#grumo_22: Wie beende ich einen Gruppenprozess?

„Ah, ja, ja, mh,…ich kenne das Gefühl, ja. Ja……Ich kann es auch nicht so gut beschreiben…. mh, mh, ja….. Na ja so als ob ich „ausgespuckt“ worden wäre….Was? Nein, nicht angespuckt!.…hm, hm, ja, orientierungslos passt auch irgendwie,….. ein Gefühl wie, ja, mhmh, ja, einsam und verlassen…“ spricht Paul ins Telefon und bemerkt nicht, dass währenddessen Beate, Maria und Rudi den virtuellen Raum betreten und alles gehört haben. Pauls Mikro und Kamera sind aufgedreht, seine Aufmerksamkeit gehört allerdings der Person am anderen Ende der Telefonleitung. Marias Versuche, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken sind sogleich erfolgreich, Paul stellt sich selbst stumm und schreibt in den Chat, dass er in zwei Minuten bereit ist. Einstweilen stimmen sich unsere Expert*innen auf das heutige Treffen ein. Es wird heute um das Beenden von Gruppenprozessen gehen. „Und das ziemlich genau ein Jahr nach unserem ersten Treffen“ meint Yasemine, die mittlerweile auch dazu gestoßen ist.

Rituale

Zur Feier des Tages wird angestoßen – mit Bier (2x), Wein (2x) und heißer Schokolade (1x). „Rituale sind wichtig!“ meint Rudi und die Kolleg*innen erheben ihre Gläser und prosten in die Kameras. Rudi – nun mit Schokobärtchen – ergänzt: „Nicht nur für besondere Anlässe oder Veränderungen oder so, auch wenn Gruppen auseinandergehen finde ich es toll, wenn dieser Prozess von einem Ritual begleitet wird.“ Eigentlich haben alle einschlägige Erfahrungen und es wird von zerknüllten Zetteln mit anschließender Verbrennung, vom Brief an sich selbst, vom gemeinsam gebastelten Torbogen, der einzeln durchschritten wurde und natürlich auch von Klassikern wie dem gordischen Knoten berichtet.

„Mir ist sowas ja eher peinlich“ gesteht Maria und fügt hinzu, dass es dann aber meistens stimmig ist und sie eben eine gute Einstimmung und einen sicheren Rahmen braucht, um sich auf Rituale im Gruppenprozess gut einlassen zu können. „Und da ist es auch egal, ob es um Abschied oder etwas anderes geht, ich brauche eine gute Begleitung dafür und es darf nicht zu aufgesetzt sein. Nach einem eintägigen Workshop zum Beispiel fände ich ein Ritual völlig überzogen. Aber nach einem gemeinsamen, intensiven Jahr – unbedingt!“ führt Maria weiter aus.

Raum für Reflexion

„Ich weiß nicht, ob ihr das mitbekommen habt, aber vor unserem Treffen habe ich noch mit einer lieben Kollegin telefoniert. Der geht es grad nicht so gut und ich denke, der Grund dafür ist, dass ein intensiver Prozess nicht gut zu Ende gebracht wurde…“ meint Paul. Er erzählt, dass die Kollegin vor Kurzem eine dreimonatige Weiterbildung absolviert hat. Zwei Abende die Woche und an mehreren Wochenenden hat die Lehrgangsgruppe gemeinsam gelernt, neue Erkenntnisse gewonnen und sich auch gegenseitig unterstützt. Beim Abschlusswochenende dann gab es weder Raum für Rückmeldungen noch eine gemeinsame Reflexion der intensiven Zeit. Die Leiterin der Weiterbildung hat sich bei allen bedankt und die Gruppe für ihr Engagement und Interesse gelobt. Danach war noch Zeit zum Winken und für allgemeine Abschiedsworte und dann wurde der digitale Raum geschlossen.

