#thedi_19: Gegenmacht „bilden“ – Teil 1

Gegenmacht bilden
CC: REFAK

Die interessenpolitischen Machtverhältnisse haben sich verändert. Sozialpartnerschaftlicher Dialog und Einfluss auf die staatliche Gesetzgebung haben dramatisch an Gewicht verloren. Gewerkschaftliche Gegenmacht muss nun anders organisiert werden und das fordert auch die gewerkschaftliche Bildungsarbeit!

Schon mal „Gegenmacht“ trainiert?

Wo liegt der archimedische Punkt der Macht der Gewerkschaftsbewegung in Österreich? Um die Antwort gleich vorwegzunehmen: in glaubwürdigen gewerkschaftlichen Möglichkeiten zur Gegenmacht in den Betrieben!

Was wir Trainer/-innen täglich in der gewerkschaftlichen Bildung tun, ist politische Bildung! Mehr noch, es ist immer auch Bildung, die im Innersten „Ermächtigung“ der Teilnehmenden zum Ziel hat. Aber eben meist nicht offensichtlich. Die „(Gegen-)Macht“- Frage ausdrücklich zum Seminar- oder Trainingsgegenstand zu machen geschieht erfahrungsgemäß eher selten. An dieser Schraube wollen wir nun bewusst drehen!

Eine Projektgruppe aus Bildungsverantwortlichen aller Träger der gewerkschaftlichen Bildung (VÖGB, Gewerkschaften, Arbeiterkammern) arbeitet seit einigen Monaten an der Frage: Wie entwickeln wir „Gegenmacht“-Kompetenz in unserer tägliche Arbeit mit Funktionären/-innen und Betriebsräten/-innen? Dieses Projekt ist Teil eines breiteren Strategieprozesses im ÖGB.

Neue Macht-Verhältnisse erfordern neue Macht-Strategien

Die Ausgangsthese mit der wir arbeiten: Gewerkschaftliche Bildung hat in der Vergangenheit vor allem dem Ausbilden von Funktionären/-innen gedient, damit sie sich im System der Ordnungsmacht professionell bewegen können. Ordnungsmacht im Staat meint die Rolle von Gewerkschaft als anerkannter Machtfaktor, vor allem in Fragen der arbeits- und sozialpolitischen Gesetzgebung. Ordnungsmacht im Wirtschaftssystem meint in der „Sozialpartnerschaft“ auf Augenhöhe mit den Unternehmern Einkommen, Arbeitsbedingungen und vieles mehr zu regeln.

Was ist in den letzten Jahren passiert?

  • Erstens: Im Staat wurde diese Funktion der Gewerkschaften, nämlich „Ordnungsmacht“ zu sein, regierungsseitig weitgehend ausgetrocknet.
  • Zweitens: Die Sozialpartnerschaft ist, je nach Diagnose, derzeit auf der Intensivstation oder bereits mausetot (zumindest galt dies bis zu den Maßnahmen rund um die Corona-Virus-Pandemie).
  • Die Schlussfolgerung: Was an Ordnungsmacht verloren gegangen ist, muss durch „Gegenmacht“ ersetzt werden, um nun mit den – statt wie bisher für die – arbeitenden Menschen positiv wirksam sein zu können.

Gewerkschaften „powered by“ Gegenmacht und Mitgliedschaftslogik

Was meint der Begriff „Gegenmacht“?

Der Begriff kommt ursprünglich aus der marxistischen Theorie, die beschreibt, wie sich zwei Klassen gegenüberstehen: die herrschende Klasse der Bourgeoisie und das Proletariat. Die herrschende Klasse hat die Macht in der Gesellschaft und die untergeordnete Klasse des Proletariats hat die historische Aufgabe durch Selbstorganisation „Gegenmacht“ aufzubauen. Das Gegensatzpaar Ordnungsmacht – Gegenmacht wird in der Politikwissenschaft teils auch durch ein anderes Begriffspaar beschrieben: Einflusslogik versus Mitgliedschaftslogik.

Einflusslogik vs. Mitgliedschaftslogik, Ordnungsmacht vs. Gegenmacht
CC: REFAK

In den Jahrzehnten seit 1945 hat es die österreichische Gewerkschaftsbewegung geschafft, sehr viel zum Wohl von Mensch, Wirtschaft und Gesellschaft mittels „Einflusslogik“ zu erreichen: Einfluss durch Gewerkschafter/-innen in Regierung und Ministerien, im parlamentarischen Prozess, im vorparlamentarischen Raum bei der Ausgestaltung und Begutachtung von Gesetzen, durch Verhandlung der Funktionäre/-innen im Rahmen der Sozialpartnerschaft. Die neue Situation ist geprägt davon, dass sich die Kapitalseite ihre Interessen und zusätzliche Privilegien im direkten Weg, ohne Verhandlung, über die Regierung sichern. Außerdem versuchen sie aktiv die betriebsrätliche und gewerkschaftliche Mitbestimmung zu reduzieren (siehe: 12/60 Stunden-Arbeitswelt).

