#grumo_14: Erlebnisorientiertes Arbeiten – andere Räume, andere Settings

Klettern, Wandern, Töpfern, Kochen, Bogenschießen … andere Settings bringen andere Erfahrungen zu Tage. Im geeigneten Kontext lassen sich daraus gute Reflexionsgrundlagen schaffen. Heute unterhalten sich unsere fünf Expert*innen über ihre Erfahrungen mit erlebnisorientiertem Arbeiten.

Unsere Gruppensuppe

„Ich will heute von den außergewöhnlichsten Methoden hören, die ihr jemals mit einer Gruppe ausprobiert habt.“ Beate richtet ihre Kamera gerade. Die Gruppe trifft sich heute wieder mal online. Nachdem alle mittlerweile viel Erfahrung mit Online-Meetings haben, klappt das schon recht reibungslos. Paul meldet sich gleich als erster zu Wort. Er erzählt von einem Auftrag, wo er eine recht zerstrittene und neu zusammengewürfelte Abteilung zum Teambuilding begleiten sollte. In der Vorbesprechung ist klar geworden, dass die Gruppe sehr gut ist im „so tun, als ob alles in Ordnung wäre“, die Konflikte brodelten eher unter der Oberfläche. „Ich hatte den Eindruck, dass ich da mit konventionellen Methoden nicht rankomme, also hab‘ ich ein Kochstudio gemietet und hab‘ der Gruppe den Auftrag gegeben, völlig selbstorganisiert – von der Menüauswahl über’s Einkaufen bis zur Zubereitung – ein dreigängiges Mittagessen zu kochen.“ Paul lacht und meint, dass das Team zwar gemault hätte, was das jetzt mit ihrer Arbeit zu tun hätte, aber sich dann doch drangemacht hat.

Im Laufe des Vormittags sind Kommunikationsmuster sichtbar geworden und Konfliktlinien aufgebrochen. Alltägliche Gegebenheiten á la „Wer bekommt welche Herdplatte? Wird die Kürbiscremesuppe püriert oder nicht?“ dienten am Nachmittag zum gemeinsamen Reflektieren. Außerdem hatten alle das Gefühl, etwas gemeinsam geschafft zu haben und waren nun durch ein richtiges Erfolgserlebnis miteinander verbunden. „Und so Koch-Methaphern sind ideal, um Gruppenprozesse zu beschreiben“, richtet der grinsende Paul abschließend in die Kamera.

Klettergarten und Schnitzeljagd

Beate schließt gleich an und erzählt von zwei unterschiedlichen Seminaren, die sie zum Thema „Gruppen leiten“ gehalten hat. Beim einen war sie mit der Gruppe in einem Klettergarten, beim anderen hat sie eine Schnitzeljagd organisiert. Bei beiden Settings konnten jeweils mehrere Leute ausprobieren, die Gruppe durch den Parkour zu leiten beziehungsweise die nächsten Stationen anzuvisieren. „War das nicht furchtbar aufwändig?“, meldet sich Yasemine dazwischen. „Schon,“ meint Beate, „bei der Schnitzeljagd habe ich die Vorbereitungszeit enorm unterschätzt. Du kannst ja dann nicht an jeder einzelnen Stationen präsent sein. Das heißt, es muss alles halbwegs selbsterklärend funktionieren.“ Beim Klettergarten war das einfacher, da waren alle die ganze Zeit an einem Ort. „Da ist halt die Frage, ob klettern für alle geht. Leute mit Höhenangst oder Beeinträchtigungen kommen da nicht so gut mit. Außerdem ist es gut, einen Profi dabei zu haben. Ich hab‘ das mit einem Kollegen gemacht, der eine Ausbildung zum Outdoortrainer hat. Allein hätte ich mir das nicht zugetraut.“

Eine Vase töpfern

„Ich hab mein Seminar damals auch mit professioneller Unterstützung gemacht“, hakt Yasemine gleich ein. „Ich hab‘ einen Töpferkurs gebucht. Der Auftrag an die einzelnen Teilnehmer*innen war, eine Vase mit einer Töpferscheibe zu töpfern. Wir hatten den Ton überall! In den Haaren, auf den Kleidern, nur nicht an der Vase…“. Auf drängenden Wunsch der anderen hält Yasemine die damals von ihr getöpferte Vase ins Bild. Rudi fragt nach, „Was war das Thema vom Seminar?“. Yasemine stellt die Vase wieder weg. „Umgang mit Stress, Frust und Misserfolgen. Deswegen habe ich etwas gewählt, das zwar leicht machbar ist, aber viel Übung braucht, bis es gut funktioniert. Dem Team ging es damals darum, dass sie zwar viele Projekte umsetzen, aber nie ganz zufrieden mit den Ergebnissen waren.

