Inklusiver Lernraum durch leicht verständliche Sprache und didaktische Reduktion
25.-27. Februar 2026
Trainerinnen: Helga Mock & Nicola Sekler
Ziel des Seminars war es, zwei für die gewerkschaftliche Erwachsenenbildung (zunehmend) wichtige Themen zu verbinden: Welche Grundprinzipien sind für die Gestaltung von inklusiven Lernräumen wichtig (Didaktik) & wie kann ich mit den Regeln leicht verständlicher Sprache zusätzlich dafür sorgen, Bildungsangebote noch barriereärmer zu gestalten. Anlässe gibt es genug in der gewerkschaftlichen Erwachenenbildung: Zusätzlich zur Heterogenität von Interessen, Vorerfahrungen & Fähigkeiten haben wir zunehmend Teilnehmer:innen mit wenig Zeit und viel im Kopf, kurzen Aufmerksamkeitsspannen, mit anderen Erstsprachen und geringerer Lese- und Verständniskompetenz. Mit viel Input ausgestattet haben die Teilnehmer:innen nicht nur selbst an einem Glossar weitergestrickt, sondern in Werkstätten direkt an ihren mitgebrachten Projekten gearbeitet.
Von Treppen & Brücken – die Fundamentlegung
Durch das Seminar haben uns zwei Bauwerke begleitet:
Im Modell der Hildesheimer Treppe wird dargestellt, dass eine Vielzahl an Schritten notwendig ist, um einen Text bzw. Gesagtes zu verstehen (nach Christiane Maaß und Isabell Rink, Forschungsstelle Leichte Sprache der Uni Hildesheim).

Geschriebene und gesprochene Sprache müssen für die Nutzer:innen zu finden sein, verständlich sein und können dann erst mit vorhandenem Wissen sowie Erfahrungen verknüpft werden. Sind die neuen Informationen für die Nutzer:innen akzeptabel (mit eigenen Werten und Vorstellungen vereinbar), können sie zur Grundlage für Handlungen werden.
Ziel wäre es, dass Nutzer:innen die einzelnen Stufen in möglichst kurzer Zeit und ohne zu großen Einsatz von Energie gehen zu können. Das Bild der Treppe verwandelt sich im besten Fall in eine angenehm zu begehende/befahrende Rampe.

Für die Didaktik wiederum wird manchmal das Bild der Brücke verwendet. Die Brücke verbindet den Inhalt mit der Zielgruppe und dazwischen liegen die Grundfragen: Was genau sollen meine Teilnehmer:innen danach (anders) machen? Wie bringe ich die Inhalte so „rüber“, dass die Teilnehmer:innen sie wirklich verstehen und nutzen können. Die 5 W`s, die häufig auch als Schema benutzt werden, um ein Thema zu analysieren, sind also auch hier entscheidend: Was soll warum & wozu an wen genau & wie vermittelt werden…
Die Verknüpfung der beiden Bauwerke?
Ziel gewerkschaftlicher Erwachsenenbildung ist es, Menschen in die Handlungsfähigkeit zu bringen. Das schaffen wir nur, wenn wir Inhalte didaktisch so aufbereiten, dass die Teilnehmer:innen die Inhalte mit ihren Erfahrungen verknüpfen können (Stufe 3), sich mit ihnen identifizieren (Stufe 4) und dann motiviert sind und ins Tun kommen (Stufe 5). Eine Zauberei: Aus der Treppe wird die Rampe (möglichst barrierefrei) & die führt als Brücke vom Inhalt zum Handeln ;-).
Gestaltung inklusiver Lernräume

