#visdo: ISOTYPE als Werkzeug der Arbeiterbildung


visdo "ISOTYPE als Werkzeug der Arbeiterbildung"

Im letzten #visdo „Worte trennen, Bilder vereinen – auf den Spuren von Otto Neurath und ISOTYPE“ habe ich euch von der Sonderausstellung im Wien Museum und meinen ersten Schritten auf der Spur von ISOTYPE (International System of Typographic Picture Education) erzählt. Diesmal steigen wir tiefer ein und erkunden wie ISOTYPE entstand, warum es überhaupt entwickelt wurde und für wen. 

Spoiler vorweg: ISOTYPE ist weit mehr als eine Sammlung von Piktogrammen. Es ist eine Praxis, die Museen neu denkt, Betrachter:innen aktiv einbezieht und Bildung als gemeinschaftlichen, reflektierten Prozess versteht. Sie fördert interdisziplinäre Zusammenarbeit, eröffnet neue Perspektiven auf soziale Lebenslagen und verbindet wissenschaftliche Erkenntnis mit einer bewussten, nachdenklichen Haltung. (4)

Die Entstehungsgeschichte

Der Ausgangspunkt von ISOTYPE war die Gründung des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum im Jahr 1925 in Wien. Ich finde der Zeitbezug ist hier auch nochmals ein wichtiger Punkt. Die Zwischenkriegszeit war geprägt von einer kreativen, reformorientierten und zukunftsgewandten Aufbruchsstimmung auf der einen Seite und Armut, politischen Konflikten und Unsicherheit auf der anderen. Ich frage mich, ob sich die wirtschaftlich schwierige Situation und die Unsicherheiten damals ähnlich angefühlt haben wie heute. Der Alltag damals war bestimmt für die meisten härter als unserer heute – ein, wie ich finde, großer Unterschied war aber, dass die Zeit von der Idee getragen war, dass die Welt sich zum Besseren entwickelt.

Die „Zeitschau“, Gassenlokal des Museums, Tuchlauben 8, Wien 1, 1933; Otto and Marie Neurath Isotype Collection, University of Reading. (9)

Das „Rotes Wien“ (ab 1919) wurde sozialdemokratisch regiert und entwickelte sich zu einem Labor für soziale Reformen: kommunaler Wohnbau (z.B. Gemeindebauten), kostenlose Gesundheitsversorgung (z.B. Mutter-Kind-Fürsorge), ein Fokus auf Bildung (z.B. Bildungseinrichtungen wie Volksbildung oder Bibliotheken) und neue Vorstellungen von Hygiene, Freizeit und Körperkultur prägten die Zeit.

Ich versuche mir auszumalen, wie die Straßen und der Alltag der Leute wohl ausgesehen haben damals, vor 100 Jahren. Von Computern war noch keine Rede, Autos sah man zwar in der Stadt aber die meisten bewegten sich zu Fuß, mit der Straßenbahn oder Pferdefuhrwerken fort, viele Wohnungen hatten Wasser nur am Gang und Zentralheizungen waren extrem selten. Bildung war umkämpft, politisch aufgeladen und für viele Frauen ein Akt der Emanzipation. Nach 8 Jahren Pflichtschule begannen viele Arbeiter:innen schon mit 13-14 Jahren mit der Erwerbsarbeit. Bildung war kein selbstverständliches Recht, sondern ein privilegierter Ausnahmefall.

Dauerausstellung des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums in der Volkshalle im Wiener Rathauses, 1927 (9)

In dieser Zeit war das, ursprünglich aus dem Museum für Siedlung und Städtebau entstandene, Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum ein innovatives Bildungsmuseum, in dem Otto Neurath (5) zusammen mit Marie Neurath (geb. Reidemeister) (6) und Gerd Arntz (7) die „Wiener Methode der Bildstatistik“ (später ISOTYPE) entwickelte. 

