#thedi: Frauen zum Mittelpunkt der Geschichten machen – Ursula Le Guin

Bild: SV

„Um zu hören, muss man schweigen.“ (Le Guin 1968, p. 28)

Die geschlechtsspezifische Ordnung unseres Alltags und eben auch der Bildung führt dazu, dass Frauen als Teilnehmende vielfach eingeschränkt werden: Als Gewerkschafterinnen, Arbeitende, Lehrende, Innovatorinnen und Intellektuelle im Bildungsbereich blieben und bleiben sie oft gänzlich unsichtbar oder werden vergessen. Dabei prägen und prägten Frauen die Erwachsenenbildung und auch die gewerkschaftliche Arbeit entscheidend. 

Feministische Bildungsarbeit betont, es gehe darum, Frauen sichtbar zu machen, ihnen Raum und Platz zu schaffen: Raum in Kursen, in der täglichen Arbeit, aber auch in unserer Erinnerung, in unseren Fantasien und Utopien. Feministische Bildungsarbeit bedeutet aber auch, Frauen nicht auf Klischees der Weiblichkeit zu reduzieren und die Unterschiede zwischen Frauen zu erkennen. Das ist nicht ganz einfach, zumal ja auch unsere Anschauungen und Praxen durchzogen sind von patriarchalen Machtstrukturen, und nicht nur von diesen. Ja unsere eigenen Anschauungen und Praxen, auch wenn wir versuchen, allen gleich viel Platz, Raum und Respekt entgegenzubringen – im Training, im Kurs, in der Betriebsratsarbeit oder in der Betriebsversammlung.

Wie können wir Frauen zum Mittelpunkt unserer Geschichten machen und sie nicht nur in männliche Räume und Rollen setzen? Was ermächtigt unsere Vorstellungskraft, unsere Handlungsfähigkeit und unsere Utopien, über die Grenzen des Gegebenen hinauszudenken und sie handelnd zu überschreiten? Mit Gayatri Spivak, der berühmten US-indischen Literaturwissenschafterin, kann es Literatur sein, die uns in die Lage versetzt, Anderes zu denken. Literatur, die versucht, über das Vorstellbare hinauszudenken. 

Über das Bestehende hinausdenken? Science-Fiction Literatur und Bildung?

Meine Phantasie macht mich menschlich und macht mich zur Närr*in; sie gibt mir die ganze Welt und vertreibt mich aus ihr.“ (Le Guin 1996, p.65)

Es mag sein, dass die Bücher von Ursula Le Guin, Bücher an denen ich dies verdeutlichen möchte,  Bücher wie Erdsee oder Planet der Habenichtse, nicht wirklich bekannt sind. Ich kann den Leser*innen nur raten, dies möglichst rasch zu ändern, denn sie zählen wohl zu den besten Fantasy- oder Science-Fiction Werken aller Zeiten. 

Ursula K. Le Guins literarische Projekte waren beeindruckend und kühn. Sie erfand Archipele der Fantasie mit Hunderten von Inseln, die mit Zauberern und Drachen bevölkert sind, Welten mit blühenden und verfeindeten Kulturen. Dabei sei ihr leider – so  Le Guin, das habe sie erst spät bemerkt – etwas Wichtiges entgangen: Ihr Schreiben habe Männerphantasien reproduziert. In Erdsee und ihren anderen Geschichten sind nur Männer die eingeweihten Magier, Frauen taugen allenfalls als Hexen für Liebes- oder Eifersuchtszauber und finden sich in der Regel hinter dem Herd (Zähringer 2019).

Das war der Ausgangspunkt ihrer Suche nach einer Form der Geschichte – mit denen sie auch Erdsee beendete – die eben nicht nur Dubletten von männlichen Helden in weiblichen Körpern oder weibliche Charaktere in männlichen Räumen ermöglichte. Die Geschichten von Le Guin sind gleichzeitig maßgeblich von der Philosophie des Daoismus beeinflusst. Das Gleichgewicht der Dinge und das Prinzip des Nicht-Handelns spielen in den Romanen eine wesentliche Rolle. Im Grunde ein Gegenmodell zur patriarchalen Idee des tatkräftigen, Schwert schwingenden und Speer werfenden Helden, wie sie in allen möglichen Fantasy und SciFi-Geschichten auftreten – ich denke an den Herren der Ringe bis Harry Potter.