Für die Gestaltung inklusiver Lernräume haben wir uns auf 6 Bereiche fokussiert:
- Klarheit & Struktur im Aufbau der Lerneinheit
- Fokus & reduzierte Komplexität bei den Inhalten
- Orientierung an der Praxis
- Praxistransfer als durchgehendes Prinzip, d.h. im Tun und in der kleinen und großen Verschränkung von neuem Wissen & eigener Praxis
- eine variantenreiche Auswahl an Methoden, die unterschiedliche Lerntypen bedient
- mehrere Kanäle & Sinne bedienen
Beispiel 1: „Ziele, Ziele, Ziele“
„Warum mache ich was wann?“ Das ist der wichtigste & zentrale Schritt der Didaktik –
das gilt sowohl für die Gesamtstruktur eines Seminars als auch für jede Einheit. Hilfreich in dieser Logik ist, dass ich im TRIO arbeite: Thema, Ziel & Methode. Beachtet ihr die Reihenfolge, ist eine zielsicherer Landung der Inhalte garantiert ;-). Wenn ich selbst als Trainer:in/Referent:in diese Logik verfolge, ist es nicht schwer, sie auch für die Teilnehmer:innen transparent zu machen: „Jetzt kommt der nächste Schritt, den machen wir weil….“ und schon biete ich Orientierung für Lernende, die sich damit leichter tun.


Beispiel 2: spielerisch Inhalte in Struktur gießen
Von den Munterrichtsmethoden abgeschaut haben wir die Methode „Karten legen“ ausprobiert – vielleicht magst du gleich mitmachen? Falte ein Blatt Papier 3mal (8 Felder) oder 4mal (16 Felder); beschrifte jedes Feld (wild & frei) mit einem wichtigen Begriff zu einem von dir ausgesuchten Thema; zerreiße/-schneide das Blatt an den Faltlinien, nun liegen die 8-16 Begriffe frei vor dir; versuche jetzt, sie in eine Struktur und Logik zu bringen – z.B. clustern, in eine Mindmap oder in eine Reihenfolge.
Diese Methode ist ein Wunderwuzzi:
- Du selbst kannst damit Inhalte auf das Wesentliche bringen, ein Thema zu strukturieren (für Input) oder aber auch ein Grobdesign für eine Lerneinheit erstellen.
- In Seminaren kannst du sie aber auch einsetzen, dass die Teilnehmer:innen die Inhalte wiederholen – ein wichtiges Element für inklusive Lernräume – und in ein für sie stimmiges Bild bringen.
Prinzipien leicht verständlicher Sprache
Barrierefreie Kommunikation ist vielfältig und beinhaltet verschiedene Kommunikationshilfen: von Schriftdolmetschen und Gebärdensprache über das Lormen und Simultandolmetschen in leicht verständliche Sprache bis hin zu bildgestützter Kommunikation. Im Seminar war der Fokus auf die leicht verständliche Sprache gerichtet, welche die Sprachniveaus Leichte Sprache und Einfache Sprache umfasst. Die Leichte Sprache als basalstes Sprachniveau entspricht dem Niveau A1-A2 nach dem Europäischen Referenzrahmen GER, die Einfache Sprache dem Niveau B1. Damit erreichen die beiden Sprachniveaus unterschiedliche Zielgruppen und Ansprüche. Die beiden Sprachniveaus unterscheiden sich in ihren Regelwerken auf der Wort-, Satz- und Textebene und haben doch zugleich viele Prinzipien gemein.
Wir haben uns auf wesentliche Prinzipien konzentriert, die unsere Sprache sowie unsere Texte vereinfachen können. Sie lassen sich in 4 Bereiche unterteilen: 1. die Ebene der Worte, 2. die Ebene der Sätze, 3. die Ebene des Gesamttextes und 4. die Gestaltung.

Ein Beispiel zur Vereinfachung bei Wörtern
Immer wieder und durchgehend einen Begriff zu verwenden fällt uns nicht leicht. Die eigene Bildungssozialisation steht uns dabei oft im Weg. Wollen wir jedoch so einfach wie möglich sein, verzichten wir auf Synonyme und wählen jeweils den einfachsten Begriff und verwenden diesen – durchaus auch in redundanter Form – im gesamten Text oder Input.
Ein Beispiel zur Vereinfachung bei Sätzen
Wer Passivsätze in Aktivsätze verwandeln will, sucht oft im ersten Schritt nach Handlungsträger:innen. Will ich den Satz „Der Hund wird gefüttert.“ in einen leicht verständlicheren Aktivsatz umwandeln, muss ich auf die Suche gehen, wer den Hund füttert. Mit dieser Information gelingt mir Vereinfachung und der Satz lautet dann beispielsweise: „Klara füttert den Hund.“


