Das Wien-Museum ist nicht nur eines meiner Lieblings-Museen in Wien und der Startpunkt unserer Reise in die Welt des ISOTYPE, sondern auch ein beliebter Zeichner:innen-Treff, wenn das Wetter draußen kälter wird. Die frei zugängliche Dauer-Ausstellung bietet viele großartige Motive und wird auch nach vielen Besuchen nie langweilig.
So war ich auch vor kurzem wieder zu Besuch und habe eine großartig aufbereitete Sonderausstellung entdeckt, die einen spannenden Einblick in die Vergangenheit bietet und interessante Fragen zur Vermittlung von Wissen in der Gegenwart aufwirft.
Lasst mich euch mitnehmen auf eine Entdeckungsreise, die im Wien Museum begonnen und mich in den folgenden Wochen zu vielen weiteren Gesprächen, Büchern und Standorten geführt hat.
Sonderausstellung im Wien Museum
Von 6. November 2025 bis 5. April 2026 (momentan ist also noch etwas Zeit, wenn ihr euch selbst vor Ort ein Bild machen wollt) bietet das Wien-Museum in Kooperation mit der AK Wien und der Stadt Wien eine Sonderausstellung zum Thema „WISSEN FÜR ALLE: ISOTYPE – die Bildsprache aus Wien“.
Ich hatte von ISOTYPE (International System of Typographic Picture Education) schon das eine oder andere Mal gehört, aber mich noch nie intensiv damit auseinandergesetzt. Nach wenigen Minuten in der Ausstellung war ich Feuer und Flamme für das Thema, denn es war offensichtlich: da steckt so viel Potential für aktuelle Themen der Bildungsarbeit drin.
Deshalb will ich euch in den folgenden visdo Blog-Beiträgen von der Ausstellung (und noch ein paar weiteren Quellen, die ich zu dem Thema aufgespürt habe) berichten.
Folgende Themen erwarten euch:
- Eindrücke aus der Ausstellung
- Entstehung und Hintergrund von ISOTYPE
- Qualitätskriterien für Bildungsbilder
- Reflexion historischer Anerkennung in der Wissensproduktion
- Tipps zur Anwendung von ISOTYPE-Prinzipien in der Praxis
- Beispiele für die Nutzung von ISOTYPE in der Bildungsarbeit
- Gedanken zum Überbrücken von Sprachbarrieren
Starten wir gleich mit der Tour durch das Museum. Ich habe euch dafür ein paar der Highlights herausgepickt, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind.
Historische Einordnung
Wir starten mit einer Vorstellung von Otto Karl Wilhelm Neurath (4) und seinen Weggefährt:innen im Roten Wien (1919 – 1934). Neurath entwickelte im Rahmen seiner Museumspädagogik zusammen mit Marie Neurath (geboren als Marie Reidemeister) (5) und Gerd Arntz (6) einen Vorläufer der Piktogramme und ein Konzept zur Vermittlung von Wissen, dem Marie Neurath den Namen ISOTYPE verlieh.
Das Ziel Otto Neuraths war es soziale und ökonomische Zusammenhänge für die breite Bevölkerung zugänglich und verständlich zu machen. Dies sah er als Grundlage für eine demokratische Gesellschaft. Wissen sollte nicht nur der Elite vorbehalten sein, sondern allen Bürger:innen, damit sie im Alltag, in politischen Diskussionen sowie bei sozialen Fragen informierte Entscheidungen treffen können. Es ging Neurath dabei nicht um eine oberflächliche Vereinfachung. Das Ziel war eine echte Beteiligung und Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs, die durch verständliche Darstellungen von sozialen Fakten ermöglicht wurde.
Prinzipien der Bildstatistik
Um auch komplexe Inhalte möglichst klar und verständlich zu präsentieren, gibt ISOTYPE Richtlinien vor, wie Daten dargestellt werden können und worauf zu achten ist, damit es dabei nicht zu irreführenden Darstellungen kommt. Diese Prinzipien werden in der Ausstellung anhand von Beispielen verdeutlicht.
Piktogramme sollen dabei die Inhalte greifbar machen. Wie diese Piktogramme bei der Abbildung von Zahlenwerten genutzt werden, ist allerdings entscheidend. Die Anordnung von gleich großen Figuren nebeneinander, um Mengen zu vergleichen (siehe Beispiel im Foto) ermöglicht einen intuitiven und schnellen Vergleich der Werte. Dahingegen führen das Vergrößern und Verkleinern von Bildern (zum Beispiel ein doppelt so hohes Bild für einen doppelt so großen Wert) zu Verzerrungen, da die Relationen (bzw. Volumen der Bilder) falsche Relationen vorgaukeln.
