#mm: Was es sonst noch so im Bereich Großformate gibt & Resümee


Abschluss Mini-Serie: Frameworks & Großformate
In den ersten drei Teilen dieser Mini-Serie ging es um die Grundlagen von Großformaten, um das Barcamp und um die Projektschmiede. Zum Abschluss wollen wir uns noch zwei Formaten zuwenden, die den Rahmen für die Beschäftigung mit Visionen für die Zukunft bieten, die zwei Klassiker Weltcafé und Open Space kurz streifen und am Ende nochmal resümieren: Was können Großformate eigentlich?

Zukunftskonferenz & Zukunftswerkstatt

Um sich, mehr oder weniger visionär und utopisch, einer Zukunft zu nähern, gibt es einige sehr etablierte Großformate. Gemeinsam haben sie unterschiedliche Phasen, eine davon ist immer die „Eine andere Zukunft“-imaginierende Phase.
Die Zukunftswerkstatt wurde in den 1960ern entwickelt als Gegenentwurf zu Planungen „über die Köpfe der Betroffenen hinweg“. Sie besteht aus 3–4 Phasen (Kritikphase, Fantasie-/Utopiephase, Realisierungsphase und idealerweise noch einer Umsetzungsphase, bei der konkret die nächsten Schritte anvisiert werden) und wurde hier auf dem Blog schon ausführlich beschrieben.

Die Zukunftskonferenz arbeitet mit einem ähnlichen Grundgedanken, legt aber den Fokus stärker auf das gemeinsame Erforschen und die Vielfalt an Interessen & Perspektiven. Alle im Raum – oft 60–80 Menschen aus möglichst vielen Perspektiven des betroffenen „Systems“ – blicken gemeinsam auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und finden daraus im Konsens gemeinsame Handlungsfelder und möglichst konkrete Schritte. Mit der Vielfalt an Perspektiven wird in den Phasen aktiv gearbeitet: Während für den Rückblick und die Zukunft möglichst unterschiedliche Perspektiven genutzt werden, werden für die Bearbeitung der Gegenwart ähnlichere Blickwinkel (z.B. Berufsgruppen, Abteilungen, etc.) genutzt, um möglichst präzise & tiefgehende Einschätzungen zu haben.
Zukunftskonferenzen werden häufig im Gemeinwesen eingesetzt – in Gemeinden, Städten und Regionen, wenn es darum geht, eine gemeinsame Vision und Entwicklungsziele „von unten“ zu erarbeiten; auch manche größeren Organisationen und Unternehmen setzen sie am Beginn von größeren Veränderungen ein. Die Konferenz steht oft am Anfang einer Neuorientierung – z.B. bei der Erarbeitung eines Leitbilds oder Entwicklungskonzepts – und lebt davon, dass möglichst viele Perspektiven des Gemeinwesens im Raum sind: Bürger:innen in hoher Vielfalt – Alter, Herkunft, Geschlecht, etc., Vereine, Wirtschaft, Verwaltung, Politik.

Wichtig bei beiden Formaten…

  • Kritik ist ausdrücklich erwünscht – das ist vor allem auch wichtig, damit der Weg frei wird und die Energie da ist für die Utopien.
  • Phasentrennung ist das Um und Auf: Kritik, Fantasie und Verwirklichung sauber zu trennen, verhindert, dass jede Idee sofort von „Ja, aber…“ zerpflückt wird.
  • Und: Ohne Anschluss keine Wirkung – die Zukunft endet nicht mit dem Abschluss der Konferenz oder Werkstatt. Will heißen: Im Vorfeld klären, wie die Ergebnisse weitergetragen werden und wer für die Umsetzung Verantwortung übernimmt.
  • Utopien ernst nehmen: Die Phase, in der die Zukunft imaginiert wird, ist kein nettes Zwischenspiel, sondern das Herzstück – hier wird die Richtung gebaut, an der sich die Schritte danach orientieren. In der Beschreibung der Methode Zukunftswerkstatt macht Ulli Lipp diesen kritischen Punkt mit dem Bild der Schere im Kopf sehr deutlich, die häufig alle Ideen gleich einmal zurechtstutzt.