Otto Neurath präsentiert Bürgermeister Karl Seitz das Mappenwerk „Gesellschaft und Wirtschaft“ während der Eröffnung der Ausstellung „Weltwirtschaft“ in den Räumen des Museums im Fuchsenfeldhof, Oktober 1930; Otto and Marie Neurath Isotype Collection, University of Reading. (9)

Der klaren Bildungsauftrag lautete: soziale und wirtschaftliche Zusammenhänge sichtbar, vergleichbar und diskutierbar zu machen. Im Zentrum stand nicht das Sammeln von Objekten, sondern die Vermittlung von Wissen. Das Museum verstand sich als ein aktiver Ort der Aufklärung – mit Ausstellungen, Wandtafeln, mobilen Präsentationen und internationalen Leihschauen. Die Inhalte richteten sich explizit an Menschen ohne akademische Ausbildung: Arbeiter:innen, Jugendliche, Familien.

Nach der Machtübernahme des austrofaschistischen Regimes 1934 wurde das ursprüngliche Museum geschlossen. Otto Neurath, Marie Neurath (geb. Reidemeister) und Gerd Arntz setzte die Arbeit im Exil (unter anderem in Den Haag und später in England) fort, wo ISOTYPE als internationale Bildsprache weiterentwickelt wurde.

In Wien wurde das Museum nach dem Zweiten Weltkrieg wiederbelebt, zunächst als Verein mit wechselnden Leitungen und Angeboten. Seit den 1970er-Jahren ist es in der heutigen Form als öffentlich zugängliches Museum etabliert und wird seit den 2000er-Jahren kontinuierlich modernisiert.

Eingang zum Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum (10)
Ausstellung „Leben und Wohnen in Wien“ (10)

Heute knüpft das Museum ideell an die ursprünglichen Ziele an und vermittelt weiterhin gesellschaftliche und wirtschaftliche Themen anschaulich, ergänzt durch Workshops, Mitmach-Labore und aktuelle Ausstellungskonzepte, die komplexe Zusammenhänge für ein breites Publikum zugänglich machen. Neben vielen Angeboten für Schulklassen, gibt es auch spannende Führungen durch die Ausstellung, die ich sehr empfehlen kann. (2)

Bildung als Teil sozialen Fortschritts

ISOTYPE war eng mit der Idee verbunden, dass gesellschaftlicher Fortschritt nur mit informierten Bürger:innen möglich ist. Bildung bedeutete dabei nicht Anpassung, sondern Mündigkeit.

Otto Neurath war es wichtig, Informationen so aufzubereiten, dass sie zugänglich sind, ohne sie zu verfälschen oder zu instrumentalisieren. Die Bildtafeln sollten nicht manipulieren, sondern zum selbstständigen Denken befähigen. Charakteristisch für ISOTYPE ist dabei, dass die Darstellungen zum mehrmaligen Hinschauen einladen. Auf den ersten Blick geben sie Orientierung, auf den zweiten und dritten Blick erschließen sich dann zusätzliche Informationen. 

„Ein Bild, das nach den Regeln der Wiener Methode hergestellt ist, zeigt auf den ersten Blick das Wichtigste am Gegenstand; offensichtliche Unterschiede müssen sofort ins Auge fallen. Auf den zweiten Blick sollte es möglich sein, die wichtigeren Einzelheiten zu sehen und auf den dritten Blick, was es an Einzelheiten noch geben mag. Ein Bild, das beim vierten und fünften Blick noch weitere Informationen gibt, ist, vom Standpunkt der Wiener Schule, als pädagogisch ungeeignet zu verwerfen.“

(Neurath 1991h: 257 – S.69 „Konturen der Welt“)

Genau diese Balance zwischen Klarheit und Tiefe unterscheidet ISOTYPE bis heute von vielen modernen „vereinfachenden“ Infografiken, die zwar schnell konsumierbar sind, aber oft auf Kosten von inhaltlicher Genauigkeit oder kritischer Auseinandersetzung gehen.

