#grumo_17: Wo ist die informelle Kommunikation geblieben?

Über die Feiertage des vergangenen und neu begonnenen Jahres haben sich unsere fünf Expert*innen für die Arbeit mit und in Gruppen nicht zu einem ihrer regelmäßigen Treffen eingefunden – Weihnachtspause war angesagt. Dennoch dürfen wir teilhaben am Austausch zu einem aktuellen Thema, den Beate, Yasemine, Rudi, Maria und Paul über Email geführt haben. Wie bei vielen anderen Menschen auch haben die besonderen Bedingungen der letzten Monate zu Ermüdungserscheinungen und Frust geführt.

Maria fand es in den letzten Wochen besonders schwierig, auch weil ihr die sozialen Kontakte in der Arbeit total fehlen und sie diese grade in der Vorweihnachtszeit immer so genossen hatte.

Betreff: Kein Weihnachten im Büro 🙁
Von: Maria

Ich vermisse meine Kolleginnen und die kurzen Gespräche, die wir zwischendurch führen. Wir haben uns heuer auch gegenseitig keine Weihnachtskekse mitgebracht. Das macht mich wirklich ziemlich traurig. Wir sehen uns zwar regelmäßig bei Besprechungen über Videotelefonie und ein, zwei Kolleginnen treffe ich auch, wenn ich zwischendurch einen Tag im Büro bin, aber Maske und Abstand halten laden nicht unbedingt ein, sich länger als nötig zu unterhalten. Außerdem bin ich mir unsicher, was für das Gegenüber ok ist und was nicht. Mir war gar nicht bewusst, wie wichtig mir dieser Aspekt – irgendwie auch privater Kontakt mit den Kolleg*innen – bei meinem Job ist. Wie geht es euch damit?

Betreff: AW: Kein Weihnachten im Büro 🙁
Von: Beate

Ich weiß genau was du meinst! Der Weihnachtskram geht mir zwar nicht ab (sorry, no offense!), aber irgendwie ist der ganze Teamspirit weg! Diese Tür- und Angelgespräche, die mich sonst oft aufgehalten und zum Teil auch genervt haben, gehen mir jetzt echt ab. Ich bin auch drauf gekommen, dass sie nicht nur soziale Funktion haben, sondern auch viele Informationen so weiter gegeben werden. Ich hab‘ mir jetzt mal vorgenommen, als Neujahrsvorsatz sozusagen, öfter mal Kolleg*innen anzurufen und, neben beruflichen Fragen, auch ein wenig zu plaudern. Aber ich will ja auch niemandem auf die Nerven gehen… Help!

Betreff: AW: Kein Weihnachten im Büro 🙁
Von: Paul

Oh ja, ihr sprecht mir aus der Seele! :-)) Nur habe ich anscheinend viel kürzer durchgehalten als ihr. Ich hatte schon im Herbst überhaupt nicht mehr das Gefühl, Teil von einem Team zu sein. Wir haben uns regelmäßig zur Teamsitzung getroffen – meistens virtuell natürlich – und das war’s dann auch schon. Außerdem waren die virtuellen Teamsitzungen viel kürzer, als wenn wir das im Besprechungsraum machen. Selbst wenn wir im Büro sein konnten/durften, waren viel weniger Leute gleichzeitig da und Begegnungen wurden eher vermieden.

Das war dann in einer Teamsupervision im Oktober mal Thema. Ich hatte es gar nicht eingebracht, auch andere Kolleg*innen hatte diese Situation belastet. Zwei Dinge sind seitdem anders geworden: Wir machen jetzt wöchentlich Teamsitzung, statt alle zwei Wochen, und es dauert immer 90 Minuten, egal wie viele oder wenige Themen es gibt. Das funktioniert ganz gut und ich hab‘ den Eindruck, alle sind ein bissl entspannter.

Wir können jetzt auch besser mit dem Online-Format umgehen und unsere Teamleitung hat sich zum Thema Online-Moderation weitergebildet. Das merkt man total! Und wir haben schon seit zwei Monaten einen „digitalen Pausenraum“ (so nennt das unsere Supervisorin…). Das ist einfach ein Zoom-Link, der zwei Mal die Woche von 12 bis 13 Uhr aktiv ist und der zum gemeinsamen Pause machen genutzt werden kann. Wir machen da also gemeinsam Mittagspause, wer halt mag. Ich nutze diese Möglichkeit fast immer und mein Teamgefühl ist schon ein Stück weit zurückgekehrt.

Betreff: AW: Kein Weihnachten im Büro 🙁
Von: Yasemine

Das ist der Vorteil, wenn man eine EPU ist: Es gibt sowieso kein Team(gefühl), mit oder ohne Pandemie. Das klingt jetzt sehr zynisch, ich weiß. Aber es ist in den letzten Monaten tatsächlich von Vorteil gewesen, dass ich mich seit meiner Selbstständigkeit aktiv um Austausch, auch informellen, kümmern muss. Das ist ja auch ein Grund, warum ich unsere Runde mit initiiert habe. Ich treffe keine Kolleg*innen automatisch, wenn mein Arbeitstag beginnt. Wie ihr wisst, arbeite ich als Fachtrainerin meistens alleine und treffe also hauptsächlich Teilnehmer*innen und Auftraggeber*innen. Und wenn ich zu zweit trainiere, dann sehe ich den/die Kolleg*in auch nur zur Vorbereitung und Durchführung der Trainings. Da ergeben sich natürlich zum Teil auch andere Gesprächsthemen, aber wenn dafür nicht dezidiert Zeit eingeplant wurde, ist auch das schwer möglich.

