#demo: Demokratie – Lern und Lebensform?

demokratische Bildung
erstellt mithilfe von K.I. (DALL-E)

Wie geht demokratische Bildung?

Bei Diskussionen über den Zustand der Demokratie ertönen immer wieder Rufe nach mehr Bildung. Allerdings „sind unsere eigenen Bildungsgeschichten zumeist nicht geprägt von demokratischem Lernen“, bemerkt Lotte Kreissler. Ein Gedankenaustausch zur Frage: Was braucht es, um Bildung demokratischer zu gestalten?

„Wenn wir nicht demokratisch lernen, sinkt das Vertrauen in demokratische Prozesse und Institutionen.“ Wir erleben uns selbst nicht in demokratischen Prozessen. „Warum sollte man ihnen eigentlich vertrauen?“ fragt Lotte Kreissler, die selbst als erfahrene Pädagogin sowohl in demokratischen, als auch „gewöhnlichen“ Bildungseinrichtungen vom Kindergarten bis zur Erwachsenenbildung tätig war und ist. Die Suche nach demokratischer Bildung beginnt also beim Wissen und Bewusstsein um hierarchische Strukturen, Ausschlussmechanismen und Ungerechtigkeiten des „normalen“ Bildungssystems: Hohe Bildungsvererbung, ungleiche Machtverhältnisse bis hin zu rassistischen Praktiken, die uns im Bildungsalltag begegnen und die auch den Lehrenden oft nicht bewusst sind. Demokratisches Lernen thematisiert diese Bedingungen bewusst und „verändert das Weltbild“ aller Beteiligten – sie verlernen zum Teil Gewohntes, Eingeübtes, bislang Unhinterfragtes. Dazu eignet sich, gemeinsam Geschichten aus der bisherigen Bildungsreise der Beteiligten zu beforschen.

„Mit demokratischen Prinzipien entwickeln sich neue Lerngeschichten, die sich insofern von den alten unterscheiden, als dass man deren Ausgang nicht von vornherein kennt.“

Lotte Kreissler, Interview Jänner 2024

„Es ist paradox“

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erstellt mithilfe von K.I. (DALL-E)

Demokratische Bildung ermächtigt und bedarf gleichzeitig einer „freiwilligen Machtabgabe. Das kann manchen Menschen schon Angst machen“, betont Lotte Kreissler.

Statt belehrende Lehrende braucht es Lernbegleiter:innen auf Augenhöhe. „Als Lern- und Prozessbegleiter:innen in demokratischen Lernprozessen haben wir veränderte Rollen und Funktionen. Wir lassen uns auf einen gemeinsamen Lernprozess ein. Wir haben kompetentes Wissen über Lernprozesse und über Prozessdynamik. Wir bieten ein weites Hintergrundwissen an und stellen Zusammenhänge her. Gleichzeitig wissen wir sicher nicht in allen Bereichen mehr als die Teilnehmenden. Augenhöhe bedeutet, dass wir einander gleichwertig begegnen und voneinander lernen.“

Lernergebnisse und -prozesse sind nicht vorgegeben, stattdessen kann man sich demokratisches Lernen wie eine durch gegenseitige Neugier angetriebene Forschungsreise auf See vorstellen: „Auch das Verweilen macht Spaß, das miteinander spielen, und das Element Wasser kennen lernen. Welcher Hafen schließlich angepeilt wird, ob mit Ruder- Segel- oder Motorboot, ergibt sich oft aus dem prozesshaften Lernen, kann Einzelne unterschiedlich betreffen oder auch eine gemeinsame Gruppenentscheidung sein.“ Wenn alle Reisenden freiwillig und selbstbestimmt mit an Bord sind, kann dies gelingen. Gleichzeitig bedarf es Zeit und Energie, dass ein starkes Team entsteht, das gut mit Konflikten umgehen lernt. Damit entsteht aus gegensätzlichen Positionen nicht gleich eine bedrohliche Situation. Vielmehr werden Unterschiede als Wind in den Segeln genutzt, um die Lernreise voranzubringen.

