#dimi_03: Lernen

Was geht da vor und wie wir es beeinflussen können

  • Was passiert eigentlich beim Lernen?
  • Welche Voraussetzung bringen Lernende mit?
  • Wie können wir als Trainer*innen konkret Lernen ermöglichen?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich der #dimi_03.

Wenn wir die Aufgabe als Trainer*in oder Referent*in als Ermöglichen von Lernen verstehen, dann ist es sinnvoll, darüber Bescheid zu wissen, was beim Lernen passiert und wie wir als Trainer*innen dazu beitragen können, dass dieses auch gelingt.

Was passiert eigentlich beim Lernen?

Lernen ist wie Atmen. Es beginnt in dem Moment, in dem wir das Licht der Welt erblicken und geht bis ins hohe Alter weiter. Der Spruch: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr,“ hat sich laut vieler Studien der Gehirnforschung als Mythos erwiesen. Unser Gehirn ist wesentlich lernfähiger als vielfach angenommen. Lernen kann ganz allgemein als Prozess der Aneignung beschrieben werden. Wir setzen uns laufend mit unserer Umwelt auseinander, z.B. indem wir in Beruf und Freizeit verschiedenste Aufgaben erfüllen. Um diese Aufgaben erfolgreich erledigen zu können, eignen wir uns laufend Fähigkeiten und Wissen an und lernen dabei Tag für Tag. Mehr dazu kannst du im #thedi_01 nachlesen.

In den meisten Alltagssituationen nehmen wir das Lernen nicht bewusst wahr. Können wir eine Aufgabe oder ein Problem nicht lösen, probieren wir meist aus dem Bauch heraus unterschiedliche Wege aus, bis wir zu einer erfolgreichen Lösung kommen. Diese Art von Lernen können wir auch an Kindern beobachten. Es ist die ureigenste Art zu lernen. Wir können es auch als erfahrungsorientiertes Lernen bezeichnen. Darüber erzähle ich noch mehr in #dimi_11.

Lernen findet in informellen und formellen Lernsettings statt.

Alltagssituationen, die nicht spezifisch als Lernsituationen ausgewiesen sind, werden als informell bezeichnet. Laut Studien finden etwa 75-80% der Lernerfahrungen über die gesamte Lebensspanne im informellen und nur 20- 25% im formellen Setting, bspw. einer Fortbildung, statt.

Diese Zahlen zeigen, dass wir das informell erworbene Wissen auf keinen Fall unterschätzen und auch im formellen Lernsetting bestmöglich nutzen sollen. Was das konkret heißen kann, erkläre ich etwas später.

Lernen braucht Irritation.

Immer dann, wenn das bestehende Wissen oder die eingeschweißte Erfahrung in Frage gestellt wird, öffnet sich ein Fenster zum Lernen. Diese Einsicht aus der Lernforschung kann für uns Trainer*innen hilfreich sein.

Es geht darum, die richtige Dosis zwischen Anknüpfen an bestehendes Wissen und der Herausforderung zum Weiterlernen zu schaffen. Irritationen aktivieren das Gehirn der Lernenden und schaffen Lernbereitschaft. Dies bildet die Grundlage, dass Lernen überhaupt stattfindet. Holzkamp verweist auf den berühmten Lehr-Lern-Kurzschluss: „Wo gelehrt wird, wird nicht automatisch gelernt.“ Lernen startet also immer beim Lernenden selbst und kann nur bedingt von der Seite der Trainer*innen in Gang gesetzt werden. Mit diesem Grundgedanken befasst sich die subjektwissenschaftliche Richtung der Lernforschung sowie das transformative Lernen.

Erwachsenes Lernen = Anschlusslernen.

Die Art, wie Erwachsene lernen, unterscheidet sich in einem Aspekt wesentlich vom Lernen von Kindern. Erwachsene verfügen – insbesondere, wenn es sich um Lernen im beruflichen Kontext handelt – über einen reichen Erfahrungsschatz.

Ihr Wissen hat eine gewisse Struktur angenommen und wird als Wissenslandkarte in ihrem Gehirn abgebildet. Neues Wissen, neue Eindrücke, neue Erfahrungen werden somit immer mit dem bestehenden Erfahrungsschatz abgeglichen. Dieses kann gleichzeitig als Chance und Potential, aber auch als Gefahr wahrgenommen werden.

Erwachsene Lernende stellen sich Fragen wie: Kann das stimmen? Heißt das, wie ich es bis jetzt getan habe, ist es falsch? Oder: Aha, jetzt verstehe ich, warum ich an diesem Punkt angestanden bin. Als Trainer*in ist es wichtig, diese Aspekte mitzudenken.

