#thedi_15: Bildung und Populismus

Foto: Wien, S.V.

Sind Bildung und Lernen die Lösungen für alle gesellschaftlichen Probleme? Lösungen für die Probleme unserer modernen Gesellschaften, in denen über Macht und Ungleichheit geschwiegen wird?

Gesellschaften, in denen von Umverteilung nur wenig gesprochen wird, sondern viel lieber über fehlende Leistung, fehlende Bildung oder die Bedrohung durch Migration. Zeiten in denen PolitikerInnen meinen, den Menschen ginge es ohnehin zu gut, der Standort müsse wettbewerbsfähiger werden und die Massen wären zu ungebildet für die Demokratie und dies wären die Ursachen eines emotionalen, fremdenfeindlichen „Willens“ der Massen und des Populismus, über den soviel gesprochen wird. Diesen Populismus charakterisieren folgende Merkmale:

  • Die Setzung eines „Wir, das Volk“ gegen die Anderen, nicht dazu gehörigen
  • Nicht diesem „Wir“Zugehörige werden ausgegrenzt und erfüllen die Funktion der Sündenböcke
  • „Das Volk will“: Es geht im Populismus nicht um die Interessen großer Volksmassen. Die populistische Bewegung oder deren (charismatischer) Führer erkennt und formuliert die „eigentlichen“ Interessen des Volkes durchaus auch gegen die tatsächlichen Interessen
  • Medienkonzentration verstärkt diese Tendenzen
  • Komplexität wird im populistischen Diskurs reduziert und es werden intuitiv plausibel erscheinende Schlüsse gezogen
  • Le Pen, Trump und andere europäische PopulistInnen vertreten oder betreiben eine Politik der Umverteilung von unten nach oben, die sozio-ökonomisch objektiv nicht diejenigen begünstigt, für die sie scheinbar Partei ergreifen

Die Kehrseite des Populismus

Die Reaktion der gesellschaftlichen Mitte oder der Eliten auf ein Wahlverhalten zugunsten rechter, populistischer Parteien entbehrt nicht einer gewissen Undifferenziertheit. In einem Atemzug werden da GegnerInnen der neoliberalen Architektur Europas ebenso als „Populisten“ bezeichnet wie beispielsweise die AfD oder Fidez.  Gleichzeitig wird eine Wut der Eliten auf die Massen, die offensichtlich falsch wählen, spürbar. Dummheit, Faulheit oder eine labile Psyche seien die Ursachen dafür, dass die Menschen nicht die Parteien wählen, die für Europa, den gemäßigten Kapitalismus der DemokratInnen oder der französischen SozialistInnen stehen. Gleichzeitig seien Faulheit und Dummheit auch der Grund für Armut oder dafür, nicht Teil der Elite zu sein.

Perry Anderson (vgl. Literaturtipps) verweist in einem Beitrag in der Le Monde Diplomatique auf andere Erklärungsmuster für Populismus: den seit den 1970ern andauernden Sozialabbau und die wachsende Ungerechtigkeit. Er verweist auf die realen Lohnverluste vieler Menschen und auf die Tatsache, dass es auch in Europa zunehmend Menschen gibt, die im eigentlichen Sinne nur mehr wenig zu verlieren zu haben glauben, und insoferne bereit sind, radikale Alternativen zu wählen, die derzeit in Europa nur die rechten und neofaschistischen und populistischen Parteien anbieten würden.

Ist das nicht eine direkte Aufforderung an die gewerkschaftliche, solidarische Erwachsenenbildung? Ein Plädoyer.

Ausgehend von den gesammelten Charakteristika zu Populismus ergeben sich eine Reihe von Aufgaben für die Erwachsenenbildung, die teils mit grundlegenden Selbstdefinitionen der Erwachsenenbildung und der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit übereinstimmen. Erwachsenenbildung bildet die Kompetenz, sich eine eigene Meinung zu bilden, Verkürzungen und Schnellschlüssen zu misstrauen und auch Ungerechtigkeit zu erkennen und zu benennen. Es ist die  Infragestellung von Gewohntem, die Infragestellung der Brauchbarkeit von Wissen und Bildung, ihrer Angemessenheit, zugunsten von Reflexions- und Lösungsermächtigung, die gefordert ist gegen Populismus. Und sie vermittelt die Idee und Praxis der Gemeinsamkeit, des Miteinander.

Zum Weiterlesen

  • Perry Anderson: Das System Europa und seine Gegner. In: Le Monde Diplomatique 03/2017, S. 1-3, hier online abrufbar
  • Walter Ötsch, Nina Horaczek: Populismus für Anfänger. Anleitung zur Volksverführung, Frankfurt 2017
  • Stefan Vater: Populismus und Erwachsenenbildung, hier online abrufbar

Genannte (und auch andere) Bücher können HIER im Webshop des ÖGB-Verlags versandkostenfrei bestellt werden.

Autor: Stefan Vater

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