Nach den ersten beiden ISOTYPE-Beiträgen (der Einführung und geschichtlichen Einordnung von ISOTYPE) wendet sich dieser dritte Artikel aus der Serie ISOTYPE einer zentralen Praxisfrage zu: Woran erkennen wir eigentlich ein gutes Bildungsbild?
Gerade in einer Zeit, in der visuelle Inhalte allgegenwärtig sind, lohnt sich der Blick zurück auf ISOTYPE (International System of Typographic Picture Education) – nicht aus Nostalgie, sondern weil dort Maßstäbe entwickelt wurden, die bis heute erstaunlich aktuell geblieben sind.
Begriffsklärung: Symbol, Illustration oder Diagramm?
Bevor wir in die Details einsteigen, eine kurze Begriffsklärung, damit wir im Folgenden vom Gleichen sprechen bzw. an das Gleiche denken, wenn ich folgende Wörter verwende:
- Symbol
Ein Symbol steht für etwas Abstraktes (z. B. eine Figur für „Arbeitnehmer:in“). Es ist reduziert, wiederholbar und kontextunabhängig (das heißt, es kann in verschiedenen Zusammenhängen genutzt werden). - Illustration
Illustrationen erzählen, emotionalisieren und konkretisieren. Sie eignen sich hervorragend für Einstiege oder Atmosphären – aber weniger für präzise Vergleiche. Im Vergleich zu Symbolen sind Illustrationen konkreter und detaillierter. - Diagramm
Diagramme zeigen Verhältnisse, Entwicklungen und Mengen. In ISOTYPE werden sie durch Symbole erweitert, um abstrakte Zahlen greifbarer zu machen.
Prinzipien guter Gestaltung nach ISOTYPE
Für das ISOTYPE-Team war ein Bildungsbild kein Schmuck, sondern ein Werkzeug des Denkens. Entsprechend klar waren die gestalterischen Prinzipien:
Reduktion ohne Bedeutungsverlust
Alles, was nicht zur Aussage beiträgt, wird weggelassen. Reduktion ist kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für Verständlichkeit.
Tipp: „Vereinfache deine Darstellung auf das Wesentliche. Reduziere die Anzahl der Schriftarten, die Farben, und die Symbole. Überlege, wo man Dinge zusammenfassen oder Gruppieren kann.“
Standardisierung statt Individualisierung
Gleiche Inhalte werden mit gleichen Zeichen dargestellt. Verzichte auf willkürliche stilistische Variationen.
Tipp: „Schaffe dir ein Set an Symbolen, das du für dein Thema nutzen kannst und verwende diese Symbole konsequent immer für die gleichen Inhalte. Verändere die Symbole nur, wenn sich auch der Inhalt ändert.“
Vergleichbarkeit vor Dramatik
Bilder sollen Vergleiche ermöglichen, nicht Emotionen überzeichnen. Maßstab, Proportion und Wiederholung sind entscheidend, um ein schnelles Lesen und Verstehen zu gewährleisten.
Tipp: „Ordne die Elemente so an, dass Gruppen einfach miteinander verglichen werden können. Beschrifte die Daten. Verzerre Inhalte nicht durch das Verändern von Proportionen.“
Verständnis auf mehreren Ebenen
Ein gutes ISOTYPE-Bild funktioniert auf den ersten Blick und gibt auf den zweiten und dritten Blick zusätzliche Informationen preis, ohne zu überfordern. An dem Schaubild „Säuglingssterblichkeit und soziale Lage in Wien“ lässt sich das Prinzip der mehreren Ebenen des Verstehens besonders gut erkennen.
Auf den ersten Blick wird klar, dass die Säuglingssterblichkeit sinkt (weniger Särge 1925-29 als 1901-05). Auf den zweiten Blick erschließt sich der Zusammenhang mit sozialen Faktoren (der Rückgang ist stärker und die Gesamtzahl der Toten Säuglinge ist geringer im 8. als im 16. Bezirk). Erst auf dem dritten Blick (bei mir zugegeben erst beim Lesen des Begleittextes) erkennt man, dass vielleicht auch die Wohnungsgröße und die Lichtverhältnisse (im Hintergrund angedeutet) eine Rolle spielen.

Eine bewusste Entscheidung
Diese Prinzipien machen deutlich: Gute Bildungsbilder entstehen nicht durch „schönes Zeichnen“, sondern durch strukturierte Entscheidungen. Eine einmal gut überlegte Struktur kann (und soll sogar) wiederverwendet werden. So können nicht nur schneller und einfacher neue Schaubilder generiert werden, sondern auch die Betrachter:innen lernen, wie die Bilder zu lesen sind und können sich schneller orientieren.
Zu Otto Neuraths Zeiten war die Produktion der Bildtafeln ein kollektiver (und aufwändiger) Prozess. Im Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum gab es Statistiker:innen, Historiker:innen, Kartograf:innen, Buchbinder:innen, Fotograf:innen, Grafiker:innen, Architekt:innen und andere Spezialist:innen, die ihre jeweilige Expertise einbrachten und gemeinsam an den Darstellungen arbeiteten. (1)


Heutzutage ist das Herstellen von Bildungsbildern durch die digitalen Möglichkeiten deutlich leichter geworden. Dies spart uns viel Zeit, birgt aber auch den Nachteil, dass wir „schnell mal etwas zusammenklicken“, ohne uns allzu viele Gedanken zu machen, was wir da für wen aufbereiten wollen. Auch der interdisziplinäre Austausch ist nicht mehr zwingend erforderlich, da man sich die benötigten Informationen und Tools selbst am Computer zusammensuchen kann. Oft ist aber gerade dieses Gespräch mit Personen aus anderen Disziplinen besonders bereichernd und öffnet neue Zugänge zu einem selbst bekannten Inhalt.
Gute Bildungsbilder als Haltung
ISOTYPE zeigt: Ein gutes Bildungsbild ist kein Zufallsprodukt. Es entsteht aus einer Haltung, die Bildung ernst nimmt – als Voraussetzung für Teilhabe, Diskussion und demokratische Mündigkeit.
Für heutige Bildungsarbeit bedeutet das: Nicht jedes visuell ansprechende Bild ist ein gutes Bildungsbild. Aber jedes gute Bildungsbild ist das Ergebnis bewusster gestalterischer, inhaltlicher und ethischer Entscheidungen.
Autorin: Lana Lauren
Quellen
- (1) Gernot Waldner (Hg.), mandelbaum Verlag – „DIE KONTUREN DER WELT – Geschichte und Gegenwart visueller Bildung nach Otto Neurath“ (2021)
- (2) Fotomaterial zur Verfügung gestellt vom Wien Museum
- (3) Foto © Lana Lauren, Ausstellung „WISSEN FÜR ALLE: ISOTYPE – die Bildsprache aus Wien“ im Wien Museum mit freundlicher Genehmigung des Museums
- (4) Foto © Lana Lauren, Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum Feb 2025
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