Ein Beispiel zur Vereinfachung von Texten
Wer große Textmengen leicht verständlich machen will, schaut zu Beginn den Text in seiner Gesamtheit an und überlegt, wie die Reihenfolge der Inhalte gut nachvollziehbar ist und strukturiert den Text mittels Kapitel und Zwischenüberschriften. Damit gibt es für Nutzer:innen Orientierungspunkte für ein besseres Verständnis.
Ein Beispiel zur Vereinfachung in der Gestaltung
Text mit Bild zu kombinieren ist eine gute Möglichkeit, um besser zu verstehen und zu erinnern. Die Bilder müssen – wie der Text – leicht verständlich sein: auf das Wesentliche reduziert, eindeutig und klar. Illustrator:innen haben sich in den vergangen Jahren auf die Gestaltung solcher Bilder spezialisiert und bieten in entsprechenden Bilddatenbanken Illustrationen und Piktogramme an, die zusätzlich von Menschen aus der Zielgruppe geprüft wurden.

Mediopunkt und Bindestriche als Lesehilfen
Das Deutsche ist geprägt von zusammengesetzten Hauptwörtern, sogenannten Komposita, die oft schwer zu lesen und zu verstehen sind, zum Beispiel PUNKTRICHTER. In der Leichten Sprache ist es möglich einen Mediopunkt als Lesehilfe einzusetzen: Punkt·richter. Damit ist es für Leser:innen das Lesen und Verstehen vereinfacht. In der Einfachen Sprache können Bindestriche für Komposita verwendet werden. Ist es also nicht möglich auf der Wortebene das zusammengesetzte Wort zu ersetzen, kann ein Sonder- bzw. Satzzeichen das Verstehen unterstützen.
Was uns quer durchs Seminar beschäftigt hat…
Reduktion oder Fokussierung?
Unter didaktischer Reduktion wird grundsätzlich eine strukturelle, inhaltliche und methodische Reduktion sowie eine stärkere Orientierung an der Praxis verstanden. Gemeinsam mit den Teilnehmer:innen haben wir festgestellt, dass der Begriff „didaktische Reduktion“ auch irreführend sein kann. Statt um Streichen geht es vielmehr um das Herausarbeiten des Kerns, um Fokussierung & Klarheit – für mich als Trainer:in/Referent:in oder auch Textschreiber:in, und im nächsten Schritt dann für mein „Publikum“. Im Falle der methodischen Reduktion wirds dann ganz schräg, denn – unterschiedliche Lerntypen vor Augen – geht es hier eigentlich eher darum, mit unterschiedlichen und vielfältigen Methoden zu arbeiten.
Das Glossar als roter Faden durch das Seminar
Einfache Erklärungen zu formulieren und in Texten oder gesprochener Sprache anzubieten, erleichtert das Verständnis. Im Rahmen des Seminars füllte sich ein Wand-Glossar mit zentralen Begriffen der drei Seminartage – einige Erklärungen erwarteten die Teilnmehmer:innen bereits zu Seminarbeginn. Weitere Glossareinträge entstanden im Rahmen des Seminars – die Teilnehmer:innen entwickelten Erklärungen für schwierige Begriffe – mit und ohne Hilfe von KI-Tools. Im nächsten Schritt haben Kolleg:innen die Erklärungen lektoriert und gegengelesen. Das KI-Tool „WORTLIGA“ hat abschließend in der Einordnung des Sprachniveaus geholfen.
So füllte sich das Wand-Glossar bis zum Abschluss des Seminars.








Weiterführende Links
- Forschungsstelle Leichte Sprache, Uni Hildesheim (Fortbildungen): https://www.uni-hildesheim.de/fb3/institute/institut-fuer-uebersetzungswiss-fachkommunikation/forschung/forschungseinheiten-des-instituts/leichtesprache/
- Capito Österreich (Fortbildungen): https://www.capito.eu/
- Lebenshilfe Bremen (Bilddatenbank und Fortbildungen): https://leichte-sprache.de/kurse/kurse-bei-uns/
- Inga Kramer (Illustratorin für Leichte Bilder): https://ingakramer.de/
- Büro OKAY (Übersetzungsbüro und Fortbildungen):https://www.lebenshilfe.it/okay

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