Eine demokratische Lernkultur muss erst wachsen, gelernt und geübt werden. Das beinhaltet u.a. „gehört, wertgeschätzt und inkludiert werden; sich selbst bemerkbar machen können; anderen aktiv zuhören, sodass echtes Verständnis möglich wird; sich als wichtig und selbstwirksam erleben können, also daran glauben, dass ich mit jeweils meiner Meinung, meiner Stimme und Aktivität tatsächlich etwas verändern kann, um schließlich auch effektive Veränderungen einzuleiten. Solche Kompetenzen sind uns nicht in die Wiege gelegt“, betont Lotte Kreissler.

Außer Kontrolle…

„Der Unterschied zwischen Leiten und Begleiten ist hier bedeutsam: zwischen Gesamtkontrolle und überblickender Begleitung auf Inhalts- und Methodenebene.“ Wollen wir als Pädagog:innen immer die Kontrolle über das Lerngeschehen behalten, werden „echte demokratische Prozesse automatisch als störend empfunden und unweigerlich gebremst oder verunmöglicht… Wenn wir uns auf einen partizipativen Prozess einlassen wollen, dann werden wir in unserer Funktion Vorschläge und Einladungen aussprechen, Begründungen und Argumente liefern, Diskussionsprozesse einleiten, zulassen und selbst moderieren oder rotierende Moderationsfunktionen vergeben oder wählen. Wir werden Wünsche und Lernbedürfnisse aufgreifen, werden explizit Lernfragen zu Beginn des Prozesses sowie auch währenddessen herausfinden, nachfragen und ernst nehmen, werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede, sowie Entscheidungsprozesse in der Gruppe deutlich machen, begleiten und die schrittweise Selbstorganisation von Individuen und der Gruppe anregen und stärken.“

Lotte Kreissler, Interview im Jänner 2024

Die Pädagog:innen machen die Rahmenbedingungen für den Lernprozess für alle transparent und bieten Möglichkeiten für (auch anonyme) Rückmeldungen an verschiedenen Punkten im Prozess an. So leben Pädagog:innen und Bildungseinrichtungen vor, dass gemeinsam getroffene Entscheidungen echte Vereinbarungen und damit auch für alle verbindlich sind.

„Weil der Mensch in Wirklichkeit ganzheitlich lernt.“

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erstellt mithilfe von K.I. (DALL-E)

Klingt das schwierig, mühsam, vielleicht sogar beängstigend? Dann lohnt es sich, diesen Emotionen auf den Grund zu gehen. Demokratisches Lernen ist ganzheitliches Lernen aller Beteiligten. Und ja: Lehrende dürfen auch unsicher sein. Durch eine vielfältige Methodenwahl sprechen wir die unterschiedlichen Facetten der Gruppen, Persönlichkeiten, Emotionen, Wissen und Fähigkeiten an: Aufstellungen machen Unterschiede und Gemeinsamkeiten sicht- und besprechbar. Ein stummer Dialog schafft vielleicht Raum für jene, die bei einem Rollenspiel oder körperorientierten Methoden zurückhaltend bleiben. Der Austausch über die eigenen Lerngeschichten bietet nicht nur tiefe Einsichten über Bildungs- und Arbeitswelt, sondern ermöglicht auch gegenseitige Unterstützung in der Gruppe, um Lernbarrieren zu überwinden.

„Das Wichtigste an solchen Methoden ist stets die gemeinsame ausführliche Reflexion dessen, was da hochkommt. Dazu braucht es Zeit und einen geschützten Raum für alle, um Themen anzusprechen. Dadurch kann man sich tiefergehend mit anderen Positionen und Menschen auseinandersetzen und letztlich ein echtes Verständnis für die erlebte Vielfalt und für unterschiedliche Voraussetzungen und Herangehensweisen entwickeln, im Sinne eines echten Verstehens,“ erzählt Lotte Kreissler aus eigener Erfahrung.

Der Artikel und die darin enthaltenen Zitate basieren auf einem mündlichen und schriftlichen Gedankenaustausch mit Lotte Kreissler vom Jänner 2024.

Am nächsten „demokratischen Montag“…

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…widmet sich das Team von Sapere Aude der europapolitischen Demokratiebildung anlässlich der im Juni stattfindenden Wahlen zum Parlament der Europäischen Union.

Autor: Philip Taucher im Austausch mit Lotte Kreissler

Weiterführende Links:

  • Buchtipp: David Gribble (2016): Überlebensschule. Ausgegrenzte Kinder lernen in Freiheit – aus dem Englischen übersetzt von Lotte Kreissler. kritik & utopie. mandelbaum Verlag

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