Gelehrt heißt nicht gelernt

Den Lernerfolg der TeilnehmerInnen in den Mittelpunkt stellen

Was heißt es, die Weiterbildung aus der Perspektive des Lernens zu gestalten? Wie können wir das alles praktisch umsetzen? Wie gehen wir mit den unterschiedlichen Anforderungen und Voraussetzungen unserer Teilnehmer*innen um?

Mit diesen Fragen haben sich die Trainerinnen Anja Centeno García und Susann Beyer mit ihren Teilnehmer*innen von 15.09.-17.09.2021 befasst.

Im Workshop „Gelehrt heißt nicht gelernt!“ haben wir mit unseren Teilnehmenden dazu viele Orientierungshilfen und Anregungen erarbeitet, Methoden ausprobiert und Ideen mit Hilfe von intensivem kollegialem Austausch in die individuelle Planung integriert.

Tag 1

Wir freuen uns, wieder in Wien zu sein. Die REFAK begrüßt uns mit einem schönen Seminarraum und neugierigen, freundlichen Teilnehmenden. Wir fühlen uns sofort wohl und starten in den ersten Tag, der ganz im Zeichen des Lernens und der Kompetenzorientierung steht.

Damit alle einander gut kennenlernen und sich schon mal warmreden, beginnen wir mit einem Interview in Zweiergruppen und anschließender Vorstellungsrunde. Den inhaltlichen Einstieg nehmen wir mit einem weiteren Interview, diesmal als „Speed-Dating“ verpackt. Es geht um das eigene Lernen: Wie und aus welchen Anlässen habe ich früher gelernt? Wie lerne ich heute? Was haben Lehrende gemacht, was mein Lernen eher behindert bzw. gefördert hat? Die Ergebnisse wurden auf Flipcharts zusammengetragen, vorgestellt und mit ein wenig Theorie ergänzt.

Daran anknüpfend tragen wir im Themenspeicher zusammen, was die Teilnehmenden mit uns lernen wollen. So haben wir uns einen guten Überblick über die individuellen Anliegen und Fragen verschafft. Wir können unsere Planung überprüfen und bei Bedarf anpassen.

Wir haben dann intensiv an den Begriffen gearbeitet. Was bedeutet für die Teilnehmenden eigentlich Didaktik, Methode und Kompetenz? Wir ergänzten: Welche theoretischen Modelle liegen dahinter und wie lassen sie sich auf die Aufgaben der Teilnehmenden übertragen?

Ausgehend von diesem Begriffsrahmen sind wir in die Leitfragen zur Planung von Vorträgen und Seminaren eingestiegen. Die Perspektive der Lernenden berücksichtigen heißt immer, sich mit deren Vorwissen und Lernzielen zu befassen. Wir haben das im Workshop mit einer Aufstellung sichtbar gemacht: Welche Schritte bin ich schon gegangen? Welches Wissen, welche Fähigkeiten bringe ich mit? Und eine entscheidende Frage: Was möchte ich erreichen?

Zur Formulierung der Lernziele stellten wir den Teilnehmenden das Modell von Anderson & Krathwohl (2001) vor. Entlang von Taxonomiestufen werden Anforderungsniveaus angeordnet, die Einblicke in den Lernerfolg ermöglichen.

Die Übertragung dieses Modells auf die Veranstaltungen unserer Teilnehmenden haben wir gleich mit Hilfe des „Didaktors“ von Christof Arn getestet.

Mithilfe der Formulierung von Lernzielen für die eigene Veranstaltung haben unsere Teilnehmenden dann das Formular zur Einreichung ihres Angebots eröffnet und sich gegenseitig mit einem kurzen Feedback unterstützt.

Tag 1 endete mit einem Feierabendkino, bei dem wir gedanklich den intensiven Tag abgeschritten und erinnert haben.

Tag 2

Wir starten in die Feinplanung! Im Mittelpunkt stehen heute die Feinziele, sowie Dramaturgie und Methodenwahl. Während unseres Workshops füllen wir immer wieder die Methodenbar, denn zusammen mit den Teilnehmenden erproben und reflektieren wir in den zweieinhalb Tagen viele verschiedene Methoden, die das Lernen und den Austausch unterstützen.