Das ISOTYPE-System bietet eine sehr große Anzahl an standardisierten Piktogrammen. Die genaue Anzahl ist nicht bekannt, da das System über Jahre gewachsen ist. Moderne Quellen geben aber an, dass der Grafiker Gerd Arntz rund 4.000 verschiedene Piktogramme entworfen hat, die in der Systematik verwendet wurden. Viele der Designs waren Vorläufer der Piktogramme, denen wir heute überall im Alltag begegnen und die uns so vertraut sind, dass wir sie als selbstverständlich hinnehmen, wie der Abbildung von Mann und Frau auf WC-Türen.
Auch moderne Infografiken bedienen sich ganz selbstverständlich verschiedener Piktogramme, um Zusammenhänge aufzuzeigen und schnell erfassbar zu machen. So auch ein Plakat der AK Wien zum Thema „Millionenvermögen besteuern – Zukunft finanzieren“, das Besucher:innen der Wien Museums als Geschenk mitnehmen können. Mit wenigen Bildern sieht man hier, was alles finanziert, und der Allgemeinheit zugutekommen könnte, wenn eine Steuer von 1% auf Vermögen ab 1 Mio. € eingeführt wird (betroffen wären nur 5% der reichsten Haushalte, deren Vermögen in der Regel um mehr als 5% pro Jahr wächst).
Multimediale Aufbereitung
Erlebbar werden die Inhalte durch einen bunten Medienmix, der sich durch die Ausstellung zieht. Fotos und Bild-Beispiele, animierte Illustrationen, Interviews mit Zeitzeug:innen, eine Video-Vorführung von historischem Video-Material basierend auf ISOTYPE Prinzipien, Bücher von Marie Neurath, ein Ansichtsexemplar der Publikation zur Ausstellung, Dioramas, Bildtafeln und vieles mehr.
Weitere Inspirationen
Allen, die sich für das Thema interessieren, kann ich die Publikation zur Ausstellung sowie das Buch „Die Konturen der Welt“ von Gernot Waldner (Hg.) empfehlen, um noch weiter in das Thema einzutauchen. Diese Bücher waren auch ein großer Teil meiner dem Museumsbesuch folgenden Recherche.
Doch meine Reise hat wie angekündigt nicht im Wien Museum geendet. Meine Suche nach weiteren Materialien zu ISOTYPE hat mich auch in das Gesellschaft- und Wirtschaftsmuseum geführt, wo es einiges zu entdecken gibt.
Und auch folgende (sehr aktuelle) zwei Bücher, haben mich dazu gebracht in Frage zu stellen, wie wir komplexe Daten aufbereiten und zugänglich machen: „Der Patriarchatsindex – Status Quo der Gleichstellung von Mann und Frau in Österreich“ von Lenka Reschenbach (10) sowie „Wieso drucken wir nicht einfach mehr Geld? – Was du immer schon über Geld, Arbeit und Gerechtigkeit wissen wolltest“ von Saskia Hödl und Sonja Stangl (11).
Ich hoffe, eure Neugier ist geweckt und freue mich euch bald schon mehr erzählen zu können. Im nächsten Beitrag zur Entstehung und dem Hintergrund von ISOTYPE.
Autorin: Lana Lauren
Quellen
- (1) Foto © Lana Lauren – Ausstellung „WISSEN FÜR ALLE: ISOTYPE – die Bildsprache aus Wien“ im Wien Museum mit freundlicher Genehmigung des Museums
- (2) Foto © Lana Lauren
- (3) Ausstellung sowie Flyer zur Ausstellung „Wissen für Alle: ISOTYPE – die Bildsprache aus Wien“ im Wien Museum
- (4) Wikipedia „Otto Neurath“
- (5) Wikipedia „Marie Neurath“
- (6) Wikipedia „Gerd Arntz“
- (7) Wikipedia „History of Graphic Design“ – https://en.wikipedia.org/wiki/History_of_graphic_design
- (8) HIRMER – „Wissen für alle: ISOTYPE – die Bildsprache aus Wien“ (2025) Publikation zur Ausstellung im Wien Museum vom 6. Nov 2025 bis 5. Apr 2026.
- (9) Gernot Waldner (Hg.), mandelbaum Verlag – „DIE KONTUREN DER WELT – Geschichte und Gegenwart visueller Bildung nach Otto Neurath“ (2021)
- (10) Lenka Reschenbach „Der Patriarchatsindex – Status Quo der Gleichstellung von Mann und Frau in Österreich„
- (11) Saskia Hödl, Sonja Stangl „Wieso drucken wir nicht einfach mehr Geld? – Was du immer schon über Geld, Arbeit und Gerechtigkeit wissen wolltest„
- (12) Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum

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