#grumo_09: Gruppendynamik, Demokratie, Soziokratie

… ein kleiner Einblick

Nach einigen Wochen Sommerpause freuen wir – Irene Zavarsky und Gerda Kolb – uns, euch wieder zweiwöchentlich mit Beiträgen zum Themenfeld Gruppe und Gruppendynamik versorgen zu dürfen. Mit dabei sind natürlich auch wieder die fünf Expert*innen Beate, Paul, Yasemine, Maria und Rudi, die uns an ihren Erfahrungen und Kompetenzen teilhaben lassen.

Kennengelernt haben sich unsere zwar fiktiven, aber nichtsdestotrotz realitätsnahen Charaktere bei einer Weiterbildung zum Themenfeld Gruppe. Seit einigen Monaten treffen sich nun die fünf Professionist*innen aus den Bereichen Training, Beratung und gewerkschaftlicher Erwachsenenbildung regelmäßig, um verschiedenste Themen und Aspekte von Gruppen und Gruppendynamik zu reflektieren und diskutieren. Dieses Mal richten sie den Fokus auf Demokratie und Entscheidungsfindung und was das mit Gruppendynamik zu tun haben könnte. 

„Wahnsinn, so schnell ist der Sommer noch nie vergangen, aber ich freue mich sehr euch wiederzusehen!“ Mit diesen Worte begrüßt Beate die Kolleg*innen, die es sich bereits im Schatten eines Baumes auf der Donauinsel gemütlich gemacht haben. „Ich freu mich auch dich zu sehen“, entgegnet Yasemine gut gelaunt und bietet Beate gleich ein Stück Wassermelone an, die sie zum heutigen Treffen mitgebracht hat. Nach einer Weile mit gegenseitigen Updates, Urlaubserzählungen und einer Diskussion über Urlaubsdestinationen in- und außerhalb Österreichs, landen die fünf Kolleg*innen beim Thema Demokratie.

Gruppendynamik und Demokratie

Yasemine beginnt: „Die Gruppe kann auch als Mikrokosmos einer Gesellschaft verstanden und erlebt werden. Also nicht vollständig natürlich, aber eine Gruppe ist vergleichbar mit einer Organisation, zumindest ist sie auch ein soziales Gebilde. Da wie dort gibt es Ziele, die mehr oder weniger gemeinsam erreicht werden sollen.“

Der Vergleich von Gesellschaft und Organisation löst in der Runde Irritation aus und Rudi springt ein, um Yasemins Ausführungen zu ergänzen: „Auch die Gesellschaft ist eine Art von Organisation oder zumindest auch ein soziales Gebilde. Es gibt Regeln, Ziele und so weiter und es macht natürlich einen Unterschied, auf welche Art und Weise versucht wird, Ziele zu erreichen.“ „Ja genau, wer beispielsweise mitgestalten darf  und wer nicht. In einer hierarchisch strukturierten Organisation oder Gesellschaft bestimmen wenige Personen. In einer Demokratie geht die Macht vom Volk aus. Viele Menschen wählen Vertreter*innen, die wiederum ihre Interessen vertreten und an Entscheidungsprozessen mitwirken. In einer Diktatur ist das nicht so“, führt Yasemine weiter aus. Paul ist es nun wichtig anzumerken, dass in einer Demokratie auch nicht alle mitbestimmen dürfen und führt sich selbst als Beispiel an. Zwar lebt und arbeitet er seit vielen Jahren in Österreich, trotzdem ist er von den meisten Wahlgängen ausgeschlossen, weil er polnischer Staatsbürger ist. Maria und Beate sind entrüstet. Sie haben das zwar gewusst, aber Paul irgendwie nie mit den Auswirkungen dieser Gesetze in Verbindung gebracht. 

Wechselwirkung Gruppe – Gesellschaft

Rudi versucht das Gespräch wieder auf den Zusammenhang zwischen Gruppendynamik und Demokratie zu lenken: „Es ist wirklich spannend nachzulesen, was die Anliegen von Kurt Lewin, dem Begründer der Gruppendynamik, waren. Ihm ging es auch um die Möglichkeit der Mitsprache und nicht nur um die Steigerung von Effizienz durch das Üben von sozialen und kommunikativen Kompetenzen. Es gab zwar einen Fokus auf Organisation, aber es war ihm auch klar, dass es Wechselwirkungen zwischen den Entscheidungsfindungsprozessen und Partizipationsmöglichkeiten in Organisationen und in der Gesellschaft gibt. Es geht dabei auch um Kultur, in der beispielsweise soziale kooperative Prozesse und eine konstruktive Konfliktkultur von Wert sind.“

„Puh, das ist aber ganz schön komplex“, meint Beate, „ich hab die Verbindung zwischen der Beschäftigung mit Gruppendynamik und demokratischen Prozessen noch nicht ganz.“ Yasemine versucht zu ergänzen: „In einer Gruppe kann man sich auch anschauen, wie vorgegangen wird, um Ziele zu erreichen und das lässt Rückschlüsse auf demokratische Prozesse zu. Was braucht es? Was funktioniert gut und was ist eher hinderlich? Oder auch welche unterschiedlichen Befindlichkeiten und Anliegen gibt es? Es brauchen ja auch nicht alle dasselbe, um beispielsweise zufrieden zu sein, sich sicher zu fühlen oder auch gut arbeiten zu können. Vor allem in der Trainingsgruppe, dem Kernelement der Gruppendynamik, werden Phänomene wie Status, Normen, Autorität, Beziehungen und deren Auswirkungen auf die Dynamik der Gruppe und die einzelnen Gruppenmitglieder verstärkt erleb- und beobachtbar. Dadurch werden eben verschiedene Kompetenzen für den Umgang miteinander erworben.“