TIPPS für den Übergang zur Vision, Zukunft oder Utopie
Egal, welches Großformat ihr wählt, welchen konkreten Ablauf, ob 3 oder 4 Phasen, & welche konkreten Fragen ihr stellt – das Um und Auf ist, die Teilnehmer:innen in diese träumende, phantasierende Stimmung zu bekommen, in der Ideen und Bilder co-kreiiert werden. Dementsprechend gut vorbereitet sollte dieser Übergang sein. Hier ein paar Ideen, die ihr je nach Thema und Zielgruppe nutzen könnt (für manche darf es vielleicht nicht zu verspielt sein…):
• Arbeit mit Materialien wie Lego, Bausteinen, etc.
• Arbeit mit Bildern: Bildkarten, Bilder zeichnen lassen, Collagen aus Zeitungen kleben
• Einstimmen mit: „Stell dir vor, es ist 2050, alles ist umgesetzt und du schreibst eine Postkarte/E-Mail an XX…“

Und jetzt noch: Die Klassiker „Weltcafé“ & „Open Space“

Das Weltcafé – im REFAK-Blog gibt es dazu schon einen eigenen Eintrag – ist wie auch die in Teil 3 beschriebene Projektschmiede eine der zentralen Methoden aus dem Repertoire des Art of Hosting. Auch Open Space wird häufig in diesem Kontext genutzt und weitergegeben – gemeinsam teilen beide Formate die Art-of-Hosting-Grundhaltung: echte Gastgeber:innenschaft, also die Einladung zu einem Dialog auf Augenhöhe und das Vertrauen, dass die Weisheit in der Gruppe selbst steckt.

Open Space

Diejenigen, die den Artikel zum Barcamp gelesen haben oder die sogar dabei waren, haben sich vielleicht gefragt: Ist das nicht Open Space? Was ist eigentlich der Unterschied?

Viele Elemente des Barcamps kommen aus der Open-Space-Tradition: Die Teilnehmenden bringen zu Beginn ihre Themen, Fragen und Projekte selbst ein, alle bewegen sich dorthin, wo sie lernen und beitragen können („Gesetz der zwei Füße“), und Ergebnisse werden am Ende allen zur Verfügung gestellt. Der Kernunterschied liegt im Setting und Zweck: Barcamps sind meist öffentlich, länger und haben ein breiteres Überthema, während Open Space oft nur als eine Phase in einer längeren Veranstaltung stattfindet, teilweise organisationsintern. Open Space eignet sich, wenn eine Fragestellung ansteht, die die Teilnehmenden wirklich betrifft, und die Veranstalter:innen bereit sind, die Antwort offen zu lassen.

Resümee

Das können Großformate…

  • Vielfalt: Großformate holen das Wissen, die Erfahrungen und Perspektiven vieler Menschen in den Raum, statt Expert:innenwissen frontal zu „konsumieren“.
  • Co-Creation ermöglichen: Neues entsteht im Miteinander, wenn Menschen mit unterschiedlichen Blickwinkeln gemeinsam forschen, entdecken, entwickeln, in Kontakt kommen.
  • Demokratisierung erlebbar machen & Verbindungen stiften: Kontakte und manchmal sogar neue Netzwerke entstehen dort, wo Menschen miteinander statt übereinander reden, mitgestalten und Selbstorganisation erfahren.

Das zeichnet Großformate im Wesentlichen aus…

  • Ziele Ziele Ziele: Was soll am Ende konkret stehen? Und: von hinten her denken – welche Ergebnisse (inhaltlich), welches Gefühl (sozial), welche Veränderung (Prozessebene)?
  • Klarer Rahmen, viel Freiheit: Die Balance ist das Um und Auf – genug Struktur für Orientierung, genug Offenheit für Gestaltung und Co-Kreation.
  • Rollenklarheit: Vorbereitungsteam/Gastgeber:innen, Moderator:innen, Themen-/Projektbringer:innen, Teilgebende, Verantwortliche für die Umsetzung – nur wer weiß, was seine Rolle ist, kann Verantwortung fürs Gelingen übernehmen.
  • Einladungspolitik: Wer im Raum ist, ist mindestens so wichtig wie das Programm.
  • Achtung vor Scheinbeteiligung: Beteiligung ja – aber nicht um jeden Preis: Immer klären, was genau gemeinsam erarbeitet werden soll, wie die Ergebnisse gut gesichert werden und was mit den Ergebnissen passiert.

Und jetzt: Ausprobieren!

Am Ende dieser Mini-Serie bleibt uns vor allem ein Wunsch: Nicht wundern, nicht den Kopf schütteln über die „fancy Namen“ – sondern einfach ausprobieren! Als Teilgebende bei einem Barcamp reinschnuppern (z.B. hier beim nächsten REFAK Barcamp 2027), ein Weltcafé im eigenen Seminar ausprobieren, eine Projektidee in eine Projektschmiede bringen, eine Projektschmiede für andere organisieren oder mit einer Gruppe die Zukunft phantasieren – jede Erfahrung macht die Formate greifbarer und zeigt: Dahinter steckt keine Hexerei, sondern ein gut gebauter Rahmen, der viel ermöglicht.

Autorin: Nicola Sekler

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