Wir haben dann in der Reflexion viel mit ausgesprochenen und unausgesprochenen Zielen und Wünschen, Erwartungen und Erwartungserwartungen gearbeitet. Das hat gut funktioniert und die Teilnehmer*innen hatten, durch die Erfahrung vom Töpferkurs, konkrete Erlebnisse, die leicht benennbar waren, aber nicht aus dem Arbeitskontext stammten. Unsicherheiten im Arbeitskontext zu benennen stellt für Teammitglieder oft ein großes Risiko dar, vor allem gegenüber der Führungskraft und den Kolleg*innen. Über eine unperfekt getöpferte Vase als „Fehlschlag“ zu sprechen, ist weit weniger riskant.“

Der „Zauberstab“. Eine beliebte Mini-Methode für ein rasches gemeinsames Erlebnis.

Kampfsport und Umgang mit Konflikten

Maria erzählt, dass sie während eines Seminars zu Konfliktmanagement eine Einheit mit Kampfsport-Techniken verbracht hat. Paul lacht, „Wie? Du meinst, du lernst dann gleich, wie man dem Gegenüber eins auf die Nase haut?“. Maria verdreht die Augen, sie geht schon seit Jahren boxen und jedes mal, wenn sie erzählt, dass sie Trainings für Konfliktmanagement macht, kommt dieser Satz. Sie seufzt: „Nein. Natürlich nicht. Kampfsport ist viel mehr als den Leuten doof eins auf die Nase zu hauen.“ Man braucht gute Technik, Gelassenheit, Konzentration und Ausdauer, Stressresistenz und schnelle Analysen von Situationen, um rasch und richtig reagieren zu können, erklärt sie weiter. „Wenn du wie eine Dampfwalze mit Wut auf deine*n Trainingspartner*in zuläufst, dann ist es für eine erfahrene*n Kampfsportler*in ein Kinderspiel dir Konter zu geben.

Dasselbe gilt für Verhandlungen, Diskussionen oder Konflikte: Unreflektiertes, emotionsgeladenes Drauflos-Poltern hat noch selten produktive Lösungen zu Stande gebracht. Wenn man das im Kampfsport auf einer körperlichen Ebene mal erfahren hat, dann fällt die Übersetzung in den Arbeitsalltag viel leichter.“ Paul nickt ein bisschen beschämt, „Ok, wenn du es so erklärst, dann seh‘ ich da einige Zusammenhänge. Tut mir leid, dass ich dir da vorher einfach meine Vorurteile übergestülpt habe.“ Maria lacht, „Kein Problem. Wenn’s mir zu viel wird, kann ich dir ja immer noch auf die Nase hauen“. Paul sieht kurz so aus, als ob er sehr froh wäre, dass das Treffen heute online stattfindet, stimmt dann aber in Marias Lachen mit ein.

Talking by Walking

„Rudi, du hast noch nichts erzählt“, sagt Beate und schaut ihn dabei gespannt an. Rudi lächelt ein wenig verlegen. „Ich mach gar nicht so außergewöhnliche Dinge. Das einzige, das mir dazu einfällt, ist, ein Einzelcoaching mit einer Führungskraft. Wir sind im Gespräch draufgekommen, dass wir beide gerne wandern. Sie konnte sich in den Einheiten schwer auf das Hier und Jetzt konzentrieren und war mit ihren Gedanken oft woanders.

Also hab ich ihr vorgeschlagen, eine Doppelstunde im Wandern zu absolvieren. Das hat wunderbar geklappt! Das Gehen ist eine Tätigkeit, die ihr erlaubt hat, ihre Gedanken auf unser Gespräch zu fokussieren.“ Rudi zuckt die Achseln und meint, dass er das mit dieser Klientin nun in regelmäßigen Abständen macht. Die anderen schauen Rudi ein bisschen verständnislos an und meinen fast unisono, dass sie das außergewöhnlich genug finden.

Bogenschießen

Wo nun so viel über gemeinsame Aktivitäten gesprochen wurde, beschließen unsere fünf Expert*innen selber einmal Außergewöhnliches zu wagen. Nach ein bisschen hin und her einigen sie sich auf Bogenschießen. Das ist nicht zu sportlich, ist an der frischen Luft und alle haben gleich wenig Erfahrung damit. „Aber wir müssen dann auch reflektieren im Anschluss“, meint Yasemine. Alle nicken zustimmend. „Klar“, meint Paul, „wenn ich das mal mit euch ausprobiert habe, dann mach ich vielleicht das nächste Mal keine Gruppensuppe, sondern hab‘ noch einen anderen Pfeil im Köcher.“ Rudi lacht, „Ja, und gleich wieder viele nette Metaphern, um einen Prozess zu beschreiben…“

Die fünf verabschieden sich nach und nach, aber nicht ohne vorher ein Thema fürs nächste Mal vereinbart zu haben. Sie wollen die Herausforderungen für Trainer*innen diskutieren, wenn diese in einen laufenden Gruppenprozess einsteigen.

Autorinnen: Gerda Kolb und Irene Zavarsky

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