Deswegen habe ich mich auch schon vor Corona regelmäßig zum Mittagessen oder auf einen Kaffee getroffen. Aber nicht nur mit Freund*innen, sondern auch mit Kolleg*innen aus dem Feld. Diese Begegnungen haben dann sowohl privaten als auch beruflichen Charakter, was ich total schätze und wichtig finde. Seit Corona versuche ich das insofern fortzusetzen, als dass ich Kolleg*innen weiterhin treffe – entweder virtuell oder zum Spazieren gehen. Beides funktioniert ganz gut, obwohl ich mich natürlich schon sehr darauf freue, mich auch wieder in einem Café treffen zu können!

Ich habe in den letzten Monaten auch wieder verstärkt Intervisionsgruppen genutzt, auch um mit der erhöhten Belastung durch diese blöde Pandemie (!!!) umzugehen. Super dabei: Ich bin jetzt auch in einer überregionalen Gruppe, mit Kolleg*innen aus unterschiedlichen Bundesländern. Physische Treffen für zwei, drei Stunden wären da viel zu aufwendig und ich bin dankbar über diesen „Corona-Effekt“. :-))

Betreff: AW: Kein Weihnachten im Büro 🙁
Von: Rudi

Ihr Lieben, ich habe insgeheim schon auf dieses Thema gewartet, muss ich zugeben. Mit geht’s ja ähnlich wie dir, Yasemine, und ich hab‘ einen guten Umgang mit der Situation gefunden. Aber als Supervisor bin ich seit Monaten ganz stark mit dem Thema beschäftigt. Meine Supervisand*innen, sowohl im Einzelsetting als auch in der Teamsupervision und auch in der Arbeit mit Führungskräften, nehmen dieses Wegfallen der informellen Kommunikation ganz stark wahr. Und für viele ist es überraschend, welch‘ ein wichtiger Aspekt für das Funktionieren von Zusammenarbeit diese Begegnungen sind.

Bei einigen Organisationen konnte ich, vor allem im Frühling, beobachten, dass Orte und Möglichkeiten von Kommunikation und Austausch nicht nur auf Grund der Umstände weggefallen sind, sondern auch aktiv „weggenommen“ wurden. Es wurden zum Beispiele Teambesprechungen abgesagt oder Teamsupervisionen ausgesetzt, über Monate! Die Idee dahinter war, dass in einer Art „Notfallmodus“ nur das ganz Wichtige passieren soll – in vielen Organisationen, die ich als Supervisor und Coach begleite, ist das eben die Arbeit mit den Klient*innen. Die sollten und durften nicht „alleine gelassen“ werden.

Dass aber Abstimmung, Koordination und Austausch unter den Mitarbeiter*innen genauso wichtig und sogar Voraussetzung ist, das zu erkennen, hat einige Zeit gedauert und bei manchen Organisationen ist das immer noch nicht passiert. Ich würde sogar behaupten, dass die Aufrechterhaltung von Kommunikationsräumen, formell und informell, in Krisensituationen noch wichtiger ist als sonst.

Ihr habt ja eh schon einige Möglichkeiten genannt, die ich hier gerne nochmal zusammenfassen und auch ein wenig ergänzen möchte:

  • Einander anrufen, statt berufliche Fragen über Email zu klären – so ergeben sich eher auch Plaudereinen.
  • Digitale Räume/Videotelefonie auch für gemeinsame Pausen nutzen – am besten initiiert von der Leitung, damit alle wissen, dass das in Ordnung bzw. sogar gewünscht ist.
  • Regelmäßige Intervision für den kollegialen Austausch – geht auch virtuell wunderbar und sogar überregional.
  • Gemeinsam spazieren gehen statt virtueller Besprechung – funktioniert super, wenn max. zu dritt. Man kann aber auch alleine spazieren gehen und via Smartphone in Verbindung sein. Dabei empfiehlt es sich, die Kamera auszuschalten (ein wackeliges Bild kann Übelkeit auslösen) und ein Headset zu nutzen. So können auch mehrere Leute einzeln-gemeinsam spazieren gehen und sich dabei austauschen.
  • Was ich auch gerne empfehle, ist ein gemeinsamer Start in den Arbeitstag – wo das Team oder auch nur diejenigen, die sich sonst ein Büro teilen, sich zu Beginn des Arbeitstages für eine halbe Stunden treffen und plaudern oder einander updaten, was ansteht für den Tag. Hier sind viele Varianten möglich, z.B. auch als Abschluss des Arbeitstages oder als Jour Fixe mittendrin. Regelmäßigkeit ist hier wichtig und immer wieder mal gemeinsam schauen, ob das Format so passt.
  • Und noch eines, weil ich das gerade erlebt habe: Auch (Weihnachts-)Feiern sind möglich! Feierlichkeiten, die üblicherweise am Arbeitsplatz begangen werden, müssen nicht ausfallen. Es zahlt sich aus, auch Alternativen zu überlegen – wie es beispielsweise ein Team, das ich begleite, gemacht hat. Die Leitung hat allen Mitarbeiter*innen ein kleines Paket zur Abholung bereit gestellt, wo Zutaten für Punsch, eine Kerze und ein paar Kekse drinnen waren, sowie die Aufforderung, mit jeweils zwei anderen Kolleg*innen etwas für die Online-Weihnachtsfeier vorzubereiten. Das hat anscheinend super geklappt, es wurden Lieder gesungen, Instrumente gespielt und ein Gedicht szenisch dargestellt. Tränen vor Lachen und Rührung inklusive!

Ach ja und: ALLES GUTE, GESUNDHEIT und GLÜCK für 2021!

Betreff: Einladung Meeting
Von: Beate

Hier gleich ein Themenvorschlag für unser nächstes Treffen: Was ist, wenn mich die Gruppe nervt? Frohes neues Jahr auch von mir und bis bald!

Autorinnen: Gerda Kolb und Irene Zavarsky

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