Bildstatistik „Wohndichte in Großstädten“, 1930, Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum (Hg.): Gesellschaft und Wirtschaft. Bildstatistisches Elementarwerk, Leipzig: Bibliographisches Institut, 1916_Marie Reidemeister (later Neurath), ca. 1930; Otto and Marie Neurath Isotype Collection, University of Reading (9)

Der Aufbau der Bildtafeln war bewusst so gewählt, dass „wir fast von selbst anfangen, die Gruppen miteinander zu vergleichen und die Bezeichnungen zwischen ihnen auf verschiedenen Ebenen durchzuspielen.“ (S.66 „Die Konturen der Welt“). Somit dienten die Bilder als Grundlage für Diskussionen und Austausch. Sie waren eine Einladung sich selbst Gedanken zu machen.

Wissensvermittlung heute

Ich sehe viele Parallelen zu der Erwachsenenbildung heute, vor allem auch jener, die im gewerkschaftlichen Kontext passiert. Als Vortragende ist unsere Aufgabe gefühlt die gleiche geblieben. Wir wollen Wissen so zur Verfügung stellen, dass es zugänglich ist und als Basis für Gespräche und Austausch dient.

Bildstatistik „Kraftfahrzeugsbestand der Erde“, Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum (Hg.): Gesellschaft und Wirtschaft. Bildstatistisches Elementarwerk, Leipzig: Bibliographisches Institut, 1916_Marie Reidemeister (later Neurath), ca. 1930; Otto and Marie Neurath Isotype Collection, University of Reading (9)

Gerade in Zeiten von Social Media, kennt wahrscheinlich jede:r das Phänomen eine App zu öffnen, durch dutzende Kurzvideos, Fotos und Texte zu swipen und sich dann zu wundern, wo denn auf einmal die Zeit hin ist und was man in den letzten Minuten (oder Stunden?) seinem Hirn da eigentlich zugemutet hat. Mir ging es gestern wieder so. Meist habe ich Social Media Apps garnicht am Handy. Gestern habe ich eine wieder installiert und bin bei den „Shorts“ hängengeblieben. Eine Stunde später war ich vollkommen entsetzt wo meine Lebenszeit hin ist und dass ich nicht einmal sagen kann, was ich mir denn da jetzt angeschaut habe.

Was für ein Unterschied zu den Bildtafeln von Neurath. Hier kann man sich gezielt mit einem Inhalt beschäftigen, kommt tatsächlich wie von selbst ins Gespräch mit anderen Besucher:innen des Museums (wenn man nicht ganz so extrovertiert ist mit Fremden zu sprechen, dann doch zumindest mit jenen, mit denen man zusammen ins Museum gekommen ist) und diskutiert die präsentierten Zahlen, wie man diese am besten deuten kann und welche Schlussfolgerungen sich daraus ableiten. 

Natürlich muss es nicht bei analogen Bildern bleiben. Auch Videomaterial oder interaktive Formate bieten viele Möglichkeiten, die man nutzen kann. Doch gerade die Einfachheit und Unaufgeregtheit der analogen (und zumeist schwarz-weißen) Bilder, hat bei mir die Frage aufgeworfen, ob nicht eine Rückbesinnung auf weniger hektische Darbietungen von Information ein Verstehen und Merken fördern.

Auch wenn TikTok und ähnliche Plattformen gerade einen anderen Trend vorleben – Bildtafeln sind nach wie vor eine großartige Methode der Wissensvermittlung. Sie geben uns die Möglichkeit zu verweilen und uns Fragen zu stellen wie die folgenden:

  • „Was genau sehe ich da?“
  • „Welche Schlussfolgerungen kann ich daraus ziehen?“
  • „Wie passt das mit meinen persönlichen Erfahrungen zusammen?“ 
  • „Welche Veränderungen würde ich mir in der Gesellschaft wünschen?“

Mit diesen Fragen lasse ich euch nochmals einen Blick auf die Bildbeispiele oben werfen. Ich melde mich bald wieder zurück und sammle bis dahin für den neuen Artikel zum Thema „Was macht ein gutes Bildungsbild aus?“

Autorin: Lana Lauren


Quellen

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