Bevor wir die Werkstatt eröffnen, galt es, den Themenspeicher abzugleichen. Sind schon einige Fragen beantwortet? Was ist offen geblieben? Was ist noch hinzugekommen? Unsere Teilnehmenden tauschen sich aus und schätzen dann selbst ein, wo sie gerade stehen und kleben einen roten Punkt auf der Skala. Das gleiche wiederholen wir am Abend mit blauen Punkten, um Lernfortschritt und offene Fragen sichtbar zu machen.

Unser kleines Improvisationstheater hat die Teilnehmenden zur Reflexion angeregt: Welcher Planungstyp bin ich eigentlich? Fühle ich mich mit einem gut durchdachten und ausformulierten Ablaufplan wohler oder jongliere ich ganz agil die Themen und Methoden je nach situativer Anforderung? Welche Herausforderungen sind eigentlich bei Lehrteams zu beachten? Hier kannst du mehr dazu nachlesen.

Damit sind wir mitten in der Feinplanung: Wie baue ich eigentlich einen guten Vortrag/ einen gelungenen Kurs auf? Die Erfahrungen und Ideen unserer Teilnehmenden zur Rhythmisierung Veranstaltungen, die Gestaltung von Phasen des Lehrens und Lernens haben wir dann am Sandwich-Modell etwas näher beleuchtet. Viele Ideen wurden hier schon sichtbar und miteinander diskutiert.

Ergänzt, neu angeordnet oder auch mal auf den Kopf gestellt wurden die Veranstaltungen der Teilnehmenden dann in der intensiven Werkstattphase. Hier konnten unsere Teilnehmenden durch die mitgebrachten Materialien (Methodensammlungen und Bücher) blättern, sich inspirieren lassen und bei intensiven kollegialen Beratungen an ihren Fragestellungen arbeiten. Zum Abschluss dieser individuellen Arbeitsphase hatten die Teilnehmenden die Gelegenheit, die Gruppe im Plenum für eine Simulation einer Sequenz, für Feedback oder eine spontane Ideensammlung zu nutzen. Schwarmintelligenz war gefragt und die Ergebnisse spannend.

Ein Impuls, der den Blick auf die Lernenden lenkt rundet diesen Tag ab: Mit welchen Voraussetzungen kommen Lernende in meine Veranstaltungen? Was brauchen sie, um gut lernen zu können? Anja stellt ihre „4K+4S-Formel“ vor.

Ein zweiter Blick auf den Themenspeicher und die Einschätzung des Arbeitstandes am Tagesende zeigt: Wir haben zusammen viel geschafft!

Tag 3

Den letzten (halben) Tag wollten wir den schwierigen Situationen unserer Teilnehmenden widmen. Oder besser: Den Möglichkeiten, ihnen angemessen zu begegnen.

Unsere Teilnehmenden haben im ersten Schritt schwierige Situationen, mit denen sie rechnen, die sie schon erlebt haben oder die sie befürchten, zusammengetragen. Um gut entscheiden zu können, mit welchen wir uns zuerst beschäftigen, haben sie eine kleine Priorisierung nach der Eisenhower-Matrix vorgenommen.

Im nächsten Schritt haben wir versucht, mit Hilfe des Vier-Faktoren-Modells aus der Themenzentrierten Interaktion nach Ruth Cohn Ursache und Wirkung der schwierigen Situation zu verorten.

Und dann haben unsere Teilnehmenden sich gegenseitig mit Gestaltungs- und Lösungsvarianten beschenkt. Zu fast jeder Situationskarte wurden in kleinen Gruppen Ideen gesammelt, notiert und anschließend im Plenum vorgestellt.

Abschließend haben wir diese Überlegungen entlang des Eskalationsstufen-Modells eingeordnet. Diese Stufen können hilfreich sein, in schwierigen Situationen souverän zu agieren oder diese bestenfalls zu reduzieren.

Angefüllt mit Ideen, wie auch sie bei der Planung ihrer Vorträge und Kurse den Lernerfolg der Teilnehmenden in den Mittelpunkt stellen können, schließen wir den Workshop ab. Das Feedback entlang der Time-Line und die feierliche Übergabe der Zertifikate war auch für uns Trainerinnen ein wunderbarer Ausklang.

