Wenn wir heute in Workshops mit Icons und Diagrammen arbeiten, knüpfen wir (oft unbewusst) an eine fast 100 Jahre alte Idee an: komplexe Inhalte so zu visualisieren, dass sie für möglichst viele Menschen verständlich werden.
Doch was für Zahlen, Daten und Fakten liegen uns für unsere Bildungsarbeit vor? Wie können wir Theorien durch Evidenz untermauern und statt mit Meinungen mit belegbaren Tatsachen argumentieren? In diesem #visdo gebe ich euch einige Ideen dazu.
Welche Themen beschäftigten das ISOTYPE Institut?
Das Ziel von Otto und Marie Neurath (geb. Reidemeister) mit ihrem Bildstatistik-System ISOTYPE (International System of Typographic Picture Education) war nie nur „Design“. Die im Umfeld des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums in Wien entwickelte Methoden des ISOTYPE war ein politisches Bildungsprojekt. Gerade deshalb ist es für uns in der Bildungs- und Workshoparbeit nach wie vor hochaktuell.
ISOTYPE entstand in der Zwischenkriegszeit, einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche. Ziel war es, gesellschaftliche Zusammenhänge für Arbeiter:innen, Gewerkschaften und breite Bevölkerungsschichten verständlich darzustellen. Damals, wie heute, gab es Ungleichheiten in der Gesellschaft, die nicht nur gefühlt, sondern auch belegt werden konnten. Zur Zeit von Otto und Marie Neurath (geb. Reidemeister) lag der Fokus auf Themen wie:
- Arbeitslosigkeit und Beschäftigungszahlen
- Industrieproduktion
- Bevölkerungsentwicklung
- Wohnsituation
- Internationale Wirtschaftsvergleiche
- Bildung und Alphabetisierung
- Lebenshaltungskosten
Statt abstrakter (und für die meisten schwer verständlicher) Zahlenkolonnen nutzte ISOTYPE wiederholte Piktogramme. Jede der sich wiederholenden Figuren stand dabei für eine Einheit (also z.B. 250.000 Arbeitslose, 2.500.000 Autos, 10% der Frauen,…). Das macht Mengenvergleiche visuell intuitiv zugänglich.
Wie können wir die gewerkschaftlichen Werkzeuge heute nutzen?
Gewerkschaften und Weiterbildungsangebote innerhalb der Gewerkschaftlichen Erwachsenenbildung können sich an ISOTYPE angelehnte Diagramme zunutze machen um:
- komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge zu erklären
- Ungleichheiten sichtbar zu machen
- Argumente in Verhandlungen zu untermauern
- Bildung auch für Menschen mit geringer Lesekompetenz zu ermöglichen.
Im #visdo „Was macht ein gutes Bildungsbild?“ gehe ich auf die Details der Gestaltung ein. Hier eine kurze Zusammenfassung:
- Wiederholung: Wir nutzen viele kleine Symbole, die sich wiederholen statt eines großen Balkens und wir verzerren die Daten nicht durch das Vergrößern und Verkleinern von Elementen (zwei verschieden große Symbole – wie im Beispiel Schülerspeisung – stehen für zwei verschiedene Gruppen von Schüler:innen).
- Konsistenz: Ein Symbol hat konstant eine Bedeutung. Wir machen nicht mehrere dekorative Varianten um „kreativ zu sein“.
- Reduktion: Wir verzichten bewusst auf 3D-Effekte, Perspektive und unnötigen Details. Das sind übrigens nicht nur die historischen Empfehlungen von ISOTYPE, sondern auch die aktuellen Best Practice Regeln für gut gestaltete Infografiken (wie zum Beispiel im Buch „Die perfekte Infografik“ von Dona M. Wong – The Wall Street Journal).
- Vergleichbarkeit: Wir platzieren Darstellungen nebeneinander und nutzen, wo es geht, die gleichen Grundlinien um das „Lesen“ der Diagramme zu erleichtern.
- Visualisierung: Die Grafik trägt die Aussage, nicht der Text. Schrift dient als Unterstützung und Legende. Je reduzierter die Darstellung, desto stärker die Botschaft.

Was stellen wir dar?
Beispiele für aktuelle Themen, die durch Zahlen untermauert und visuell aufbereitet werden können für die Bildungsarbeit:
Gewerkschaftliche Bildungsarbeit
- Lohnunterschiede
- Darstellung von Arbeitszeitmodellen
- Geschlechterverteilung in Führungspositionen
- Unfallstatistiken
Politische Bildung
- Demokratische Bildung
- Ressourcenverteilung
- Arbeitslosigkeit und Beschäftigung
- CO₂-Emissionen
Workshop- & Trainingskontexte
- Teilnehmer:innen (Branchen, Erfahrungen, Regionen, Berufe,…)
- Erwartungsabfragen
- Abstimmungsergebnisse
- Projektfortschritte
Schule (z.B. AK Chancen-Index)
- Sozio-ökonomische Merkmale der Schüler:innen
- Bildungsstand der Eltern
- Umgangssprache der Schüler:innen

Woher kommen die Zahlen?
Wer auf der Suche nach Zahlen ist, kann auf folgenden Seiten verlässliche Daten finden:
- AK:
– Studien - Statistik Austria:
– Barometer
– Publikationen
– Statistiken
– STATcube (statistisches Datenbanksystem) - AMS:
– Arbeitsmarktdaten und Arbeitsmarktforschung - Sozialministerium:
– Arbeitsmarktdaten - Momentum Institut:
– Equal Pay Day 2025
– Publikationen - Bücher:
– Zahlen,bitte!! (Konrad Pesendorfer, Florian Klenk)
– Total alles über Wien (Sonja Franzke)
– Understanding the World (Sandra Rendgen)
Warum ist das wichtig?
Wir leben in einer Zeit der Informationsflut. Vieles von dem, was auf uns einprasselt, ist allerdings von zweifelhafter Qualität. Dem gilt es etwas entgegenzusetzen. Visualisierung ist nicht nur „schönes Design“, sondern eine didaktische Haltung, die von fundierten und belegbaren Zahlen untermauert wird.
- Klarheit vor Dekoration
- Verständlichkeit vor Komplexität
- Struktur vor Effekten
Und vielleicht ist genau das die größte Inspiration: Gute visuelle Bildung ist nicht laut. Sie ist präzise. Und sie macht Zusammenhänge sichtbar.
Autorin: Lana Lauren
Quellen
- (1) Foto © Lana Lauren – Ausstellung „WISSEN FÜR ALLE: ISOTYPE – die Bildsprache aus Wien“ im Wien Museum mit freundlicher Genehmigung des Museums
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