Fünf Tage im Sesselkreis

Paul: „Ich hab noch nie an einer Trainingsgruppe teilgenommen. Kann bitte jemand von euch erläutern, wie das genau abläuft? “ Rudi lacht, „Hui, da ist auf jeden Fall was los, das kann ich dir sagen. Meine letzte T-Gruppe – das ist eigentlich der gängigere Begriff – ist auch schon einige Jahre her. Aber ich hab es jedes Mal als wertvolle, wenn auch sehr anstrengende, Erfahrung empfunden. Es gibt wahrscheinlich unterschiedliche Ausformungen, aber bei den T-Gruppen, an denen ich über die Jahre teilgenommen habe, waren wir immer ungefähr zwölf Leute, die fünf Tage im Sesselkreis gesessen sind. Und dann sind natürlich Trainer*innen dabei, meistens zwei, wenn ich mich richtig erinnere. Jedenfalls sind wir da im Seminarraum gesessen, die Trainer*innen haben sich und den Zeitplan vorgestellt, also wann wir jeden Tag starten und aufhören, wann Mittagspause ist und solche Dinge, und das war’s dann mehr oder weniger auch schon von ihnen. Und was dann passiert ist, war höchst unterschiedlich.“ „Und zu welchen Themen habt ihr gearbeitet?“, fragt Paul nach. 

Gruppe erforschen

Bevor Rudi darauf antworten kann, schaltet sich Yasemine ein: „Das Thema ist die Gruppe selbst und die einzelnen Teilnehmer*innen. Sie haben praktisch die Aufgabe, sich selbst zu erforschen und dadurch zu lernen. Auch wie sie das machen, müssen sie sich selbst überlegen. Es geht um Fremd- und Selbstwahrnehmung, um das eigene Agieren in der Gruppe, auch um Annahmen über Andere, um Einfluss und Macht, um Kooperation und Allianzen, um Konkurrenz oder auch um Attraktivität. Alles was eben so auftauchen kann, wenn Menschen gemeinsam Zeit verbringen. In Freundeskreisen oder Arbeitskontexten tauchen diese Themen auch auf, nur nimmt man sich selten die Zeit, sie so intensiv zu bearbeiten, wie in einer T-Gruppe.“ Maria bringt sich nun auch mit einer Erfahrung in die Diskussion ein, die sie erst jetzt mit dem Thema in Verbindung bringt: „Ich kenne sowas Ähnliches aus einem politischen Kontext: Ich war bei einem Sensitivity Training, da sind wilde Diskussionen entbrannt, ob jetzt eine Mehrheitsentscheidung in Ordnung ist oder nicht oder ob wir einen Konsens brauchen. Aufgehängt hat sich dann alles am Begriff der Soziokratie.“ 

Beate fragt bei Maria nach, wie sie jetzt darauf gekommen ist und ob sie eine Verbindung zum Thema sieht. „Na ja“, meint Maria, „ich glaube schon, dass demokratische Prozesse sehr gut bei Entscheidungsfindungen sichtbar werden. Es geht dabei auch oft um die unterschiedlichen Möglichkeiten, die Menschen haben. Ich war beispielsweise immer eine große Anhängerin von Konsens-Entscheidungen. Ich fand es gut und sinnvoll, stundenlang, bei manchen Themen auch länger, zu diskutieren, bis alle mit einer Vorgehensweise einverstanden waren. In dieser Gruppe ist mir dann zum ersten Mal bewusst geworden, dass das aber auch an der Lebensrealität von jemandem vorbei gehen kann. Es ist eine Ressourcenfrage, ob jemand so lange diskutieren kann. Ich schließe damit also wahrscheinlich auch viele aus. Das war damals für mich eine wichtige Erkenntnis und sie war mir möglich, weil ich mich auch mit den Bedürfnissen und Anliegen der anderen Teilnehmner*innen auseinandersetzen musste.“

Das Ende ist der neue Anfang

Inzwischen ist es auf der Donauinsel schon ziemlich kühl geworden und zu kalt, um weiter am Boden zu sitzen. Yasemine versucht zusammen zu fassen: „Man kann sicher nicht jede Gruppe wie eine T-Gruppe behandeln, das wäre kontraproduktiv. Aber in so einem Setting mal das eigene Verhalten innerhalb von Gruppen zu reflektieren, ist extrem hilfreich und spannend für die eigene Entwicklung. Und eben auch aufschlussreich, wenn man sich mit Entscheidungsfindungsprozessen in demokratischen Kontexten beschäftigen will.“ Dazu können die Anderen nur zustimmend nicken. Paul und Beate haben jetzt jedenfalls auch Lust, mal an einer T-Gruppe teilzunehmen und werden von ihren Erfahrungen berichten.

Am Rückweg zur U-Bahn spricht Maria Paul an: „Sag, bei dir startet doch im September wieder ein Lehrgang. Willst du uns beim nächsten Mal berichten, wie ihr das Training mit Abstand gestaltet und trotzdem einen guten Gruppenstart hin bekommt? Ich bin da noch ein bisschen ratlos.“ Paul erklärt sich einverstanden und verspricht beim nächsten Mal von seinen Erfahrungen zu berichten.  

Autorinnen: Gerda Kolb und Irene Zavarsky

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