In einem anderen Buch, Planeten der Habenichts (im Original „The Dispossesed“, in der deutschen Neuauflage unter dem Titel „Freie Geister“ erhältlich), beschreibt Le Guin eine zwiegespaltene Welt, in dem eine kapitalistische, konkurrenzorientierte Welt einer anarchistischen, gleichberechtigten gegenübersteht. Schauplatz des Buches sind die Doppelplaneten Urras und Anarres. Urras ist die Ursprungswelt der menschenähnlichen Bewohner, von der aus nach einer gescheiterten anarchistischen Revolution die Aufständischen ins Exil nach Anarres aussiedelten. Der Roman spielt 200 Jahre nach diesen Ereignissen. Urras hat sich zu einer hochtechnisierten Welt mit einer Reihe konkurrierender autoritärer Systeme entwickelt, neben kapitalistischen Staaten gibt es auch sozialistische Staaten und eine Militärdiktatur. Die Anarchist*innen trotzen dem unwirtlichen Nachbarplaneten Anarres ihre Existenz ab und versuchen, ihren Idealen (und denen ihrer Gründerin), auch Idealen einer Nicht-Beachtung der geschlechtlichen Identität, treu zu bleiben. Gleichzeitig kritisiert das Buch die Indoktrination einer kapitalistischen Bildung zu Konkurrenz, Gegeneinander und Gier (Zähringer 2019).

Daneben publizierte Ursula Le Guin Gedichtbände und Erzählsammlungen und übersetzte das Tao-Te-King des Laotse. Weiters stellte sie der Idee, Kriege, Speere und Waffen hätten die Geschichte der Menschheit geprägt, ihre kurze Tragbeutel-Theorie entgegen. Es war der Beutel, nicht der Speer, der den Fortschritt und die Entwicklung der Menschheit beförderte. Der Beutel, um Gefundenes, Gesammeltes, Geteiltes einzupacken, mitzunehmen und zu teilen (Le Guin 2020).

Wie lässt sich Undenkbares denken? 

Ursula Le Guin
Photo by Marian Wood Kolisch

Wie lässt sich eine Welt denken, in der Frauen als Frauen gleiche Rechte haben? Und wie lässt sich eine Welt erschaffen, in der Menschen unabhängig von ihrer Geschlechtlichkeit gesehen werden? Als Le Guin begann, Fantasy- oder Science Texte zu schreiben, brauchte es mehr Phantasie, als ihr zu Gebote stand, um eine junge weibliche Figur zu schaffen, die mit großer Macht ausgestattet war und sie ohne weiteres als ihr gutes Recht empfand. Zumal diese Rollen normalerweise Männern vorbehalten waren. „Das schien mir damals nicht plausibel. Da ich aber über die Menschen schrieb, die in den meisten Gesellschaften nicht viel Macht bekommen – Frauen –, erschien es mir vollkommen plausibel, die Heldin in eine Lage zu versetzen, die sie dazu veranlasste, das Wesen und den Wert von Macht an sich zu hinterfragen. Das Wort »Macht« hat zweierlei Bedeutungen. Als »Macht zu« steht sie für: Stärke, Talent, Geschicklichkeit, Kunst, besonderes handwerkliches Können, Autorität durch Wissen. Als »Macht über« für: Herrschaft, Vorherrschaft, Gewalt, Sklavenhaltung, das Bestimmen über andere.“ (Le Guin 2018, S.2)

„In einer solchen Welt konnte ich ein Mädchen zum Mittelpunkt meiner Geschichte machen, aber ich konnte es nicht mit der Freiheit oder den Chancen ausstatten, die ein Mann hätte. Sie konnte kein Held im Sinne einer Heldengeschichte werden. Nicht einmal in einem Fantasyroman? Nein. Denn für mich ist Fantasy kein Wunschdenken, sondern eine Form des Nachdenkens, eine Art, die Wirklichkeit zu reflektieren. Schließlich ist die Wirklichkeit, in der wir leben – selbst in einer Demokratie, selbst im zweiten Jahrzehnt des einundzwanzigsten Jahrhunderts und nach vierzig Jahren feministischer Bemühungen – noch immer ein top-down Machtgefüge, das von Männern begründet und weiterhin von Männern beherrscht wird. 1969 erschien mir diese Wirklichkeit als nahezu unumstößlich.“ (Le Guin 2018, S.3)

Literatur und fantastisches Denken setzt Welten zusammen und reflektiert diese. Das kann helfen, Bildungsräume zu offenen Räumen zu machen, nicht, indem die Literatur uns Methoden gibt oder praktische Tipps. Literatur hilft beim Abschalten, beim das Denken öffnen und reflektieren.

Lesetipps

  • Ursula K. Le Guin (1968): Earthsea Books. A Wizard of Earthsea, Berkely: Parnassus Press.
  • Ursula K. Le Guin (1996): The Creatures on My Mind. In: Unlocking the Air and Other Stories, New York: Harper Perennial, p. 61 – 66.
  • Ursula K. Le Guin (2018): Wesen und Wert von Macht. Ursula K. Le Guin über Tenar, ihre erste weibliche Hauptfigur. Tor. Online. 15.10.2018. HIER online abrufbar (19.04.2022)
  • Ursula K. Le Guin (2020): Am Anfang war der Beutel. (The Carrier Bag Theory of Fiction), Klein Jasedow: thinkOya.
  • Martin Zähringer (2019): Ursula K. Le Guin – eine Schriftstellerin zeigt was Fantasy kann. In: Neue Zürcher Zeitung von 16.06.2019. HIER online abrufbar (19.04.2022)

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Autor: Stefan Vater

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