheit über eigene Kompetenzen & Ressourcen

Beim eingangs erzählten Beispiel von Yasemine war die Veränderung zwar einschneidend, dafür blieb zumindest ein wenig Zeit, zu überlegen, wie damit umgegangen werden könnte. Es ist sinnvoll sich zu fragen, welche der ursprünglichen Erwartungen erfüllt werden können und gegebenenfalls entsprechende Adaptierungen vorzunehmen. Paul war mal in einer ganz ähnlichen Situation: „Ich bin einmal spontan für eine Kollegin eingesprungen. Ich hab am Vortag das Thema des Seminars erfahren und am nächsten Morgen stand ich schon im Workshop. Glücklicherweise standen mir die schriftlichen Vorbereitungen der Kollegin zur Verfügung. Einen Teil der Materie habe ich mir am Abend noch – oberflächlich – erarbeitet. Ich hab den Teilnehmer:innen aber nicht verheimlicht, dass ich nicht bei allen Themen sattelfest bin. Einige Inputs der Kollegin hab‘ ich übernommen. Bei einem anderen Thema habe ich Forschungsgruppen installiert, in denen die Teilnehmenden selbst zum Thema recherchiert, sich ausgetauscht und diskutiert haben. Das hat ihnen auch sichtlich Spaß gemacht! Alles in allem war es dann trotz der Kurzfristigkeit ein ganz gutes Seminar. Den Anspruch, meine Kollegin zu 100% zu ersetzen, den habe ich gar nicht gehabt.

Achtung Auftragsdreieck!

Von Transparenz gegenüber der Gruppe war nun schon öfters die Rede. Wie aber tun, wenn noch andere im Spiel sind? Beim einem klassischen Auftragsdreieck wird unsere Arbeit mit der Gruppe von einer Organisation bzw. von Leitungspersonen beauftragt und besprochen, die aber nicht Teil der Gruppe sind, mit der dann gearbeitet wird.

Rudi berichtet von einem solchen Beispiel: „Das ist jetzt schon viele Jahre her, aber an diese Zwickmühle werde ich mich wahrscheinlich ewig erinnern. Ich sollte mit Mitarbeiter:innen aus unterschiedlichen Teams einen Workshop zum Thema „Umgang mit Konflikten“ machen. In der Vorbesprechung mit einer Person aus dem Leitungsteam wurde mir klar kommuniziert, dass es explizit nicht um Konflikte in der Organisation gehen sollte, weil da ohnehin ein paralleler Prozess laufe, sondern um den Umgang mit Konflikten zwischen Klient:innen oder Mitarbeiter:innen und Klient:innen. Das ist mir schon ein wenig seltsam vorgekommen. Ich fragte daher nach, welche Reaktion gewünscht würde, wenn es dennoch als Thema von den Teilnehmenden kommen würde. Die Antwort auf die Frage war ambivalent und die Leiterin fühlte sich sichtlich unwohl mit der Frage. Ich verabsäumte es, noch weiter dran zu bleiben und ging mit den gesammelten Infos an die Vorbereitung und schließlich in den Workshop.

Dort war schnell klar, dass die Konflikte zwischen den unterschiedlichen hierarchischen Ebenen in der Organisation das Thema war, dass am meisten beschäftigte. Die Teilnehmenden wollten den Workshop für Austausch und Strategieentwicklung nutzen und ich fühlte mich als Zeuge eines beginnenden Aufstandes. Meine erste Intervention bestand im transparent machen der Beauftragung, inklusive der Ambivalenz, die ich in dem Gespräch wahrgenommen hatte. Danach verkündete ich eine Pause, die ich dafür nützen wollte, zu entscheiden, wie ich weiter tun würde mit der Gruppe. Den Ärger über die verabsäumte Beharrlichkeit beim Contracting musste ich beiseite schieben, um klar denken zu können. Es ging jedenfalls nach der Pause anders weiter als geplant und ich stehe nach wie vor zu meiner Entscheidung. Die Wichtigkeit einer genauen Auftragsklärung inklusive der Benennung von Irritationen ist allerdings ein Learning, das ich seitdem präsenter habe!“

Gegen Ende des Treffens bedankte sich Yasemine bei ihren Kolleg:innen mit den Worten: „So cool! Ich fühle ich jetzt viel besser gewappnet und habe nicht mehr dieses Defizit-Gefühl. Ich bin keine Wunderwuzzi und ich glaube, das erwartet sich auch niemand. Vielen Dank dafür!“ Mit vielen guten Wünschen für die bevorstehenden Feiertage und den Start ins neue Jahr verabschieden sich unsere fünf Expert:innen voneinander.

Autorinnen: Gerda Kolb und Irene Zavarsky

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Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen unter gleichen Bedingungen 3.0 Österreich Lizenz.
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