„Meine Kollegin hat sich so schlecht gefühlt danach, sie tut mir richtig leid!“ meint Paul und fügt hinzu: „Es beschäftigt mich auch deswegen so, weil ich das Gefühl kenne. Mir ist es bei meinem ersten Co-Training so gegangen. Es ist wahnsinnig anstrengend gewesen. Der Trainer, dessen Co ich sein durfte, war, höflich ausgedrückt, nicht sehr engagiert. Nach drei Tagen war das Co-Training vorbei und ich habe mich tagelang wie im falschen Film gefühlt.“

Transfer & Abschluss

„Ich hab da einen richtigen Standard-Ablauf am Ende von einem Gruppenprozess, der ja auch innerhalb weniger Tage sehr intensiv entstehen kann. Es gibt immer eine Abschlussrunde und je nachdem, wie sehr die Leute in Kontakt gekommen sind miteinander – das kriegt man ja meistens gut mit – plane ich dafür mehr oder weniger Zeit ein. Meist rege ich an, „das zu sagen, was noch gesagt werden soll“. Wichtig ist mir, dass keine Diskussion entsteht und jede*r nur einmal drankommt.

Manchmal braucht es auch ein bissl mehr Struktur zur Unterstützung und ich fordere gezielt auf, etwas zur Gruppe zu sagen und zum Seminar. Manchmal lade ich auch zu Rückmeldungen an mich oder uns als Staff ein“ berichtet Yasemine aus ihrer Praxis. Zum Standard-Ablauf gehören für Yasemine auch die Reflexion des Erlebten auf individueller Ebene, oft unterstützt durch die Impulsfragen „Was nehme ich mit? Was nehme ich mir vor? Was lasse ich hinter mir?“ und je nach Zeit und Intensität auch der Austausch darüber mit anderen Teilnehmer*innen in einer Kleingruppe.

Feedback

Manchmal sei es auch sinnvoll, einen Raum für persönliches Feedback zu bieten meint Maria und beschreibt eine konkrete Methode so: „Ich stelle Feedback-Inseln im Seminarraum auf – das sind einfach zwei Sessel, die beieinander stehen. Dann lade ich dazu ein, sich gegenseitig Feedback zu geben und dieses kleine Setting unter vier Augen dazu zu nutzen. Manchmal dauert es ein wenig, bis sich jemand traut. Die Leute schleichen richtig um die Inseln herum. Es braucht halt genug Zeit, z.B. eine halbe Stunde für 15 bis 20 Leute, damit sich auch mehrere Runden ausgehen. Wenn jemand kein Feedback einholen möchte, bitte ich, trotzdem zur Verfügung zu stehen und sich nicht raus zu nehmen. Das funktioniert auch im Freien sehr gut, man muss nur vorher einen bestimmten Bereich definieren, sonst verlieren sich die Leute.“

Zukunftsperspektiven

Bei längeren Gruppenprozessen bietet es sich auch an, die Zukunft zu thematisieren. Hier ist wichtig, klar zu unterschieden zwischen dem Gruppenprozess, der mit dem formalen Ende der Zusammenarbeit in dieser Form beendet wird und einer möglichen weiteren Zusammenarbeit in unterschiedlichen Formen. Nicht immer gelingt es den Teilnehmer*innen sich im informellen Rahmen selbst zu organisieren, obwohl es ein Bedürfnis gibt, die Erwartungen darüber auszutauschen oder entsprechende Vereinbarungen zu treffen.

„Und wie tun wir weiter?“, fragt Rudi mit ein wenig Unsicherheit in der Stimme. Einen Moment lang scheinen alle erschrocken in die Kamera zu blicken, Beate findet als erstes wieder Worte: „Na, wir treffen uns weiterhin regelmäßig, oder? Vielleicht nicht mehr ganz so oft, aber sehr gerne weiterhin. Ich freue mich nicht nur auf jedes Wiedersehen mit euch, sondern ihr seid auch zu einer wichtigen Ressource für mich geworden und ohne euch hätte ich das letzte Jahr sicherlich nicht so gut bewältigt. Vielen Dank dafür!“ Erleichtert stimmen die anderen ein. Paul meint noch, dass er die Feedback-Inseln als Ritual gerne mit dieser Gruppe machen würde, sobald man sich wieder unbeschwert live treffen kann. Die anderen stimmen zu. Alle sind neugierig auf das Feedback von ihre Kolleg*innen. Für heute beschließen sie, das anfängliche Ritual des heutigen Treffens noch ein paar Mal zu wiederholen. Mit einer kurzen Pause zum Getränke holen, gehen sie in den informellen Teil und ins Plaudern über.

Autorinnen: Gerda Kolb und Irene Zavarsky

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