#mm: Wie im richtigen Leben

icon_#mmZiel
**Diskriminierung im Alltag sichtbar machen
**alltägliche Situationen aus der Position einer anderen Person erleben
**Sensibilisierung, Selbstreflexion anregen

Kurzbeschreibung
Die Methode „Wie im richtigen Leben“ macht Benachteiligung in ganz unterschiedlichen Bereichen des Lebens anschaulich. Die TeilnehmerInnen schlüpfen hierbei in vorgegebene Rollen und erleben, wie bestimmte Attribute und Zuschreibungen (wie Geschlecht, Herkunft, Alter, Bildungserfahrung, etc.) ihre Entfaltungsmöglichkeiten beeinflussen – stärken, einschränken oder sogar gesellschaftliche Sanktionen nach sich ziehen.

Ablauf
Alle TN stellen sich nebeneinander auf, erhalten pro Person eine Rollenkarte und drei Minuten Zeit, um Verständnisfragen zu klären und sich innerlich auf die Rolle einzustellen. Die TrainerInnen erläutern, dass sie gleich eine Reihe von Fragen stellen werden, bei der sich die TN jeweils überlegen, ob sie diese entsprechend ihrer Rolle mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten werden. Bei „Ja“ machen sie einen deutlichen Schritt vorwärts, während sie bei „Nein“ stehen bleiben. Dabei steht zunächst die eigene Einschätzung im Vordergrund und nicht die sachliche Richtigkeit. Im Anschluss an den ersten Durchgang werden einige TN befragt, warum sie nach vorne gegangen sind bzw. warum sie stehen geblieben sind. Es werden nicht immer alle TN befragt, aber nach den ersten vier Fragen sollten alle einmal an der Reihe gewesen sein. Die TN sollten jeweils bei der ersten Befragung sagen, welche Rolle sie verkörpern.

(mögliche) Rollenkarten:

  • Daniel Kretschmann 39; heterosexuell; 3 Kinder; verheiratet; Vorstandsvorsitzender; Frau nicht berufstätig
  • Susanne Hergenrot 35; heterosexuell; 2 Kinder; verheiratet; Vollzeitstelle in einer Werbeagentur; Mann ganztägig berufstätig
  • Helmut Kofler 40; heterosexuell; verheiratet; 4 Kinder; Grundschullehrer; Frau_ berufstätig
  • Süngül Sezgin 31; heterosexuell; nicht verheiratet; 1 Kind; Ingenieurin; Lebensgefährte ebenfalls berufstätig
  • Christian Ziegler 29; heterosexuell; verheiratet; 2 Kinder; Teilzeitjob als Maler; Frau ist geringfügig beschäftigt; Kindergarten-Platz kostet 260 Euro pro Kind und Monat
  • Marisa Mekablera 25; heterosexuell; ledig, ohne Ausbildung; jobbt im Schnellrestaurant
  • Henriette Wagner 27; lesbisch, gemeinsame Wohnung mit Lebensgefährtin; wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni (20 h/Woche)
  • Teribur Okenga 17; heterosexuell, ledig; asylsuchend; kein Schulabschluss; keine Arbeitsgenehmigung
  • Fabian Mayer 20; schwul; Azubi zum Zimmermann; Freund kommt aus Ghana
  • Janis Winkler 22; bisexuell; ledig; alleinerziehende Mutter; 2 Kinder; nach Ausbildung ohne Arbeit
  • Mario Kähler 30; heterosexuell; ledig; heroinabhängig; ohne festen Wohnsitz
  • Verena Leitner 37; heterosexuell, ledig; nach Unfall querschnittsgelähmt; keine Arbeit; 2 Ausbildungen (Bürokauffrau, Steuerfachangestellte)
  • Marion Reiter 75; bisexuell; verwitwet; Rentnerin
  • Theodor Strasser 82; heterosexuell; verheiratet; Rentner; Frau war nie berufstätig
  • Fjodor Pjotrowski 55; heterosexuell; verheiratet; arbeitslos; Frau arbeitet als Reinigungskraft für 400 Euro; Aussiedler aus der Ukraine
  • Mira Schneider 19; heterosexuell; Abiturientin; will Psychologie studieren; möchte heiraten und Kinder bekommen und berufstätig bleiben

Es ist natürlich auch möglich, andere Rollenkarten einzusetzen. Je nach Zusammensetzung des Seminars bieten sich unterschiedliche Variationen an. Besonders eindrucksvoll ist die Methode, wenn mindestens eine Rollenkarte gibt, die der Mehrheit des Seminars entspricht (z.B. MetalltechnikerIn oder Industriekauffrau in Seminaren mit vielen TeilnehmerInnen aus der Metallbranche).

