#thedi_03 – Wissen ist Macht?

Macht ist Wissen?

Wien, Bild S.V.

Wer nichts weiß, ist ohnmächtig. Wissen ist eine Voraussetzung für Handlungsfähigkeit und Mitbestimmung. Aber welches Wissen? Macht jedes Wissen handlungsfähig und haben alle Zugang zu Wissen, das dazu ermächtigt, das eigene Leben zu gestalten? Und zwar so zu gestalten, dass auch andere Freiraum finden, ihres zu gestalten?

Wilhelm Liebknecht, einer der Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie, hat Fragen wie diese 1872 in einer Rede mit dem Titel „Wissen ist macht – Macht ist Wissen“ durchgedacht (vgl. Literaturtipps). Seine Rede endet folgendermaßen:

„’Durch Bildung zur Freiheit‘, das ist die falsche Losung, die Losung der falschen Freunde. Wir antworten: Durch Freiheit zur Bildung! Nur im freien (…) Staat kann das Volk Bildung erlangen. Nur wenn das Volk sich politische Macht erkämpft, öffnen sich ihm die Pforten des Wissens. Für die Feinde ist das Wissen Macht, für uns ist die Macht Wissen! Ohne Macht kein Wissen!“

Wissen als Teil der Macht. Wer hat Zugang zu welcher Bildung?

Auch wenn Wissen wichtig ist um mitzubestimmen und gehört zu werden: Schulen wurden nicht zur Befreiung der Gedanken und der Menschen eingeführt, sondern zur Anpassung von Untertanen und zur Formung von manufakturtauglichen Menschen. Sitzen lernen, Rechnen lernen, Schreiben lernen, Zeitvorgaben in der Gruppe einhalten, Turnunterricht, Disziplin und Konkurrenz sowie Fremdbestimmung auch in den vermittelten Inhalten und selbst die Schreibhaltung formen immer noch die Körper und das Bewusstsein der Lernenden.

So werden Menschen nach den Anforderungen einer kapitalistischen, patriarchalen und durch alle möglichen Herrschafts- und Machtformen gekennzeichneten Gesellschaft gebildet. Eine Gesellschaft, die bestimmt ist von Marktprinzipien, Konkurrenz und Warenförmigkeit. Es geht im Bildungssystem viel weniger um Emanzipation als darum, „Menschen als Arbeitskraft zu konstituieren“ und darum die Ordnung der Ungleichheit als natürlich, gerecht und unveränderbar erscheinen zu lassen.

In einer Welt, die grundlegend unveränderbar scheint und sehr unterschiedliche Lebensperspektiven bietet, kann Bildung kaum eine emanzipatorische Funktion erfüllen. In einer Welt, wo der hochbegabte Juristensohn selbstverständlich Karriere machen kann und die Tochter eines Arbeiters aus der Peripherie sich deutlich schwerer tut. Dort wo viele „wissen“, dass die Armen arm sind, weil sie weniger leisten, oder weniger begabt sind, und dies auch nicht zu selten offen kundgetan wird.

Schulisches Wissen versus kritisches Wissen

„Von ganz unten bis ganz nach oben funktioniert das Schulsystem, als bestände seine Funktion nicht darin auszubilden, sondern zu eliminieren. Besser: in dem Maße, wie es eliminiert, gelingt es ihm, die VerliererInnen davon zu überzeugen, daß sie selbst für ihre Eliminierung verantwortlich sind.“
Pierre Bourdieu (Klappentext)

Wissen bildet die Welt nicht nur ab, Wissen ist vielmehr oft Teil von gesellschaftlichen Ordnungen, Macht und Herrschaft. Herrschaftswissen formt die Welt, erklärt die Welt, rechtfertigt das Bestehende, zieht Handlungen nach sich oder unterbindet Handlungen und ist nicht beliebig und unabhängig vom sozialen Status gleich nutzbar und effektiv. Wissen trägt Spuren von Geschichte, von ökonomischer Verteilung und Dominanz. Es ist immer umkämpft und mit Wissenskulturen verknüpft und niemals neutral. Es gibt gute Gründe, gegen spezifisches Wissen aufzutreten oder es abzulehnen.

Kritisches Wissen ist nicht nur das Wissen um das Wie, sondern die Frage nach dem Warum. Warum so und nicht anders? Wissen ist ein Faktor des Politischen und muss im Raum der Auseinandersetzung über eine gestaltbare Welt diskutiert werden. Es ergibt sich nicht aus der Natur, die oft eine als Natur dargestellte Herrschafts- oder Geschlechterordnung ist.

Zum Weiterlesen

  • Wilhelm Liebknecht, Wissen ist Macht – Macht ist Wissen. Vortrag, gehalten zum Stiftungsfest des Dresdener Arbeiterbildungsvereins am 5. Februar 1872 und zum Stiftungsfest des Leipziger Arbeiterbildungsvereins am 24. Februar 1872, HIER online abrufbar
  • Walter Köpping „Wissen ist Macht — Macht ist Wissen“— Erinnerung an eine große Rede; in Gewerkschaftliche Monatshefte 10/1972, HIER zum Download abrufbar (PDF,  29 KB)
  • Pierre Bourdieu, Wie die Kultur zum Bauern kommt. Über Bildung, Klassen und Erziehung. Schriften zu Politik & Kultur 4, Hamburg 2001.
    Das Buch kann HIER im Webshop des ÖGB-Verlags versandkostenfrei bestellt werden.

Autor: Stefan Vater

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