Zitat: "Es kann über nichts verhandelt werden, wenn man nicht zuvor die Macht besitzt, Verhandlungen zu erzwingen." (frei nach Saul Alinsky)
Saul Alinsky (1909-1972), Mitbegründer des „Community Organizing“ in den USA.

Die Konsequenz: Die Basis ist gefordert! Mitgliedschaftslogik ist gefragt. Unter den neuen Bedingungen ist der einzig wirkungsvolle Hebel der Gewerkschaftsbewegung sinngemäß: „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.“ Wenn der Einfluss in Institutionen nicht ausreicht, um Interessen durchzusetzen, dann muss Gewerkschaft gegenmachts- und kampagnenfähig sein. Um noch genauer zu sein: Sie muss im Betrieb handlungs- und aktionsfähig sein. Dort entfaltet sie ihre volle Kraft und Wirksamkeit, dort liegt – wie einleitend gesagt – ihr „archimedischer Punkt“. Das setzt beteiligungs- und handlungsbereite Gewerkschaftsmitglieder voraus. Und es braucht Betriebsräte/-innen und Funktionäre/-innen, die in der Lage sind, die eigenen Macht-Ressourcen zu erkennen, auszubauen und zu aktivieren. Das System Wirtschaft funktioniert nach der Logik von Kaufen und Verkaufen, Gewinn oder Verlust. Ausfälle in der Produktion, bei Dienstleistungen oder auf den Märkten, also unkalkulierbare Kosten, müssen glaubwürdig drohen. Nur dann wird ein Wirtschaftspartner „auf Egotrip“ wieder bereit sein, Kompromisse zu schließen und von Arbeitnehmer/-innen erwirtschaftete Erträge fair zu teilen.

Was können wir Trainer/-innen für eine Gegenmacht-orientierte Bildungsarbeit leisten?

  • Werkzeuge zur Selbstreflexion anwenden, die die eigene Positionierung im Machtgefüge Betrieb erkennen lassen.
  • Betriebsräte/-innen anleiten, die für sie aktivierbaren Machtressourcen benennen, analysieren und einschätzen zu können, um sie dann in eine gute Strategie in der Interessenauseinandersetzung einzubauen.
  • Methodische und strategische Impulse liefern, wie eine gewerkschaftliche Gegenmacht-Basis im Betrieb aufgebaut werden kann.
  • Trainings anbieten, die der Vorbereitung und Reflexion von Aktionen und Mobilisierungen dienen.
  • In Trainings und Seminaren bearbeiten, wie Betriebsräte/-innen und Funktionäre/-innen aktiv werden können, um sich den Rückhalt, das Vertrauen, die Folgebereitschaft und Beteiligung der von ihnen Vertretenen zu sichern.
  • Theorien und Methoden vermitteln, die unserer Zielgruppe helfen, die Interessen, Sorgen und arbeitsbedingten Emotionen von Menschen wirkungsvoll adressieren zu können.

Die nächsten Blog-Beiträge unter diesem Schwerpunkt sollen methodische, didaktische und theoretische Anregungen und Impulse für eine Verankerung des Gegenmacht-Fokus in unseren Bildungsangeboten bieten. Immer im Bewusstsein: Gewerkschaftliche Bildung bietet nur ein paar Zutaten, um Gegenmacht „gebacken“ zu bekommen. Jedenfalls kann sie aber die Funktion eines Treibmittels in diesem Prozess übernehmen, … wie der Sauerteig bei einem schmackhaften, luftigen und länger haltbaren Brot.

Zum Weiterlesen

  • Gerhard Gstöttner-Hofer, Kampagnen als Erweiterung des gewerkschaftlichen Strategierepertoires in Österreich, Ursachen- Erfahrungen – Erkenntnisse, Wien 2005
  • Richard Ondraschek, Was sind Gewerkschaften? (VÖGB-Skripten – GK 1)
  • Susanne Pernicka, Die österreichische Sozialpartnerschaft als institutionalisierte Konfliktarena zwischen Einfluss- und Mitgliederlogik, (AW-Blog, 13.12.2017)

Genannte (und auch andere) Bücher können HIER im Webshop des ÖGB-Verlags versandkostenfrei bestellt werden.

Autor: Gerhard Gstöttner-Hofer

Englische Übersetzung findest du hier!

Lust auf mehr Theorie? Zu allen Beiträgen der Serie kommst du HIER!

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