#dimi_19: Ich lerne also bin ich

Anregungen zu Organisation des eigenen Lernens

 „Wer nichts weiß, muss alles glauben, “ hat Maria Ebner-Eschenbach treffend formuliert. Wissen ist eine wichtige Ressource zur Selbstermächtigung. Es bildet die Grundlage dafür, dass wir in unseren beruflichen (und gewerkschaftlichen) Kontexten wirksam sein können. Wie können wir Lernende dazu anregen, selbst zu aktiven lebenslangen Lerner*innen zu werden und „Eigentümerschaft“ für ihr Wissen zu übernehmen? Neugierig geworden?

Was ist Wissensmanagement?

Der Begriff „Wissensmanagement“ ist den meisten Menschen bekannt. Gemeinhin denken wir dabei an Prozesse, die  Organisationen entwickelt haben, um die Erhaltung von Wissen sicherzustellen und dieses personen- und zeitunabhängig zugänglich zu machen bzw. den Verlust von Wissen zu vermeiden.

„Eine Investition in Wissen bringt noch immer die besten Zinsen,“ sagte einst Benjamin Franklin und das betrifft nicht nur Organisationen, sondern jede*n Einzelne*n von uns. Es macht Sinn, zu überlegen, wie ich mit der wertvollen Ressource umgehe und wie ich diese bestmöglich hegen, pflegen und weiterentwickeln kann. In einer Zeit, in der unterschiedliche Formen des e-Learnings immer mehr Bedeutung gewinnen, ist die Frage, wie Lernende ihr Wissen organisieren eine wesentliche. E-Learning baut auf Fähigkeit der Lernenden, ihre Lernprozesse selbst zu steuern. Die Fähigkeit, Wissen zu organisieren und Lernerfahrungen zu reflektieren, steigert die Qualität des Lernprozesses. Entwickeln Lernende ein System, ihr Wissen  zu organisieren, nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass sie dieses auch außerhalb des Seminars nutzen und weiterentwickeln. Das persönliche Wissensmanagement ist somit ein wichtiger Schlüssel zur Stärkung der Nachhaltigkeit von Lernprozessen.

Wie Lernen genauer passiert, habe ich im #dimi_03 ausführlich beschrieben. Wesentlich ist:  Lernen ist ein Dauerzustand, den wir im Alltag bewusst oder unbewusst vollziehen. Es ist kein Geheimnis, dass wir unser persönliches Wissen nur zu einem kleinen Teil im Rahmen von formellen Lernprozessen, also in der Schule oder später in einem Seminar oder Lehrgang, erwerben. Der viel größere Teil der Wissensaneignung passiert im alltäglichen Ausprobieren und Verwerfen – kurz gesagt: nach dem „Trial and Error“-Prinzip.

Sprechen wir von persönlichem Wissensmanagement so verstehen wir darunter eine Praxis, die Lernende für sich selbst entwickeln, um Wissen, das sie in informellen und formellen Lernprozessen gewinnen, eigenverantwortlich zu organisieren. Konkret tun wir das beispielsweise, indem wir Notizen machen, Informationen und den Ort wo wir diese gefunden haben, systematisch speichern und eine Struktur festlegen, wie wir diese zu dem Zeitpunkt, an dem wir das Wissen brauchen, auch wiederfinden. Dabei nutzen wir analoge oder digitale Formate, die uns beim Schaffen der Ordnung helfen können. Jane Hart, eine Lernexpertin aus Großbritannien, erhebt seit 15 Jahren, welche Tools Einzelpersonen und Organisationen vorwiegend nutzen. Die aktuelle Liste wurde gerade in diesem Monat veröffentlicht.

Information ist nicht gleich Wissen

Persönliches Wissensmanagement geht weit über das reine Verwalten von Wissen hinaus. Wissen ist mehr als das reine Anhäufen von Information. Es geht auch um das „Konstruieren von Sinn“- im Englischen häufig als „sense-“ oder „meaning-making“ bezeichnet. Ein Modell, das die wichtigen Schritte des persönlichen Wissensmanagements sehr schlüssig darstellt ist das: Search- Sense- Share Modell, das ich hier genauer beschreiben möchte.  