Mögliche Fragen:

  • Kannst du dich frei bewegen, z. B. spontan einen Ausflug machen oder auch verreisen? (Freizügigkeit)
  • Hast du zumindest so viel Geld zum Leben, dass du die allerwichtigsten Dinge wie Lebensmittel etc. bezahlen kannst? (Materielle Grundsicherung)
  • Kannst du dich auf der Straße bewegen, ohne von der Polizei nach deinem Ausweis bzw. deiner Aufenthaltsgenehmigung gefragt zu werden? (Rassismuserfahrungen)
  • Hast du eine Unterkunft, einen Ort, wo du bleiben kannst? (Wohnen)
  • Hast du Arbeit oder Beschäftigung, die dich ausfüllt und wo du von anderen anerkannt wirst? (Arbeit)
  • Bist du krankenversichert, kannst du jederzeit medizinische Hilfe bekommen? (Gesundheitsschutz)
  • Könntest du mit einem/einer Geliebten Hand in Hand die Straße entlang gehen, ohne negative Reaktionen befürchten zu müssen? (Sichtbarkeit/Anerkennung)
  • Kannst du nachts ohne Angst allein spazieren gehen? (Gefühl persönlicher Sicherheit)
  • Darfst du bei der nächsten Wahl mit abstimmen und gewählt werden? (Politische Partizipation)
  • Kannst du, wenn dir etwas passiert, die Polizei um Hilfe rufen, ohne Angst haben zu müssen, dass du von den Polizisten schlecht behandelt wirst? (Staatlicher Schutz)
  • Geben Fernsehen und Zeitschriften ein (einigermaßen) zufriedenstellendes, differenziertes Bild von dem Leben, das Menschen wie du führen? (Mediale Repräsentationen)
  • Kannst du in deiner freien Zeit tun und lassen, was du willst (d. h. dass du nicht eingeschränkt wirst durch Sorgepflichten gegenüber anderen)? (Verpflichtungen)
  • Hast du eine Person, die dir den Rücken frei hält und dir alltägliche Verpflichtungen abnimmt? (Unterstützung)
  • Könntest du, falls du Lust hast, einfach mal einen Tag lang shoppen gehen? (Wohlstand/ Luxus)
  • Hast du Zugang zu Bildungsangeboten und anderen Möglichkeiten, dein Wissen und deine Fertigkeiten weiter zu entwickeln? (Bildung)
  • Kannst du beruflich Karriere machen, weil dein Partner bzw. deine Partnerin sich zu Hause um alles kümmert? (Unterstützung)

Auswertung
Die TN bleiben in ihrer Rolle an ihrem Platz im Raum stehen und werden von den TrainerInnen interviewt. Fragen dazu können sein:

  • Wie hast du dich in deiner Rolle gefühlt?
  • Wie ist es als Erste bzw Erster am Ziel zu sein?
  • Wie ist es, wenn du nicht vom Fleck kommst?
  • Welche Fragen sind euch besonders im Gedächtnis geblieben?
  • Bei welchen Fragen kamt ihr (nicht) voran?

Danach sollten die TN ihre Rollen verlassen und sich wieder im Plenum (z.B. im Stuhlkreis) zusammenfinden. Für diese gemeinsame Reflexion könnten folgende Fragen hilfreich sein:

  • Wie wurdet ihr in eurem Handeln in den jeweiligen Rollen beschränkt?
  • Was habt ihr über die Lebensbedingungen von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen erfahren?
  • Was war euch unklar?
  • Warum kommen manche Menschen voran und andere nicht?
  • Welche Möglichkeiten zur Veränderung ihrer Situation haben die verschiedenen Gruppen?
  • Worauf haben sie keinen Einfluss? Was sollte sich ändern? Was können wir ändern?

Zeit: ca. 60min
Raum: Genügend Platz, damit sich alle TN in einer Reihe aufstellen können und mindestens acht Meter nach vorne gehen können.
TeilnehmerInnen: min. 6
Material: Pro TN eine vorbereitete Rollenkarte

Die Methode stammt aus dem Ordner „Geschlechterreflektierende Bildungsarbeit. (K)eine Anleitung. Hintergründe Haltungen Methoden“. Hrsg: Autor_innenkollektiv; DGB-Jugend NDS-HB-SAN.

Autor: Jonas Weber

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