Literatur und Links

  • Anderson, Lorin W./Krathwohl, David R. (Hrsg.) (2001): A Taxonomy for Learning, Teaching and Assessing. A Revision of Bloom’s Taxonomy of Educational Objectives. New York: Addison Wesley. Hier zum Downloaden.
  • Brendel, Sabine; Hanke, Ulrike; Macke, Gerd (2019): Kompetenzorientiert lehren an der Hochschule. Opladen: Barbara Budrich.
  • Dreyfus, Steward E.; Dreyfus, Hubert (1980): A Five-Stage Model Of The Mental Activities Involved In Directed Skill Acquisition. Hier zum Downloaden.
  • Pfadenhauer, Michaela (2005): Professionelles Handeln. Wiesbaden: VS-Verlag.
  • Siebert, Horst (2009): Didaktisches Handeln in der Erwachsenenbildung. Didaktik aus konstruktivistischer Sicht. 6., überarb. Aufl. Hergensweiler: ZIEL.
  • Strauch, Anne; Jütten, Stefanie; Mania, Ewelina (2009). Kompetenzerfassung in der Weiterbildung. Instrumente und Methoden situativ anwenden. Bielefeld: wbv.

Hintergrundwissen

  • Caspary, Ralf (Hrsg.) (2006): Lernen und Gehirn: Der Weg zu einer neuen Pädagogik. Freiburg im Breisgau: Herder.
  • Gasser, Peter (2012): Einführung in die Neuropsychologie. Für Lehrende der Erwachsenenbildung. Bern: hep.
  • Herrman, Ulrich (Hrsg.) (2009): Neurodidaktik. Grundlagen und Vorschläge für gehirngerechtes Lehren und Lernen. 2.Aufl. Weinheim: Beltz.
  • Hüther, Gerhard (2010): Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Spitzer, Manfred (2006): Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Heidelberg: Spektrum.

Methodisches

  • Besser, Ralf (2014): Werkzeugkoffer für Lernbegleiter. Bremen: besser wie gut GmbH.
  • Besser, Ralf (2015): Das Reflexionstool: Fragen während der Lektüre. Über: www.besser-wie-gut.de
  • Boden, Betty; Boden, Nikolas; Groß, Harald (2006): Munterrichtsmethoden. 22 aktivierende Lehrmethoden für die Seminarpraxis. Berlin: Schilling.
  • Boden, Betty; Boden, Nikolaas; Groß, Harald (2014): Munterrichtsmethoden 2. 22 aktivierende Lehrmethoden für die Seminarpraxis. Berlin: Schilling.
  • Brinker, Tobina; Schumacher, Eva-Maria (2014): Befähigen statt belehren. Neue Lehr- und Lernkultur an Hochschulen. Bern: hep
  • Funcke, Amelie; Havenith, Eva (2011): Moderations-Tools. Anschauliche, aktivierende und klärende Methoden für die Moderations-Praxis. 2. Aufl. Bonn: managerSeminare.
  • Groß, Harald (2020): Munterrichtsmethoden digital. Das Kartenset. Berlin: Schilling.
  • Große-Boes, Stefanie; Kaseric, Tanja (2006): Trainer-Kit. Die wichtigsten Trainings-Theorien, ihre Anwendung im Seminar und Übung für den Praxistransfer. Bonn: managerSeminare.
  • Klein, Irene (2002): Gruppebleiten ohne Angst. Ein Handbuch für Gruppenleiter. 9. Aufl. Donauwörth: Auer.
  • Knoll, Jörg (2013): Kurs- und Seminarmethoden. 11. Aufl. Weinheim: Beltz.
  • Langmaack, Barbara; Braune-Krickau, Michael (2010): Wie die Gruppe laufen lernt: Anregungen zum Planen und Leiten von Gruppen; ein praktisches Lehrbuch. 8. Aufl. Weinheim: Beltz.
  • Messer, Barbara (2014): Ungewöhnliche Trainingspfade betreten. Bonn: managerSeminare.
  • Messer, Barbara (2016): Inhalte merk-würdig vermitteln. 2., überarb. Aufl. Weinheim: Beltz.
  • Nitschke, Petra (2013): Trainings planen und gestalten. 2. Aufl. Bonn: managerSeminare.
  • Schumacher, Eva-Maria (2011): Schwierige Situationen in der Lehre. Methoden der Kommunikation und Didaktik für die Lehrpraxis. Opladen & Farmington Hills: Barbara Budrich.

Empfehlenswerte Adressen im WWW

Genannte (und auch andere) Bücher können HIER im Webshop des ÖGB-Verlags versandkostenfrei bestellt werden.

Trainerinnen: Anja Centeno García und Susann Beyer

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