1. SEARCH

Search steht für Suche und beinhaltet den Prozess der Informationssuche, den wir häufig als Recherche bezeichnen. Recherche klingt sehr systematisch, was in manchen Fällen auch zutreffen mag. Bin ich mit einem spezifischen Problem konfrontiert oder möchte mein Wissen in einem bestimmten Gebiet ausbauen, nehme ich mir die Zeit für eine umfassende Recherche, bei der ich mir ein Bild über das jeweilige Themengebiet mache. Ich versuche herauszufinden, welche unterschiedlichen Perspektiven einzelne Personen dazu haben und wer darüber schreibt etc. In vielen Fällen passiert dieser erste Schritt der Informationssuche aber auf einer viel banaleren Weise, sprich zufällig. Wir hören etwas im Radio, jemand schickt uns einen interessanten Link zu einem spannenden Thema oder wir lesen einen Kommentar auf Twitter, der uns zum Denken anregt oder eine Antwort liefert, die wir schon lange gesucht haben.

Sprechen wir von persönlichem Wissensmanagement, stellt sich hier die Frage, wie wir mit den unterschiedlichen Formen von Information umgehen. Bei einer systematischen Suche ist das meist einfacher. Ich erkenne diesen Schritt meist, wenn ich einen neuen Ordner im Lesezeichenbereich meines Webbrowsers anlege und dabei bemerke, dass es höchste Zeit ist, meine Lesezeichen wieder mal aufzuräumen. Oder ich speichere meine Ressourcen auf einem digitalen Whiteboard wie bspw. hier eine meiner Sammlungen zum Diversity Management. Der Vorteil eines digitalen Whiteboards ist, dass ich dieses bei Bedarf auch sehr einfach teilen kann. Außerdem bietet es sich für eine übersichtliche Darstellung an.

Die Frage, die beim Sammeln von Informationen relevant wird, ist: Wie konsequent speicherst du Informationen, die im Alltag unvermittelt auf dich zukommen? Persönliches Wissensmanagement (PWM) hat auch damit zu tun, dass du eine konsequente Praxis entwickelt hast, Informationen strukturiert abzulegen, auch wenn du gerade nicht mit einer Recherche befasst bist.  

2. SENSE

Sense ist der Schritt, in dem wir den Informationen, die wir gesammelt haben, Sinn geben. Wissen ist eine Konstruktion und nicht ein Konsumgut, es wird „erschaffen“. Information wird erst dann zum Wissen, wenn sie mit dem vorhandenen Vorwissen und Erfahrungen verknüpft wird. In der Realität entsteht Wissen im Prozess des Nachdenkens und Reflektierens. Wir verarbeiten die Information, indem wir diese zerpflücken, für uns sinnvoll strukturieren und mit bestehendem Wissen vernetzen. Wir gewinnen Erkenntnisse, die für unsere eigene Lebensrealität relevant sind bzw. irgendwann nützlich sein könnten.

Stell dir vor, du hast einen Podcast gehört und nimmst dir im Anschluss kurz Zeit, die wichtigsten Gedanken aufzuschreiben oder sie bspw. in Form einer Mindmap festzuhalten. Du schreibst Informationen nieder, die dir bei der Lösung eines konkreten Problems helfen können und stellst dir Fragen, die für dich noch nicht hinreichend geklärt sind. In diesem Moment konstruierst du aus dem, was du gehört hast, dein eigenes Wissen. Du integrierst die Informationen in deine bestehende Wissenslandkarte.

Der Schritt „Sense“ beinhaltet aber wesentlich mehr als die reine Verarbeitung von Wissen. „Sinn machen“ passiert auch dann, wenn wir das eigene berufliche Handeln reflektieren und aus unseren Erfahrungen lernen. Dabei kommt der in #dimi_11 beschriebene Prozess des „Single- and double-loop-learning“ ins Spiel, bei dem die Bedeutung der Reflexion für das Lernen und die Wissensgenerierung erklärt wird. Dieser Aspekt findet sich in der Haltung des „Reflective Practioners“, die einen wesentlichen Teil des persönlichen Wissensmanagements ausmacht.

3. SHARE

Share nennt sich der dritte Schritt im persönlichen Wissensmanagement. Ich halte diesen für einen sehr interessanten, da dieser häufig nicht bedacht wird. Dieser Schritt erweitert den Prozess des persönlichen Wissensmanagements um die Komponente der Aufbereitung des Wissens bzw. des Teilens von Wissen. „Wissen ist die einzige Ressource, welche sich durch Gebrauch vermehrt,“ sagt Gilbert Probst. Bereite ich mein Wissen für andere auf, vermehre ich dabei auch mein eigenen Wissen.