Welche Voraussetzung bringen Lernende mit? Welche Faktoren beeinflussen das Lernen?

Lernende bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit, die Lernen positiv beeinflussen oder erschweren. Erfahrungen, die Personen mit Lernen gemacht haben, beeinflussen, wie gut sie sich auf Lernsituationen einstellen können. Eine interessante Auseinandersetzung zum Thema Lernvoraussetzung findest du hier.

Lernen gelingt leicht, wenn dieses in einer angenehmen und unterstützenden Atmosphäre stattfindet. Begeisterung und positive Emotionen sind wie Dünger für’s Lernen. Stress hingegen verhindert Lernen bzw. führt dazu, dass das Gelernte nicht abgespeichert werden kann. Hier könnte man jedoch sagen: „Die Dosis macht das Gift.“

Lernzonenmodell

Ein gesundes Maß an Stress fördert die Lernbereitschaft, kippt die Herausforderung jedoch in Panik, schließt sich das Fenster der Aufnahmefähigkeit mitunter sehr schnell.
Lernen ist ein subjektiver Prozess. Wo die Komfortzone in die Lernzone übergeht und wo die Panikzone beginnt, ist von Teilnehmer*in zu Teilnehmer*in verschieden und hängt ab auch von der Sicherheit, die ein Lernsetting mit sich bringt.
Das Lernzonenmodell beschreibt diese Dynamik sehr plakativ.

Wie können wir als Trainer*innen konkret Lernen ermöglichen?

  1. Anschlusslernen ermöglichen: Je mehr wir über das Vorwissen und die Lernvoraussetzungen unserer Teilnehmer*innen wissen, desto besser können wir darauf eingehen und unser didaktisches Handeln darauf abstimmen. Das bedeutet einerseits, den Erfahrungen Raum zu geben, z.B. indem das Einbringen und der Austausch ermöglicht wird. Andererseits geht es auch darum, die Frage der Praxisrelevanz, der Nutzbarkeit und Anwendung nach dem Seminar ständig am Schirm zu halten.
  2. Sichere Lernbedingungen schaffen: Lernen ist ein sozialer Prozess. Für uns als Trainer*innen heißt das, dass die Gruppe wesentlich dazu beiträgt, dass Lernen gelingen kann. Das fruchtbare Miteinander entsteht nicht von selbst. Diesen sicheren Rahmen zu schaffen, ist eine wesentliche Aufgabe von uns Trainer*innen. Mehr zum Thema „Soziales Lernen“ gibt’s in #dimi_08.
  3. Weniger ist mehr: Geht es um die Vermittlung von Wissen, geraten gerade Fachexpert*innen oft in das Dilemma, viel Wissen in wenig Zeit vermitteln zu wollen. Hier ist es wichtig, mutig die Schere anzusetzen und sich auf das Schaffen von Überblickswissen zu fokussieren. Informationsüberflutung führt zur Überforderung und verhindert Lernen. Erst wenn die Lernenden ihre eigene Wissenslandkarte klar haben, sind sie aufnahmebereit für die inhaltlichen Tiefenbohrungen.

Autorin: Margret Steixner

Lust zum Weiterlernen?

  • Allespach, Martin; Meyer, Hilbert; Wentzel, Lothar (2017): Politische Erwachsenenbildung. Ein subjektwissenschaftlicher Zugang am Beispiel der Gewerkschaften. 2. Auflage. Marburg: Schüren.
  • Grotlüschen, Anke (2004): Expansives Lernen: Chancen und Grenzen Subjektwissenschaftlicher Lerntheorie. Hier als PDF downloadbar.
  • Hackl Wilfried; Friesenbichler, Bianca (2011): Wie lernen Erwachsene? Neuere wissenschaftliche Erkenntnisse der Andragogik. Institut EDUCON. Hier als PDF downloadbar.
  • Hüther, Gerald (2016): Mit Freude lernen – ein Leben lang. Weshalb wir ein neues Verständnis vom Lernen brauchen. Sieben Thesen zu einem erweiterten Lernbegriff und eine Auswahl von Beiträgen zur Untermauerung. 1st ed. Gottingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Zürcher, Reinhard (2007): Informelles Lernen und der Erwerb von Kompetenzen. Theoretische, didaktische und politische Aspekte. In: Materialien zur Erwachsenenbildung (2). Hier online verfügbar.

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