Das Teilen von Wissen wird dabei zu einem  wesentlichen Schritt der Erkenntnisgewinnung, kann also als eine weitere Stufe des „sense-makings“ bezeichnet werden. Erklärt kann dieser Schritt auch durch die Unterscheidung von explizitem und implizitem Wissen werden. Laut dem Philosophen Michael Polanyi wissen wir immer mehr, als wir in Worte fassen können. Wir verfügen über Wissen, ohne jedes Detail beschreiben zu können, ein Teil des Wissens bleibt also immer implizit. Polanyi verwendet das Beispiel des Kuchenrezepts, das die Oma für ihre Enkelkinder aufschreibt. Auch wenn sie die Schritte genau festhält, gelingt der Kuchen möglicherweise nicht so gut, wie wenn sie ihn selbst backen würde. Den Enkel*innen fehlt das implizite Wissen, das durch Erfahrung entsteht. Nichts desto trotz wird im  Versuch, den Prozess zu beschreiben, das Wissen explizit gemacht, wovon auch die Person profitiert, die das Wissen teilt. Schreibe ich beispielsweise einen Blogbeitrag zum Thema kooperatives Lernen, werden mir manche Aspekte, die ich mir in meiner Erfahrung als Trainerin angeeignet habe, bewusster. Ich komme zu einer neuen Klarheit, von der ich selbst profitiere und die hoffentlich auch für andere neue Einsichten ermöglicht – also wiederum das Potential hat, neues Wissen zu schaffen.

Welche Tools ich nutze…

In meinem persönlichen Wissensmanagement spielen zwei Tools ein zentrale Rolle. Einerseits arbeite ich mit Citavi, das in meinen Augen viel mehr ist als ein Literaturverwaltungsprogramm. Ohne hier die Werbetrommel rühren zu wollen, ein paar Einblicke, wie ich Citavi nutze: Das Programm ermöglicht das Festhalten von Gedanken und Notizen, die ich einfach mit einer Quelle (Buch, Artikel, Website, Video)  verknüpfen kann. Es bietet die Möglichkeit, Zitate in einem PDF zu markieren und zu beschlagworten und somit später leicht wiederzufinden. Auf diese Liste von Schlagworten kann ich auch beim Schreiben eines Textes direkt über ein Add-in in Word zugreifen. So kann ich Gedanken, aber auch Zitate, direkt in meinen Text integrieren. Dabei wird gleich automatisch ein Literaturverzeichnis erstellt. Klingt alles sehr wissenschaftlich, aber Citavi ist sicherlich eines der umfassenden Tools, um das eigene Wissen sinnvoll zu organisieren.

Zusätzlich zu Citavi nutze ich OneNote, das Standard-Notizbuch von Microsoft Office. Hier halte ich allen möglichen Arten von Notizen fest, die mir im Laufe meines (Arbeits-) alltags unterkommen. Praktisch finde ich, dass ich auf OneNote auch über mein Smartphone Zugang habe, also auch dann, wenn ich sonst nichts zum Schreiben dabei habe. Wer Microsoft Produkten skeptisch gegenübersteht, findet hier zahlreiche Alternativen.

Ein paar praktische Tipps von mir…

Auch wenn das alles einfach und logisch klingt, ist es gar nicht so leicht, eine Routine des persönlichen Wissensmanagements aufzubauen. Eine der größten Hürden ist wohl der Faktor Zeit. Will ich eine lernende Haltung in meinen Alltag integrieren, so brauche ich dafür eine Routine. Interessiert dich, wie ich das angehe? Dann teile ich gerne zum Abschluss meine zwei wesentlichen Praktiken, die mir zugegebener Weise mal besser mal schlechter gelingen.

  1. Ich beginne meinen Arbeitstag mit meiner persönlichen Interpretation der„10-minutes a day“ Lernpraxis. Nach dem Hochstarten des Computers schaue ich nicht gleich in die E-Mails, sondern nehme mir ein paar Minuten Zeit,  wichtige Gedanken und Informationen in meinem OneNote-Notizbuch festzuhalten.
  2. Ich höre sehr gerne Podcasts. Das kann ich gut in meinen Alltag integrieren. Um die Wertschöpfung des Gehörten zu steigern, nehme ich  mir regelmäßig Zeit, die wichtigsten Gedanken stichwortartig aufzuschreiben – oft erst auf einem Notizzettel, den ich auf den Schreibtisch lege und erst dann entsorge, wenn ich die Information oder Erkenntnis am richtigen Ort festgehalten habe.

Und du? Wie gehst du mit der wertvollen Ressource Wissen um? Falls du deine Praxis teilen noch Ideen und Anregungen zum persönlichen Wissensmanagement hast, freu ich mich über einen Kommentar.

Zum Weiterschmökern

Genannte (und auch andere) Bücher können HIER im Webshop des ÖGB-Verlags versandkostenfrei bestellt werden.

Autorin: Margret Steixner

Fotocredit: Beitragsfoto stammt von usplash

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